Pneumatischer Spieltisch Motherwell (6)

Juli 21st, 2012

Nach drei Monaten Arbeit haben wir letzte Hand an diesen Spieltisch gelegt.
Zwei Tage wird der Transport von Saarbrücken nach Schottland dauern, den wir selbst vornehmen müssen, da ein aufwendiges Verpacken dieses Spieltisches das enorme Gewicht von rund 540kg weiter erhöhen würde und damit auch die Gefahr von Transportschäden.
Ein großes Problem bei dieser Art von Spieltischen stellt die Regulierung der mechanisch-pneumatischen Koppeln dar.
Wir zeigen dazu ein Foto, um dies kurz zu erläutern:

spieltisch-von-hinten02.jpg

Koppeln regulieren
Die hier sichtbaren 61 Bleirohre führen zur Abgangsleiste des I.Manuals. Davor erkennt man die Bleirohre zur Koppel II/Pedal und die Keilbälgchen dieser Koppel, welche den Zugang zu den Koppelbälgchen II/I teilweise versperren. Man kann also die Koppel II/I nur vollständig regulieren, wenn die Koppelbälgchen II/P ausgebaut werden. Denn von vorne kommt man überhaupt nicht dran.
Wenn nun, die auf diesem Foto nicht enthaltenen Bleirohre vom II.Manual eingebaut sind und die nachfolgend erläuterte Crescendowalze im Spieltisch angeschlossen ist, dann hat man ganz erheblichen Aufwand alle diese Teile wieder auszubauen, um ordentlich diese Koppeln zu regulieren.

Crescendo Walze
Diese Einrichtung ist relativ einfach: ein Kasten wird bei eingeschalteter Walze unter Wind gesetzt, darüber befindet sich ein Schieber, der stufenlos die Öffnung freigibt für die angeschlossenen Registerrohre. Dieser Schieber wir rein mechanisch vom Crescendotritt aus bewegt.

crescendowalze.jpg

Hier noch ein Foto von der nahezu fertig gestellten Spieltisch-Front:

spieltisch.jpg

Und ab morgen wird wieder english-spoken. Wir hoffen nur, beim olympiaden Verkehr nicht allzu starkt in Kontrollmaßnahmen eingebettet zu werden.

gerhard@walcker.com
21.7.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (5)

Juli 14th, 2012

Von Motherwell haben wir in der Zwischenzeit rund 3000 Fotos erstellt, die wir zur Arbeit über iPad und Fotobuch für unsere Zwecke zugängig gemacht haben. Hieraus können wir gerne für Interessenten Bilder weiterleiten, wenn diese für ähnliche Zwecke benötigt werden. Hier ein Foto, wie wir das hier archiviert haben.
buch.jpg

Die Register werden im Spieltisch einmal über die Registerzüge eingeschaltet. Andere Möglichkeiten bieten sich über die Festen Kombinationen, wie Tutti. Hierzu ist erforderlich, dass Rückschlagventile dazwischen geschaltet werden, damit nicht ein einzelnes Register andere Register dazu zieht. Dies hat Walcker über solche über der Bohrung angebrachten Metallplättchen bewerkstelligt, wie in den nachfolgenden Fotos gezeigt.
Kommt der Wind von unten, so hebt der Druck das Plättchen an und lässt die Funktion folgen. Kommt Wind von oben, wird die Weiterleitung durch das aufschlagende Plättchen verhindert.

register_rueckschlagventile.jpg
register_rueckschlagventile_a.jpg

Wir zeigen hier zwei Bilder über den Aufbau der Manualklaviaturen in einem solchen pneumatischen Spieltisch. Beim ersten Foto sehen wir im Hintergrund die Ventile und darunter die Einhängung der Tasten – unter den Tasten die Keilblägchen der Manualkoppel. Diese Ventile werden mit einem Holzkästchen, das permanent unter Wind steht, umschlossen, was man auf dem zweiten Bild sieht. Auf diesem Foto erkennt man auch die mechanische Drückerschaltung unter dem I. Manual und unter dem II.Manual. Hier werden die Sub-Superkoppeln des Schwellwerks geschaltet.

tasten_ii.jpg

tasten_iia.jpg

Diese Koppeln hat man nicht mehr in dem sehr eng angelegten Spieltisch untergebracht und hat sie daher direkt hinter den Spieltisch angebaut. Der weitgehend fertig restaurierte Sub-Super-Koppelapparat zeigt uns wieder einmal, dass solch eine Orgel eigentlich nur aus lauter Bohrungen (und ein paar Pfeifen) besteht.

sub_super_a.jpg

sub_super.jpg

Nun, nach über zwei Monaten Arbeit in unserer Werkstatt (noch nicht berichtet haben wir über die Restaurierung der beiden Bälge, was in weiterem Blog folgen soll) werden wir in 8 Tagen nun wieder mit Pack und Kegel Richtung Engellande ziehen, um dort die hier gezeigten Teile wieder einzubauen. Noch ungeklärt ist ein Umstand, der elementar an der Zerstörung der Bleileitungen mitgewirkt hat, nämlich die Umstellung des Spieltisches, mit Gesicht zum Westfenster, wo er , wie das folgende Foto zeigt, nicht hingehört. Weil dadurch eine Störung der „Bedienungsharmonie“ erfolgt ist. Wahrscheinlich werden wir den Spieltisch wieder umstellen, damit links das „Great“ und rechts das „Swell bedient werden kann, wie es sich gehört. Aber wer weiß.

console_organ.jpg
gerhard@walcker.com

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (4)

Juli 8th, 2012

Bei diesem Blog möchte ich zwei Dinge an diesem Spieltisch zeigen.
Einmal wie die mechanische Bewegung in Winddruck gewandelt wird und zum anderen den Aufbau der Registerstaffelei.
Um das Ineinandergreifen von Keilbälgchen und Mechanik der Tasten zu verstehen, habe ich ein kleines Schema gezeichnet.
Hier ist die Taste des II.Man. gedrückt, während das I.Manual unbewegt ist. Es sind symbolisch zwei Koppelbälgchen eingezeichnet, die zeigen, wie solch eine Koppel funktioniert:

trakturschema.jpg

Auf dem nachfolgenden Bild, das die Tastenventile vom I.Man zeigt, sehen wir, wie die Ventile und die Keilbälgchen angeordnet sind.

tastenventile01.jpg

Alle Keilbälgchen mussten wegen fehlerhafter Belederung, die vor zehn Jahren stattfand, von uns erneut beledert werden. Ebenso mussten wir die Ventile neu beledern, weil man hier falsches Leder verwendet hat, das starke Klopfgeräusche hervorrief und nicht gut abdichtete.

tastenventile.jpg

Um das Abdichten etwas zu verbessern, haben wir unter dem Leder noch eine Garnitur Filz geleimt, was auch die ungleiche Dicke von Leder etwas ausgleicht.

ventilbrett_02.jpg

Das Foto des Ventilbretts von oben zeigt, wie akurat und eng es auf dieser Tastenteilung zugeht. Die Ventile sind durchweg aus gut getrocknetem Nußbaum gefertigt. Um mittendrin ein Ventil nachzubearbeiten oder zu regulieren, ist der Ausbau von Nachbarventilen erforderlich.

ventilbrett.jpg

Die Registerstaffeleien rechts und links arbeiten mit einer ähnlichen Technik: es wird beim Herausziehen des Registerzuges ein kleines Ventil geöffnet, das Wind in ein Bleirohr freigibt. Dieses Bleirohr führt zu einem Kästchen, in dem Rückschlagventile aus Alublech eingebaut sind, welche Tutti oder Festen Kombinationen die Handregister abschalten können.
Der Ausbau einer solchen Registerstafflei ist ein Abenteuer für sich. Wir haben das mit ein paar Bildern dokumentiert.

regstaffel.jpg regstaffel2.jpg regstaffel4.jpg regstaffel5.jpg regstaffel3a.jpg

gerhard@walcker.com 8.7.2012

How to use bone glue or hide glue in pipe organs

Juli 3rd, 2012

In this workshop I want to show how to work with natural glues.
Both hide glue as well as bone glue can only be processed with water.
The first picture shows all necessary parts you need:
dsc_0010.jpg
1. electric cooker (variable from 40-80 Grad Celsius) if possible with a movable container. So you can move it to the workpiece.
2. brush, if possible with no metal clip as glue and metal react chemically
3. bone ore hide pallets
4. water

To start take about 200g from the pallets and take same amount of water. Some more or less of water does not make much of.
This is bone granules:
dsc_0012.jpg
and this is granules made of skins:
dsc_0014.jpg
We prefer hide glue for leather and small paper gluing.

After having enriched the granules with same of water and warmed up (about 30minutes) in the electric heater to 70 Grad Celsius, the glue should have the consictency, as shown on the photo:

dsc_0031.jpg

This glue is ready for use.
The glue should be applied to the material harder side.
You can keep this glue the whole day in the electric heater at 70 Grad Celsius – but every hour you should add water to the glue, as water evaporates. After finishing your work put of the electric heater, clean the brushes with water. Next morning you can start the heater again, and after 30 minutes you can work with this glue again.
You can do some more than 10 days with the same glue. I never had problems with this method.

The glue needs about ten-15 minutes to fix leather to wood, but you have to wait more than 2 hours before you can load it.

Very important: the vessel must be closed by cover to keep the glue in the right consistency a long time.
dsc_0019.jpg

Paper, like the blue one we take for all windlines and bellows, is better to glue with wallpaper paste. Becouse the large areas are better to manage with this stuff than with the hide glue (but with this glue, some time ago they glued the books, what was a very long time ago made from paper)

gerhard@walcker.com 3rd July 2012

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (3)

Juni 30th, 2012

Der Spieltisch ist in weiten Teilen fertig gestellt.
Wir können daher heute ein Bild von vorne zeigen, das in wesentlichen Punkten erläutert wird:

spieltisch-von-vorne.jpg

Unter den beiden Manualklaviaturen befinden sich insgesamt 7 Drucktaster, welche die Koppeln, Crescendo und den Tremolo einschalten – und zwar mit Ausnahme des Tremolo alles rein mechanisch.
Dafür ist ein Relaisapparat direkt unter dem Travers angebracht, der es mit den dort eingebauten Keilbälgchen auch ermöglicht diese 6 Funktionen über die Festen Kombinationen und dem Tutti einschalten zu können. Diese mechanisch- pneumatische Kombination ist sehr interessant und das vergegenwärtigt uns, dass die Orgelbauer dieser Zeit immer mechanisch gedacht haben.
Im unteren Bereich sehen wir die zwei Apparate der Festen Kombinationen, die mit 7 Pistons eingeschaltet werden können und die in Schwellwerk und Hauptwerk aufgeteilt sind, weil dadurch die einfache Abschaltung der Handregister über jeweils ein Relais für HW und SW ermöglicht wurde. Nur beim Tutti werden beide Relais angesteuert. Und das erklärt nun auch, warum wir zwei Registerabgängs-Kästchen haben – denn diese werden sowohl vom Tutti wie von den EinzelHandregister angefahren.

Es gibt in der Pneumatik wie in der Digitaltechnik Relais die man als UND- ODER- NAND-Gatter bezeichnen könnte. Das heißt, wenn man eine Funktion von zwei unterschiedlichen Steuerungsquellen bewerkstelligen lassen will, die sich aber nicht gegenseitig beeinflussen dürfen, dann haben wir es mit einem Oder-Relais zu tun. Das hat Walcker auf zwei unterschiedliche Arten gelöst:

relais_a.jpg

Bei dem Relais mit dem Rückschlagventil ist lediglich ein kleines Aluplättchen eingebaut, das entwedet den Wind von rechts oder unten weiterleitet nach links zu dem Keilblägchen, ohne dass Wind zu einem der zuströmenden Quellen zurückleitet wird. Man könnte das aber auch wie das aufwändigere Relais links gestalten, mit zwei Keilbälgchen. Das in diesem Fall wegen der größeren Windmenge zum Balg der Tutti-Einschaltung, der alle Register hier unter Wind setzt, nicht anders gestaltet hätte werden können.
Ein identischer ODER_Relais sieht man nachfolgend, wo Crescendo und Tutti jeweils ein Keilbälgchen bedienen, das ein größeres Ventil öffnet und mit einer Bohrung dahinter wird der „Absteller im Hauptwerk“ mit Wind bedient.

relais_b.jpg

Jetzt sind wir noch dabei die abgehenden Bleirohre neu einzubauen und zu verlegen, was eigentlich eine recht einfache Arbeit ist, wie man hier sehen kann:

bleirohreii.jpg

Interessant ist die mechanische Steuerung der Pedalwindleitungen. Es handelt sich eigentlich um Abstromventile, die durch die Feder beständig zugedrückt wird und bei Druck auf die Taste nach unten fallen und das Ventil so öffnen. Dann stehen alle drei Rohre pro Taste des Pedals unter Wind:

pedal01beide.jpg

Dazu zwei Fotos,die während der Arbeit an diesen Pedalapparat gemacht wurden und wo man im Hintergrund ein iPad sieht, das uns ständig mit Fotos unterstützte, damit man immer gut informiert ist, wie es denn vorher ausgesehen hat:

pedal02.jpg pedal03.jpg

Und hier noch eine walckersche Originalzeichnung, die uns immer irgendwie begleitet hat, wenns um pneumatische Spieltische geht, nämlich spieltisch_pfeddershm.jpgdie Zeichnung des Pfeddersheimer Spieltisches, der immerhin mit einer Organola ausgestattet ist und schon von daher für Aufsehen sorgt.

gerhard@walcker.com 30.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (2)

Juni 23rd, 2012

Das nachfolgende Bild „Spieltischrückseite Motherwell“ zeigt den Spieltisch, wie er bei uns in die Werkstatt angeliefert wurde, nach dem Ausbau der Manualklaviaturen und teilweisem Ausbau der Bleirohre. Lassen Sie sich von den roten und gelben Plastikschläuchen nicht irritieren, die werden natürlich entfernt und gegen Bleirohre ersetzt. Sondern es geht bei dieser Rückseitenansicht darum, trotz dem ersten „chaotischen“ Eindruck, ein grobes Schema aufzuzeigen.
Die pneumatischen Spieltische bei Walcker waren recht einfach in ihrer Konstruktion. Die „Mechanik“ hat hier immer noch stark durchgeleuchtet, weswegen sämtliche Koppeln über Bälgchen gesteuert wurden, was für die Sub- und Superkoppeln ins Schwellwerk einen Anbau an den Spieltisch erforderte, der direkt hinter dem Pedalkästchen platziert wurde, was auf unserem Foto nicht sichtbar ist.

Das nachfolgende Bild also erklärt sich von selbst mit den Textanmerkungen. Um es in allen Details scharf zu haben, ist das Bild mit rund 220 kB etwas größer als normalerweise im Web notwendig.
spieltisch_webvariante.jpg

Die Mechanik besteht darin, dass die Tasten ein kleines Ventil betätigen, das Winddruck über die oben gezeigten Bleiröhren zu den Keilbälgchen der Tonrelais unter den Windladen führen.
Diese Tastenmechanik (I.Manual-Great) sehen Sie hier:
manualgreat.jpg

Die hier gezeigten Kupferdrähte mit den Lederwürteln führen in das unter Wind stehende Kästchen, in dem diese Ventile eingebaut sind, die wir auf dem nachfolgendem Bild sehen:
manualgreat02.jpg

Die hinter diesem ersten Manual liegenden Keilbälgchen (die entfernt wurden, da sie neu beledert werden müssen, weil die Engländern einen falschen Klebstoff verwendet haben) sind für die Koppel II/I zuständig.
Das heißt sobald eine Taste des I.Manuals betätigt wird, werden Bleirohr zum Ton des I.Manuals und Koppelbälgchen unter Wind gesetzt – erst wenn der Koppelbalg II/I einen Eisenbalken von diesen Koppelbälgchen anhebt, damit diese arbeiten können, kann die Koppel in Funktion treten. Das eben ist ein typisch mechanischer Gedanke, der bei Walcker bis zum Ende des II.WK alle Konstruktionen, auch innerhalb elektrischer und elektropneumatischer Orgeln, beherrscht hat. Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass im Orgelbau erst mit dem Aufkommen der Elektronik ab den 1970er Jahren eine Annäherung an das technische Ingenieursdenken stattgefunden hat, dass aber damit sich gleichzeitig weiter vom künstlerischen Orgelbau entfernt hat. Denn zur Kunst gehört einfach eine zur Metaphysik der Künste abstrahierende Denkweise und nicht die Abstraktion zur Mathematik und Technik, die von der Muse subtrahiert. Ich denke dabei an Eberhard Friedrich Walcker, der Pfeifenmaße teilweise mit einem Stift sich zeichnerisch vergegenwärtigte ohne dabei eine einzige Zahl zu nennen (Quelle: EFW-Notizbücher). Dieses sinnliche Element spart Energie für den wesentlichen künstlerischen Impuls, den die Klanggebung erfordert. Wer viel Zeit und Denken im Reich der Technik verbringt, wird diesen Impuls nie spüren. Das ist es, was Rupp als die „Brückenbauer“ und „Ingenieursorgelbauer“ abfällig verurteilte.

Nun zurück zu unserem Spieltisch, der von uns allerdings konsequente „Künstleraskese“ einfordert, weil wir letzten Endes hier nur zum Ziel kommen, wenn die Funktion aller Teile garantiert werden kann – und das sollte einige Dezennien Dauer erfahren dürfen.

Hier noch der Hinweis, dass bei solch einem Spieltisch alle Filzteile an den Tasten ersetzt werden müssen, und das sind hier bei jeder Taste die Kaschmirstreifen an vorderer Tastenführung und der Kaschmir in der mittleren Bohrung. Der grün gewebte Filz für den Tastenanschlag ist ebenso stillschweigend zu erneuern. Man kann übrigens sicher sein, dass außerhalb Deutschlands kein gewebter Filz durch Reparaturen der Eingeborenen jemals in irgendwelchen Orgeln das Licht der Welt erblickt hat. (auch Kaschmir ist ja ein gewebter Filz)
tastenaustuchen.jpg

Wie eine solche Bleirohrleiste, die Abgangleisten der beiden Manuale, aussehen kann, wenn man Weißleim anstelle Planatol (das ist zwar auch ein Kunstharzeim,allerdings bewahrt dieser beim Trocknen eine gewisse Elastizität, was das Herausnehmen der Bleirohre aber leichter ermöglicht) sieht man an dem nachfolgenden Foto. Die abgebrochenen Bleistümpfe zeigen, wohin die Reise geht.
abgangswinkel.jpg

Und hier noch ein Bild von den Pedalkoppelbälgchen I/P, welche die oben gezeigten Ventile öffnen. Sobald dieser schwarze Eisenrahmen durch den entsprechenden Balg hochgehoben wird, bekommen die Bälgchen Gelegenheit, die Ledermuttern der Ventile anzuheben. Alle Bälgchen in diesem Spieltisch mussten wir schweren Herzens neu beledern, obwohl diese erst vor wenigen Jahren erneuert wurden. Das zeigt, dass man mit wenig Wissen in Materialkunde sehr viel Schaden anrichten kann. Die „englisch“ verleimten Koppelbälgchen haben so zäh reagiert, sodass man nicht glauben wollte, hier mit spritziger Repetition rechnen zu können.
pedalbaelgchen.jpg

gewalcker@t-online.de
23.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (1)

Juni 14th, 2012

in den kommenden Wochen möchte ich verschiedene Blogs über die Restaurierung des pneumatischen Spieltisches für Motherwell, Walcker-Orgel Opus 876, Bj 1899, II/23, berichten.
Dieser erste Blog ist gewissermaßen die Einführung.
Es wird aber darauf verzichtet auf alle Details zu dieser Orgel einzugehen, weil das auf unserer Internetseite www.walcker.com bereits geschehen ist. (exakter Link: http://www.walcker.com/orgelwerken/0876-motherwell.php)
Was erwartet uns beim Spieltisch?

a) Zunächst ein Hinweis in Sachen Beirohre.
Die Firma Walcker hat in diesem Spieltisch Bleirohre verarbeitet mit Außen-Durchmesser 7,5mm, 9,5mm und 11,5mm. Im Handel (Laukhuff, Weikersheim) gibt es nur die Abmessungen 6mm, 8mm, 9mm und 12mm. Es bleibt also nichts anderes übrig als ein nächst größeren Durchmesser zu verwenden und die Rohrleisten aufzubohren oder eine kleinere Variante zu nehmen und gut an der Leiste abzudichten.
b) Unser Spieltisch wurde irgendwann einmal gedreht. Das heißt der ursprüngliche Blick ins Kirchenschiff mit Orgel hinter der Bank, wurde getauscht gegen Blick zum Fenster. Dadurch wurden Baß-und Diskantseite vertauscht und natürlich die Register rechter und linker Hand. Mit rechts konnte man das rechts liegende Schwellwerk bedienen und mit linker Hand das auf der linken Seite liegende HW. Nach dem Tausch hatte man nun ein schönes „Kreuz und Quer“ geschaffen. Durch die Spannung auf der Diskant-Seite und Überlänge auf Baß waren die abgehenden Bleirohre nun so schön in Unordnung geraten, das immer wieder Risse passierten die mit ebenso schönen, roten Plastikrohren geflickt wurden, was ein heiteres Flickwerk im Laufe der Zeit zustande brachte.

c) Dazu kam, dass das Flicken und Neueinpassen der Bleirohre mit völlig fehlerhaftem Kunstharzleim gemacht wurde. Das hat zur Folge, dass man das Herausdrehen von Bleirohren im Falle von Reparaturen die Bleirohre in der Holzleiste abreißen, da der Kunstharzleim völlig erhärtet und nicht nachgibt beim Herausdrehen. Deswegen ist unbedingt zu empfehlen das Einleimen der Bleirohre nur mit Fischleim (Vorschlag Markus Lenter) oder Planatol (auch dies ist ein Kunstharzleim, der aber die Eigenschaft besitzt nicht völlig auszuhärten und so das Herausdrehen der Bleirohre später gut ermöglicht). Der Fischleim (Kremer Pigmente) kann mit Gips oder Kalk angereichert werden und gibt widerstandslos das Bleirohr wieder frei, wenn man daran dreht.

d) Alle Schrauben sind „schottlandtypisch“ stark verrostet, manche brechen direkt bei leichtem Andrehen ab. Alle Schrauben sollten in solch einem Fall ersetzt werden. Ausnahme sind die wenigen, überlangen 6mm Schrauben (6×80 oder 90mm) Man kann alle Schrauben relativ günstig bei www.handwerkerschrauben.de bestellen. Hauptsächlich benötigt werden Flachkopf, 3,5x40mm, 3,5x50mm, 6x40mm, 6x45mm, 6x50mm und diverse 5er Flachkopfschrauben. Dort wo 4er Schrauben nicht mehr gezogen haben, haben wir entweder zugedübelt oder wenn es die Konstruktion erlaubt hat neu auf 5mm aufgebohrt.

e) Leder. Von Herzog gibt es ein schönes Blatt mit diversen Ledermuster. Noch schöner wäre es, wenn auch sein Service dementsprechend wäre. Aus diesem Grunde habe ich auch nach anderen Lederlieferanten gefahndet und bin bisher ganz gut mit Weißgerberei Widenmann gefahren, die übrigens auch großes und schönes Ledermusterset verschickt. Wir haben auf Grund der viel besseren Haltbarkeit die Bälgchen alle mit Känguru-Spaltleder bestückt. Während alle Dichtungen mit Balgleder, mittlere Dicke, ausgeführt wurden.

f) Ein grundsätzliches Problem stellt sich immer wieder dar, wenn Laien oder Orgelbauer aus Drittländern mit solchen Orgeln in Berührung kommen, wenn es ums Verleimen solcher Lederteile geht. Es gilt grundsätzlich: man sollte Leder nur mit Hautleim verleimen!! Ausnahmsweise darf es auch Knochenleim sein, und in ganz seltenen Fällen, bei einer Reparatur zwei Minuten vor dem Konzert könnte es auch mal UHU sein. Aber Finger weg von Kunstharzleimen, egal welcher Farbe! Wir haben hier im Spieltisch 152 Koppelbälgchen, die alle vor ein paar Jahren mit neuem Spaltleder bezogen wurden – aber welche Fatalität, der Orgelbauer hat einen Kunstleim verwendet, der alle Bälgchen zäh und träge arbeiten lässt. Dazu kommt noch der Umstand, dass er mehr als 2/3 der Bohrung an den Keilbälgchen mit Leim zugeschmiert hat, was sich bestimmt in Repetition stark bemerkbar gemacht hat. Es blieb also nichts anderes übrig, als alle 152 Koppelbälgchen neu zu beziehen und wahrlich, es geht nur Spaltleder oder eben dieses Känguruleder, das mit Hautleim aufgetragen wird.

gerhard@walcker.com 14.6.12

Die zwei Gesichter des Spieltisches

spielt01.jpg spielt02.jpg

Faltenkanal, Konstruktion und neu fertigen

Oktober 5th, 2011

Ohne jegliche Unterlagen einen solchen Faltenkanal zu fertigen war eine nicht ganz einfache Sache.
Daher habe ich mich entschlossen, diesen Vorgang hier einmal etwas darzustellen.
Zunächst die Konstruktion.
Als wichtigstes Maße benötigen wir das lichte Kanalmaß zu Balg oder Kanal. Im idealen Fall sind beide Maße natürlich gleich.
Als zweitwichtigstes Maß benötigen wir die MaximalLänge des Faltenkanals.
Alle anderen Maße können wir weitgehend selbst konstruieren, wenn man in der Regel eine Falte mit rund 5 cm breit annimmt.
Hier meine Konstruktionszeichnung, aus der man das wichtige Höhenmaß und den Grundriss mit Anlage der Falten erkennen kann:

falte01.jpg

(Als Falte bezeichnen wir Orgelbauer das Holzstück, welches mit Leder verbunden den eigentlichen beweglichen Teil des Balges darstellt)
Im nächsten Bild sehen wir die zugeschnittenen Falten aus 3mm dickem Sperrholz.

falte02.jpg

Alle Falten erhalten nun Lederstreifen, die mit Knochenleim aufgeleimt werden.

falte02a.jpg

Beim Verbinden der Falten mit anderen Falten über diese Lederstreifen muss beachtet werden, ob die Falte nach innen oder außen aufgehen soll.
Dementsprechend wird beim Aufleimen die Falte nach außen oder innen geformt und dieser Vorgang gibt den verbundenen Elementen das erforderliche Spiel, das dieser Faltenkanal beim Öffnen und Schließen benötigt.
Ein nicht unerhebliches Problem hat für mich anfangs das Aufleimen der Zwickel (das sind die Lederstreifen an den spitzen Ecken) dargestellt. Erst nach einem Gespräch mit Martin Pflüger, der sich an die Restaurierung eines historischen Keilbalges erinnerte, gab mir einen brauchbaren Fahrplan für diesen Arbeitsgang. Ansonsten muss ich bestätigen, dass kein einziger Orgelbauer mir hier irgendwelche Ratschläge geben konnte.
Man legt die verbundenen Falten nebeneinander und befestigt sie so, dass sie während des Aufleimens nicht verrutschen können. Wir haben da einfach zwei Bretter draufgelegt.
Nun können die fast quadratischen Zwickel aufgeleimt werden.

falte03.jpg

So sehen dann zwei Reihen mit Zwickel verleimten Falten aus:

falte03a.jpg

und alle vier Reihen verbunden ergeben dann dieses Bild:

falte04.jpg

und nach der Garnierung mit Blaupapier, den Leinenbändern innen und außen, sieht das Ganze dann so aus:

falte05.jpg

Keine Frage, dass wir uns in der Fertigung dieser Sache noch erheblich verbessern können – und müssen, weil noch vier solcher Kanäle ihrer Fertigung harren.
Jetzt aber geht es erst mal los in Richtung kairoanisches Verkehrschaos. Am Wochenende ist unser erster großer Arbeitseinsatz in der 21MillionenStadt.
6 Wochen nonstop Kairo.

gerhard@walcker.com

Kröpfen = eine Grundkonstruktion im Orgelbau

August 2nd, 2011

Es gibt eine Grundkonstruktion im Orgelbau, die selbst erfahrene Orgelbauer oft nicht zu deuten wissen, wiewohl sie vielleicht die Einstellung an der Kreissäge aus dem ff beherrschen. Wie gesagt aber, ohne zu wissen welcher konstruktive Grundsatz dahinter steht.

Das ist mir beim Studium einiger technischer Zeichnungen aufgefallen und auch bei der Fertigung, wobei ich nicht ausschliessen will, dass man selbst von eigener Unwissenheit überrascht wird.
Eine solche Konstruktion stellt die Formel aus dem Satz des Pythagoras: (a*a)+(b*b)= c*c (die Summen der Flächeninhalte der Kathedenquadrate sind beim rechtwinkligen Dreieck gleich dem der Fläche über der Hypotenuse). Dieser Satz war übrigens schon Jahrhunderte vorher den Babyloniern und in Indien bekannt. Was aber viel wichtiger ist, nämlich die Konsequenz, dass mit dieser Weisheit gerechnet werden kann, wurde unlängst nachgewiesen (H.Gericke, Mathematik der Antike, Orient, Abendland), dass hier die Sumerer schon 3200 v. Chr. in Stein geritzte Rechnungen durchführen konnten mit der ominösen Zahl „Wurzel aus 2. Das war zwar nur annäherungsweise geschehen, aber sollte für uns Anlaß sein, den Aberglauben aufzukünden, in der Antike wäre man einer „heiligen Zahlengeschichte um Pythagoras und seinen Schülern“ hinterher gelaufen.
Steinfund der Sumerer ca. 3500 v.Chr.
sumerer.jpg

Es scheint sicher zu sein, dass den Pythagoreern das Geschehen im Quadrat, in dem die Diagonale dann eine irrationale Zahl darstellt, wenn die Quadratseite eine schöne glatte Zahl ist, ihren ganzen „harmonischen Kosmos“ durcheinanderwirbelte, der ja wie beim Christentum auch, eine auf Harmonie ausgerichtete Gottheit voraussetzte.
Wir Orgelbauer haben seit es überhaupt Orgelbau gibt, immer mit dem Quadrat und dessen Diagonale gerechnet und konstruiert.

In der Mathematik des Mittelalters bis zu Eberhard Friedrich Walcker (hier nachweisbar an seinen eigenen Aufzeichnungen im Geometrieheft und später bei seinen Mensuraufzeichnungen) waren von pi und Wurzel aus 2 abgesehen überhaupt keine irrationalen Zahlen bekannt. Das Denken dieser Meister war von Proportionen, Berechnungen über Strahlensätze und einfachsten Berechnungen, wie Addition, Divison etc. geprägt. (Leuthold schreibt in seinem Buch „Berechnungsgrundlagen der Orgelpfeifenmensuren“ (…) Unterstufe des Gymnasiums“. Mir persönlich wäre diese Deutung lieber: alle Orgelpfeifen, die wir heute nachbauen, die wir als Vorbild unserer Arbeit unterlegen, sind mit diesen Berechnungsmethoden erstellt worden.

Geometrische Konstruktionen zur Gewinnung von Proportionen im Orgelbau sind nachweisbar von Salomon des Caus aus 1615, wo ein Quadrat und mittig mit 8 Dreiecken geteilt wurde und von Athanasius Kircher(1650), der mit der für diesen Blogbeitrag wichtigen Diagonale des Quadrates arbeitete.
Konstruktionen nach Caus, darunter Kirchner

caus.jpg
kircher_mensuren.jpg

Wo brauchen wir heute im Orgelbau diese geometrischen Konstruktionen noch, wo doch alle Welt weiß, dass dieser ganze Blödsinn mit „heiligen Zahlen“ und „geometrischem Schnickschnak“ nichts als dunkelster Aberglaube war, den wir endlich nach dem Eintreten ins gelobte Land des Digitalismus hinter uns gebracht haben. (übrigens „digit“ stammt aus der römischen Antike, ist also „antiker“ kalter Kaffee. Dort war es die kleinste Recheneinheit, der Finger)

Ich gebe gerne zu, dass es für mich recht einfach war, die nachfolgenden Zeichnungen über digitales CAD auszuführen, aber genauso schnell verblendet uns wiederum dieses digitale Treiben, um des Pudels Kern deutlich zu erkennen. Im Übrigen geht es nicht darum Gegenwart zu verleugnen und Vergangenheit aufzuwerten, sondern es geht schlicht darum jeder Zeit ihren spezifischen Geschmack herauszuarbeiten und zu finden. Da übertreibt man oft gerne im Sinne eines seltsamen Historismus, der ohnehin immer Gegenwart klein macht.

Nun also, nach all den vielen Vorworten, zum Pudel.

Wenn in einem Orgelgehäuse die Höhe nicht reicht, muss der Orgelbauer Pfeifen kröpfen. Auch muss er kröpfen, wenn er Kanäle über Hindernisse leitet. (Trakturen umzuleiten, bezeichnen wir hingegen nicht als „Kröpfen“ sondern wir bauen Wellen, Wippen, Winkel und lenken die Kraftbetätigung solchermaßen um, wobei aber auch in diesem Fall Konstruktionen mit der Wurzel aus 2 sehr hilfreich sind).
Bei Walcker fand ich einige Zeichnungen die sich mit dem Thema beschäftigt haben, allerdings fand ich nie eine „Konstruktionserklärung“.

holzpfeifen_walcker.jpg

Die gesuchte Konstruktionserläuterung fand ich bei Peter Kraul, ISO Information Nr.32 vom November 1990, wo sehr schön in klaren und einfachen Worten die Methodik erläutert wurde . (übersetzt übrigens von Mark Venning auf English und von Kurt Lueders auf Französisch. Sollten sich Leser für diesen Artikel interessieren, so können wir ihn gerne kopieren)

Der einfachste Weg eine Pfeife oder einen Kanal umzulenken ist, einen 45 Grad Schnitt zu machen und die Pfeife oder der Kanal läuft im Winkel von 90 Grad weiter:

kropf1a.jpg

Jedermann wird sofort klar, dass dieser brutale, einfache Schnitt seine Mängel haben muß. Bei der Pfeife im Klang, beim Kanal kann man sich denken, dass die „Wirbel“ ein Freudenfest feiern.
Also werden wir, um Wirbel zu vermeiden, einen doppelten Schnitt durchführen:

kropf1bl.jpg

Bertrachten Sie dieses NBild einmal aus der Warte des Zuschneiders, wenn er an der Kreissäge steht. Er muß also, um den Kanal oder die Holzpfeife an der Kreissäge abzuschneiden, einen Winkel von 22,5 Grad einstellen. Dabei muß er zweimal sägen, um einen Abgang nach oben von 90 Grad zu erhalten. Dieser Winkel von 22,5 Grad ist deshalb exakt 45/2. Dieser Schnitt und die Einstellung an der Säge muß ganz exakt sein, weil sich sonst beim Anpassen der Schnittstellen Fehler doppelt auswirken. (ist der Winkel auf 22 Grad, so ist der Abgang am Ende 88 statt 90 Grad)

Wie aber, so fragt man sich, wird dieses Kropfstück in seiner Länge bemessen?
Bei einem quadratischen Kanal (das Beste, das man sich wünschen kann) haben wir optimale Windverhältnisse, und wir können sogar zwei Winkelschnitte gleichzeitig führen, wenn der Kanal in drei Dimensionen gekröpft werden soll, also von der Seite nach oben, und von oben gesehen von links nach rechts oder umgekehrt.
Auch hier hilft uns die Geometrie, denn dann schneiden wir den Kanal mit einem Winkel von 22,5 im Anschlag und die Säge wird auf 22,5Grad gestellt. Das Ganze nennt sich dann geometrisch: Wurzel aus 3. (Die Diagonale des Kubus)

Bleiben wir beim zweidimensionalen Kröpfen.
Natürlich ist der halbe Winkel von 90 Grad = 45 Grad (wie auch im vorigen Beispiel).

kropf2_a.jpg

Und hier stellt sich nun die Frage: wie bestimme ich den Schnittpunkt, wie berechne ich die Länge des Kropfstückes?

Da sind wir wieder bei unserer einleitenden Geschichte, mit heiligen Zahlen, Proportionen und irrationalen Zahlen, indem wir kurz unser Quadrat unter die Lupe nehmen, mit dem wir diese Konstruktion vornehmen:

quadrat.jpg

Denn, gegeben ist der Abstand a zwischen dem kommenden und abgehenden Kanalstück. Nehmen wir an, ich habe 10 cm Platz zwischen diesen beiden Punkten, so multipliziere ich diese 10cm mit Wurzel aus 2 oder 1,4142 (oder mit dem im ipad integrierten Taschenrechner) und weiß dann, dass das Kanalstück an oberer Kante exakt 141,42mm lang sein muß.

Dann kann man natürlich noch, obwohl es unnötig ist, alle weiteren Winkel schön darstellen und weitere komplizierete Varianten errechnen……

kropf2_winkel.jpg
Zur Fertigung braucht man das nicht mehr.

… und all das mit dunkelstem, dunklen Aberglauben,
Sumerer, Pytagoreer, Mittelalter,

Übrigens hat Peter Kraul in seinem Vortrag gezeigt, dass unser Alltag durch und durch mit dieser verzwackten irrationalem Wurzel aus 2 durchsetzt ist, so die DINA-Formate multiplizieren oder teilen sich durch die Wurzel aus 2 zur nächsten Größe. Ja, kann man da die Mittelalteren tadeln, dass sie dieses geheimnisvolle Werkzeug für ihre Mensurgestaltung verwendet haben? Oder die Schrifthöhen, auch sie multiplizieren sich mit der Wurzel aus 2.

Wir finden neben der Mensurgestaltung, der Lenkung von Winkel und Wippen, der Balgkonstruktionen, Windladenmaßen (Ventilgrößen, Bälgchen, Bohrungen etc.), und wie hier gezeigt die Konstruktion von Kröpfen, genügend Beispiele im Orgelbau, die beweisen, dass dort immer noch das Proportionsdenken und die geometrische Gestaltung ihre Berechtigung haben.

gerhard@walcker.com

Registereinschaltung Walcker-Orgel in Kairo Baujahr 1912

Juli 17th, 2011

Wir haben es hier mit einem „Zustrom-System“ zu tun, das außergewöhnlich stabil funktioniert.
Nicht nur wegen dem sagenhaften Material, das Walcker schon 1912 für seine Bälge verwendete, die den Stecher in Bewegung versetzen, der die Registerklappen öffnete, sondern auch deswegen, weil man mit diesem System bereits bei mechanischen Kegelladen und dann später bei den pneumatischen Kegelladen genügend Erfahrungen sammeln konnte.
Das Material, das für die Betätigungsbälge verwendet wurde, es handelt sich um einen schwarzen Kunststoff, der völlig unverbraucht vorhanden war, ohne jegliche Undichtigkeit. Und der nur deswegen ausgewechselt werden musste, weil durch den Ein-und Ausbau in jedem Fall Verschleiß stattfindet, der für die eine oder andere Delle sorgt.

Hier die Zeichnung für eine solche komplette elektro-pneumatische Registersteuerung

register_cad_gwm.jpg

Funktionsweise: der Hebelmagnet (rechts unten) hebt das kleine Ventil, welches den größeren Balg unten links mit Wind versorgt. Dieser Balg hebt sich und den Stecher. Dieser Stecher drückt die runde Zinkplatte des Registerventils im Windkanal, was das Aufreißen der Registerplatte nach oben bewirkt. Zwei Haken verhindern, dass die Platte nach oben wegdriftet. Soweit ich gesehen habe sind alle Zinkplatten von gleichem Durchmesser, während die Registerventile leichte Unterschiede in den Maßen aufweisen. Das größte Registerventil haben wir bei der Konzertflöte 8′ im HW, während Principal 8, Bourdon 16 und andere Register weitgehend gleich bemessen sind.

Die im Kanal unter Wind liegenden Registerklappen kennt man bei Walcker schon aus uralten Anfängen. Wir möchten sie hier in Formeines dreifachen Fotos zeigen. Ein in Holzrahmen gefasstes rundes Zinkblech wird von dem Stecher aufgestoßen und öffnet das komplette Registerventil, das dann die Registerkanzelle unter Wind setzt.

registerklappe.jpg

Die Stecher sind zusammengefasst in einem Brett:

stecher.jpg

gwm 17.7.11

Pneumatische Schleifladenorgeln in England

Mai 3rd, 2011

Sehr überrascht waren wir vor einigen Tagen in Schottland eine pneumatische Schleifladenorgel anzutreffen, die außerdem eine hervorragende Qualität besitzt. Leider aber vor etwa 15 Jahren schlecht restauriert wurde.
Der Erbauer Evans & Barr aus Irland hat das Instrument etwa 1924 erbaut (Ort und nähere Bestimmung bleiben mir leider versagt hier darzustellen, weil es sich einige Orgelbauer zur Gewohnheit haben werden lassen, hier Informationen einzusammeln, um sich dann bei der Kundschaft anzubiedern, wie erst vor wenigen Wochen geschehen von Reichenbach Orgelbau u.a., oder wie diese Schnellgründungen im Fast-Food-Orgelbau heutzutage alle heißen).
Das Instrument von E&B, also mit hervorragender Qualität ausgestattet und vorzüglichem Klang, leidet an einem nicht restauriertem Spieltisch und Undichtigkeiten in der Windanlage, Störungen in der Pneumatik.
Zunächst möchte ich kurz erläutern, welche grundsätzlichen Möglichkeiten bei der Schleiflade eigentlich möglich sind: nämlich bei der Windlade besteht durch einen Barker-Balancier-Hybrid sowohl die Möglichkeit mit Zustrom oder mit Ausstrom das Tonventil aufzureißen.
Dazu die beiden Bilder aus Reginald Withworth „the Electric Organ“. Man muss sich die Magnete wegdenken und anstelle dessen ein kleines Bälgchen und man sieht die pneumatische Funktion.
Hier zunächst ein ABSTROM-Modell, das heißt der am Ventil angehängt Balg bekommt ständig Wind. Wird das Bälgchen aktiviert, hebt es das Relais und der Wind kann entweichen, der Balg reissst das Ventil auf, der Ton erklingt.

abstrombalg-in-lade.jpg

Die nachfolgende Zeichnung zeigt eine ZUSTROM-Konstruktion. Hier wird ein außenliegender Barker bei Aktivierung des Bälgchens oder Magneten mit Wind gefüllt und öffnet das Ventil.

zustrombalg-in-lade.jpg

Ich möchte kurz erklären, warum ZUSTROM und AUSSTROM für den Orgelbauer eminent wichtige Begriffe sind.
Bei einem AUSSTROM-System liegt gewissermaßen die gesamte pneumatische Leitung ständig unter Wind. Werden hier Undichtigkeiten durch Heizung oder schlechtes Holz realisiert, dann haben wir es mit Heulern zu tun, da ja bei ausströmendem Wind die Funktion ausgeführt wird. Bei ZUSTROM-Systemen haben wir dagegen „dead-notes“, das heißt das eingeschaltete Register begrüßt uns nicht von vorneherein mit einem Pfeifton, sondern vereinzelte Töne gehen nicht. In Deutschland sind typische ZUSTROM-Systeme bei der Kegellade und ABSTROM gibt es bei Taschen-, Hängebälg- oder Membranladen. Die letzteren haben den Vorteil der schnelleren Ansprache, was sich bei Zungen positiv bemerkbar macht..
Es kommt hinzu, dass man aus Gründen der Störsicherheit beide System im Spieltisch kombinieren kann, was bei Ellerhorst, dessen Wechselwind-Spieltisch ich nachfolgend zeige, gut und plausibel dargestellt wird. Exakt ein solcher Spieltisch wurde uns an dieser Schleifladenorgel in Schottland uns präsentiert:

spieltisch_wechselwind.jpg

Hier ein Foto des Spieltisches auf dem man die Ventile und dazugehörige Mechanik erkennen kann:

dscf0402.jpg

und hier ein Foto der Keilbälgchen an der Schleiflade des SWELL dieser Orgel. Wir sehen also an den Tasten des Spieltisches das ABSTROM-System, wo der Wind ausgelassen wird und an den Keilbälgchen vor den Windladen das ZUSTROM-System. Denn die Bälgchen benötigen ja aktiven Wind, um das Relais zu heben.

dscf0167.jpg

Im Prinzip entspricht dieser Aufbau der schematischen Skizze von Whitworth, wie ich sie nachfolgend zeige. Es handelt sich dabei um die von Father Willis (Henry Willis) gebaute Orgel für St. Pauls Cathedral, die 1872 gebaut wurde und etwa mit der ersten Röhrenpneumatiken in Deutschland erfunden wurden. Die Engländer bezeichnet das System „pressure“ für Zustrom.

pneum_schleiflade.jpg

Wie bereits gesagt, gab und gibt es sehr viele unterschiedliche Variationen zwischen AUSSTROM und ZUSTROM- System, wobei dieses Wechselwindsystem Vorteile hat in der Verwirklichung einfacher Koppelsysteme und in Bezug auf die Funktionssicherheit.
Mich würde interessieren, ob es in Deutschland solche Spieltische gibt und wer Erfahrung im Umgang mit solchen Spieltischen Interessantes zu sagen weiß.

gewalcker@t-onlline.de

Die Walcker-Orgel Opus 1085 in Heidelberg-Christuskirche

April 1st, 2011

Diese Orgel, im Jahre 1903 rein pneumatisch gebaut, hat in den vergangenen 100 Jahren zwar einige Maßnahmen über sich ergehen lassen müssen, war aber nie soweit umgestaltet worden, dass man einer Rückführung auf das ursprüngliche Klangbild und jetzt auf den ursprünglichen technischen Zustand, nämlich die pneumatische Traktur, hätte nicht durchführen können.
Nun also ist das Werk wieder auf etwa dem Zustand wie es im Jahr 1903 war. Und das Besondere ist neben dem hervorragenden Klang, den Gerhard Lenter verantwortet, ein pneumatisches Wunderwerk, das sein Sohn Markus gestaltete.
Die Orgel, die in 1954 auf elektropneumatisch umgerüstet wurde, erklingt jetzt als pneumatische Orgel.
Dazu ist festzustellen, dass diese Spielart eine ganz hervorragende Präzision besitzt, die neben dynamischen Möglichkeiten, Register entweder spritzig schnell ansprechen zu lassen, auch ein weicheres Einschwingen der Pfeifen erlaubt. Die Präzision ist unschlagbar, das Beste, das ich bei pneumatischen Instrumenten bisher gehört und gesehen habe.
Der Klang der Orgel dürfte sehr nahe an die Schule „Fritz und Eberhard Walcker“ herankommen, was bekanntlich in Oscar Wackers elsässische Bestrebungen mündete mit der späteren ersten großen Reformorgel in Dortmund Reinoldi.
Noch wird in Heidelberg hart gearbeitet, insbesondere an der Intonation. Die Einweihung soll an Ostern stattfinden.
Wer hier in Deutschland also noch die romantischen Mixturen sucht (2-1 1/3-1-4/5 oder 2-1 3/5-1) wer Sibelius-Klarinetten sucht, die hier natürlich durchschlagend sind und die auch Oscar Walcker in Mensur völlig unverändert übernommen hat oder wer die singenden Principale sucht, die sich vom I.Manual hinauf zum Dritten aufhellen, als ginge das Licht in der Kirche crescendo stufig an, der sollte nach Heidelberg, nicht nur, um den reichen Fundus an Flöten hören zu können, sondern auch, um zu sehen, dass die Walckersche Pneumatik unschlagbar exakt und präzise gearbeitet hat. Daher auch der nur schwerliche Übergang zur elektrischen Traktur, den Carl Walcker für unnötig erachtete.

Dispo aus dem Opusbuch (die bei Doering genannte Disposition ist nicht mehr aktuell)
I.Manual Hauptwerk C-g3
1 Principal 16
2 Principal 8
3 Gedackt 8
4 Doppelflöte 8
5 Viola di Gamba 8
6 Synthemtophon 8
7 Gemshorn 8
8 Octave 4
9 Rohrflöte 4
10 Rauschquinte 2 2/3+2
11 Mixtur 3-5f 2
12 Mixtur min. 4f 1 1/3
13 Trompete 8 c

II.Manual Schwellwerk
14 Bordun 16
15 Principal 8
16 Salicionnal 8
17 Dolce 8
18 Quintatön 8
19 Traversflöte 8
20 Schalmei 8
21 Octav 4
22 Flöte 4
23 Piccolo 4
24 Mixtur 3-4f 2 2/3
25 Clarinette 8

III.Manual Oberwerk schwellb.
26 Lieblich Gedackt 8
27 Geigenprincipal 8
28 Rohrflöte 8
29 Viola 8
30 Vox coelestis 8
31 Aeoliine 8
32 Traversflöte 4
33 Fugara 4

Pedal C-f1
34 Principaalbass 16
35 Violonbass 16
36 Subbass 16
37 Quintbass 10 2/3
38 Octavbass 8
39 Violoncello 8
40 Octav 4
41 Posaune 16
42 Trompete 8
T Gedacktbass 16
T Saicetbass 16

Gerhard Lenter
gerhard_lenter01.jpg


hinterm Spieltisch

spieltisch_hinten.jpg
gwm

Walcker.com von malware-Attacke betroffen

Februar 13th, 2011

Ein Teil unserer Internetseiten wurde am Samstag, den 12.02.2010 gegen 1 Uhr von einer Hackerattacke mit Verlinkung zu Trojaner oder Viren belegt. Genauere Untersuchungen laufen.
Der Stand momentan ist, dass es sich vor allem um die index-Dateien von walcker.com und bei gewalcker.de gehandelt hat. Wir spielen momentan alle Dateien von walcker.com neu auf. Denn die Attacke ist von außen auf den Server unseres Providers 1&1 geschehen, der vollkommen verantwortungslos, weder Virenscanner noch irgendwelche Hilfsmaßnahmen bereitgestellt hat. Diese Erfahrung hat uns belehrt, dass mit hohem deutschen Sättigungsgrad kein Überleben in der heutigen Internetzivilisation mehr zu halten ist. Wir werden daher diesen Provider schnellstens wechseln und empfehlen allen Webseitenjongleuren keinesfalls auf diese Firma zu setzen.
Sobald die Seiten von allen gängigen Webprüfeinrichtungen als „clean“ markiert werden, melden wir uns via Newsletter erneut. Und werden hier entsprechend berichten.

gewalcker@t-online.de

Midi auf der Tamburini in Rom-Santa-Cecilia

Dezember 11th, 2010

Das MUSICAL INSTRUMENT DIGITAL INTERFACE stellt ein Datenübertragungsprotokoll zwischen Musikinstrumenten und PC dar. Auf dem PC muss dafür eine Software installiert sein, ein sogenannter „Midi-Sequencer“ der diese Daten mit dem „midifiziertem“ Instrument austauscht. Also vom Instrument können die Informationen gesendet und empfangen werden, ebenso vom PC.
Die Verbindung zwischen PC und Instrument muss über sogenannte „MIDI-Kabel“ bewerkstelligt werden, was meist ein kleines Interface notwendig macht, da die 5-poligen „Midiein+Midiausgangskabel“ nicht direkt im PC angeschlossen werden können. Diese Midi-Interfaces kann man bei Conrad für lau „25,–“ samt Kabel bestellen.
Die Software, also der Midi-Sequencer, dafür schlage ich CUBASE vor, weil da alles, vom Notendruck bis zu feinsten Midieinstellungen enthalten ist, kostet in der „Essentiel-Variante“ gerade mal 180,–Euro. Studiversionen gibt’s für 80,–.
Voraussetzung bei der Pfeifenorgel ist, dass das Instrument elektrisch spielbar ist und eine Midieinrichtung hat. Es gibt hier mehrere Möglichkeiten, die nachträglich eingebaut werden können.
Es muss jedoch deutlich betont werden, dass diese MIDI-Technik keinerlei künstlerische Möglichkeiten bietet, Orgelmusik ästhetisch aufzubereiten. Der Grund liegt einfach daran, dass der mechanische Ablauf des Orgelspiels, die ganze sinnliche Erwartungshaltung des Hörers gründlich eintrübt. Und ganz anders als bei einer CD-Aufnahme, wo die menschliche Interpretation mit seinen winzigen Raum-und Zeitversetzungen, mit den kleinsten Betonungen bestimmter Akkorde oder Noten, den minimalen Tempiverzeichnungen u.a., eben alles dieses Menschenmusizieren mit ihrer Wärme und Feinfühligkeit uns Hörer erst in den vibrierenden Zustand versetzt, begierig den neuen Takten entgegenzuhören, während der Midi-Roboter ganz maschinell in sein vorgegebenes Raster einsortiert und abspielt.
Wir können diese ganze grobe Begeisterung für die Miditechnik auf seiten der Pop-und Rockindustrie nur insoweit verstehen, weil diese Technik eine gewisse Konsumhaltung befriedigt, künstlerisch aber höchst fragwürdig ist und meiner Meinung nach sogar die Entwicklung dieser Musikstile wie Heavy Metal u.a. ganz erheblich beeinträchtigt.
Dennoch sollte beobachtet werden, ob diese Technik nicht für Klangproben und andere Dinge eingesetzt werden kann, weil damit der Orgelbauer im Raum die Orgel nach seinen Vorstellungen abhören kann. Denn dazu sind nur wenige Handgriffe notwendig. Das Einstellen von Registerkombinationen kann sogar über einen Handsender erfolgen. Die Tragfähigkeit und Lautstärkenintonation verschiedener Registerkombinationen scheint damit ganz plausibel überprüfbar zu sein. Ob das die Nachteile dieser Technik aufwiegt, wage ich allerdings nach diesen wenigen Versuchen nicht abschließend festzustellen.
Im nachfolgenden Text möchte ich etwas detaillierter auf die Technik mit Sequencer und Anschluß des Interfaces mit den Kabeln eingehen.
Zunächst benötigen wir die Sequencersoftware, die vornehmlich aus dem Steinbergschen Cubase bestehen sollte. Auf alle Experimente mit Freeware kann man getrost verzichten. Cubase ist vorzüglich für die Pfeifenorgel geeignet und wir können damit alle wichtigen Einstellungen vornehmen.
sequencer.jpg
Man importiert mit dieser Software das down-geloadete Midifile (eine ganz vorzügliche Adresse für klassische Musikfiles ist: http://www.classicalmidiconnection.com/cmc/midiplay/playmidi.shtml?mid/bach/inv2v01c , wo ich bisher alle Komponisten gefunden habe, die mir wichtig erschienen. Der Download ist allerdings nicht ganz einfach. Man clickt das entsprechende file an, das im site-eigenem Player abgespielt wird. Das stoppt man und geht in die darunter liegende Zeile mit dem file-link, und gibt dort beim firefox-browser mit Rechtsclick darauf an: Ziel speichern unter.., daraufhin kann man das file.mid z.B. auf dem Desktop ablegen) in ein neues Projekt.
komponisten_satt.jpg
Nun legt man neue Midispuren an, auf die man die Daten der importierten files kopiert. (Wer hier Probleme hat kann mich kontaktieren für weitere Erklärung, da das alles nicht ganz einfach war). Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass die Software das angehängte Midi-Interface (Midilink) erkennt, und im Recorder weiter unten, beim Abspielen der Midiausgang aufleuchtet.
Auf nachfolgenden Fotos einige Erläuterungen.
anschluessejpg.jpg orgamat.jpg
Mit diesem Sequencer kann man schneller oder langsamer ablaufen lassen und letztendlich jede einzelne Note korrigieren. Man kann ebenfalls selbst Orgelmusik über den Spieltisch einspielen und editieren, auch Noten ausdrucken. Die Begeisterung sollte sich aber in Grenzen halten, auch wenn man bis zu 1/64 Noten damit editieren kann. Denn außerhalb dieses Rasters geht absolut nichts. Das heißt, die maschinelle Mechanik, die hier am Ende abgespielt wird, wirkt unheimlich ermüdend, weil sich das erfrischende Element des leichten Verifizierens, das menschliche Spiel des laufenden Wechsels hier absolut nicht stellt.

Hier ein Video, das verschiedene Möglichkeiten zeigt:

(also die Orgel klingt nicht so spitz wie das mein Kameramikro aufgezeichnet hat)
gewalcker@t-online.de

Halbe Reise im Orgelbau – welche Bedeutung hat dies?

November 27th, 2010

Zunächst möchte ich auf einen wichtigen Beitrag zum Thema hinweisen der die mechanischen Kegelladen betrifft:
http://blog.walckerorgel.de/2010/04/14/anleitung-zum-regulieren-mechanischer-kegelladen/

Ein interessierter Organist der gleichzeitig Ingenieur ist, hat sich verwundert gezeigt, über meine Aussage, dass bei einseitiger Regulierung am Spieltisch, die „halbe Reise“ in der Orgel allgemein verstellt werden wird, was dann dazu führen kann, dass zwar am Spieltisch eine solide und gerade Tastenebene in den Manualen zu sehen ist, während die Abgangswinkel und -Wellen im Orgelinneren in einen unschönen Zustand verreguliert werden, welches ganz allgemein eine zähe Traktur verursacht und die Kegel nicht mehr ganz öffnet. Es handelt sich also hier um eine mechanische Kegellade.

Die „Halbe Reise“ beim Orgelbauer aber gilt bei allen mechanischen Elementen, also auch in Register- oder Schwellertraktur und natürlich erst recht bei den Spieltrakturen der Schleiflade.

Man sieht an der nachfolgend gezeigten Zeichnung, die eine liegende Winkeltraktur zeigt, dass die „halbe Reise“(roter Winkel) exakt in der Mitte des Trakturgangs liegt, der als „ganze Reise“ beschrieben wird. Der Trakturgang also wird im Orgelbau mit „Reise“ bezeichnet.
Wenn man verstanden hat, dass die Reise an beiden Enden, also am Ruhepunkt und am maximalen Aufgangspunkt der Traktur, ihre extremsten Bedingungen widerfährt (wie Reibung am Lager und Anfasspunkt), wird klar, dass „halbe Reise“ die optimalste Stellung zu allen Trakturgliedern hat – und in keiner anderen Stellung dies so sein darf. Denn wird diese optimale Stellung vor oder hinter die „Halbe Reise“ verlegt, so werden die „widrigen Bedingungen“ an anderer Stelle verschärft.

Der Orgelbauer zeichnet grundsätzlich seine ganze Mechanik auch in seinen Durchschnitten immer nur in der optimalen Trakturstellung, bei der alle Glieder in eindeutigen Winkeln wie 90 oder 45 Grad zueinander stehen, also in „halber Reise“.

Vielleicht kann mir ein Orgelfreund mitteilen, woher der Begriff der „halben Reise“ stammt. Denn wir sehen aus den Aufzeichnungen Oscar Walcker’s, die er wohl um 1939-45 ausgeführt hat, dass er diesen Begriff nicht erwähnte und nicht kannte.

halbe_reise.jpg

(gwm aus Rom)

Die neue elektronische Steuerung in Rom Santa Cecilia

September 27th, 2010

Nach Abschluss der Installationsarbeiten stelle ich dieses Bussystem hier einmal in ein paar Bildern vor.
Diese neue elektrische Anlage besteht aus einer Einheit, die im Spieltisch untergebracht ist. Dort finden wir Midianschluss, den Setzer, die komplette Logik für die 38 Koppeln (darunter fast in jedem Manual Sub- und Superkoppeln) und den Sender, der die Daten per twisted-pair-Kabel an den Schaltschrank, der im Unterteil der Orgel eingebaut ist, übermittelt. Eine weitere Einheit ist der Schaltschrank in der Orgel, von dem alle Magnete in der Orgel aus angesprochen werden.
Hier ist das entscheidende Element die absolute Schnelligkeit der Elektronik, damit bei vollgriffigem, gekoppelten Spiel und schnellen Trillern absolute Präzision vorliegt. Wir können bestätigen, dass dies mit den uns vorliegenden Bauteilen mit bravouröser Sicherheit gewährleistet wird, während bei selbstgebastelten Anlagen genau an dieser Stelle die entscheidenden Mängel zu finden sind.
Hier also der Spieltisch:
spieltisch021.jpg
Im linken oberen Teil befindet sich Processor, Sender, darunter die Kabelanschlüsse für +- 18V und Sicherungen der einzelnen Module. Ganz links der Gleichrichter 24V für die Elektronik. Unser Orgelstrom für Registereinstellmagnete ist 18V=.
Ein weiteres Bild vom Spieltisch, wo man den Kabelschlauch mit Stecker und Buchse erkennen kann:
spieltisch011.jpg
Wir haben zwei Buchsen, die noch ins Podium eingebaut werden und folgendermaßen bestückt sind:
stecker_buchse.jpg
zwei Kabel für 230V (Motoreinschaltung und Stromzufuhr Lichter)
vom Gleichrichter (rot+blau +-18V)
twisted pair Kabel für die Digitale Datenübermittlung

Die Datenkabel werden an den Schaltkasten angeschlossen, der hier abgebildet ist:
schaltkasten01.jpg
Die verschiedenen Module, die hier mit roten LEDs aufleuchten sind allesamt „Treiber“ für Windladenmagnete. Jedes dieser hier gezeigten Module hat 16 Ausgänge. Der Rahmen ist nach außen aufklappbar. Am inneren Teil befinden sich nocheinmal so viele Module. (einer der größten Schaltkästen der mit diesem System bislang realisiert wurde).
schaltkasten02.jpg

Hier ein Detail dieser Module. Jeder Ausgang ist zudem noch mit einem LED bestückt. Wird der Ausgang angesprochen, leuchtet die LED auf. Das erspart sehr viel Fehlersuche an der falschen Stelle, wenn einmal ein Magnet nicht ansprechen sollte.
detail-schaltkasten.jpg

Insgesamt sind in dieser Orgel über 1400 Magnete, die über diese Elektronik angesteuert werden.
Ich kann mir heute ehrlich gesagt nicht vorstellen, eine vergleichbare Arbeit auf anderer Weise, als in der hier vorgestellten Art, durchzuführen.

gewalcker@t-online.de

(der Beitrag wird demnächst mit zwei kleinen, aber schönen Bildern ergänzt werden)