Die Walcker-Orgel Opus 1855 gebaut für die Nieuwe Zuiderkerk in Rotterdam 1914-16, IV/64+11, umgestellt 1969/72 (Jos. Vermeulen, Alkmaar) in die Martinkerk in Doesburg.
Diese Orgel stellt eigentlich das einzige spätromantische Werk Oscar Walcker’s dar, das heute noch etwas von seinen Vorstellungen über Monumentalorgeln erahnen lässt. Das weitgehend vollständig erhalten ist, und man kann so dieses Instrument, wie es Paul Peeters und Hans Fidom in Ihren Beiträgen getan haben, als die kleine „Michaelisorgel“ bezeichnen, womit gesagt sein soll: „die Klänge der großen Hamburger Walcker-Orgel, ehemals in der Michaeliskirche aufgebaut, sind nicht vollständig verloren, wir finden sie wieder durch dieses Instrument.
Diese Orgel ist uns sehr wichtig, weil die Holländer hier etwas geschafft haben, was bei uns in Deutschland, wo Walcker ja weitgehend tätig war, nicht im Geringsten möglich war. Nur im Ausland haben wir noch die Möglichkeit große Walcker-Orgel anzutreffen, die erstens gut restauriert wurden und zweitens meist umfassend erhalten sind. Die drittens auch intensiv genutzt werden, wie hier in Doesburg eine umfassende CD-Produktion zeigt.
Ich stelle hier drei CD’s vor, die wahrscheinlich nicht mehr am Markt sind, dafür aber wieder neue.
Die Geschichte dieser Orgel ist etwas unglaublich abenteuerliches: sie wird mitten im Ersten Weltkrieg in Holland von dem Orgelbauer Hermann Langenstein in Rotterdam eingebaut. (Ein Glück, dass die Holländer während dem ganzen Krieg Neutralität bewahrt haben!). In den 1960er Jahren wird sie aus Rotterdam hinauskomplimentiert und durch persönlichen Einsatz eines Ingenieurs nach Doesburg gerettet.

Von Langenstein habe ich in meinem Archiv sieben Postkarten gefunden, die er während der Montage aus Rotterdam nach Ludwigsburg geschickt hat. Das sind historisch sehr interessante Sachverhalte, die er hier schildert, und ich vermute, viele Monteure bei Walcker, die das lesen würden, sie würden nicht nur ihre Geschichten dort wieder finden.
Paul Peeters schreibt in seinem Artikel (Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH – in ASPEKTE DER ORGELBEWEGUNG 1995), dass sowohl die Anlage der Hamburger Michaelisorgel der Doesburger Orgel sehr ähnlich ist. Er nimmt Bezug auf den Spieltisch, das Fernwerk, sowie auf den Umstand, dass auch hier nur bestes Material Verwendung fand und so keine einzige Zinkpfeife in dieser Orgel zu finden ist. Beide Orgeln wurden ja von großzügigen Spendern finanziert, die ausdrücklich nur hervorragende, beste Qualitäten forderten.
Weiter findet sich bei Paul Peeters Beitrag der Hinweis, dass sowohl in Hamburg wie auch in Doesburg die Bezeichnungen „Silbermann-Mensur“ verwendet wurden. Das ist auch in den entsprechenden Werkbüchern (Opusbüchern) bei Walcker nachzulesen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass hier die Messungen, die wohl Oscar Walcker selbst vorgenommen hat, auf Grund von falschen Voraussetzungen durch Albert Schweitzer und Emile Rupp, stattgefunden haben, und so die Mensuren Wetzels in die Mensurbücher der Firma Walcker als „Silbermannmensur“ Eingang gefunden haben (nachzulesen u.a. bei Markus Zepf „Praetoriusorgel“)

Nachdem Disposition und Darstellung dieser Orgel ab 1916 (die halbe Welt befand sich bekanntlich zu dieser Zeit im Stellungskrieg mit Deutschland. Die Niederlande blieben im Ersten Weltkrieg offiziell neutral und konnten sich auch aus dem Krieg heraushalten. Sie hielten ihre Truppen aber dennoch bis zum Kriegsende mobilisiert und hatten überdies mit einer großen Flüchtlingswelle aus dem von Deutschland besetzten Belgien zu tun. Nach dem Ersten Weltkrieg gewährten die Niederlande dem bisherigen Deutschen Kaiser Wilhelm II. Exil.) in HET ORGEL veröffentlicht wurde, gab es in den nachfolgenden Ausgaben verschärfte Diskussionen, warum diese Orgel bei einer deutschen Firma gekauft wurde. Dabei hat sich herausgestellt, dass dies ein ausdrückliches Anliegen des Stifters Bos gewesen ist, der auch in den Postkarten des Orgelbauer Langenstein erwähnt wird.
Die komplette Orgel besteht aus 3 Kegelladen und 13 Hängebälgladen mit elektropneumatischer Traktur. Es befinden sich 5415 Pfeifen in der Orgel weitgehend aus 75%iger Zinnlegierung und Holzpfeifen aus Oregonpine. Windladenkonstruktion und Orgelanlage sind gut erkennbar am Schnitt der Rotterdamer-Orgel, der 1916 von Hermann Besselaar in seinem Buch „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“ veröffentlicht wurde.


Quellen:
Hermann Besselaar, 1916, „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“
Hans Fidom, 2002, Diversity in Unity – Discussions on Organ Building in Germany between 1880 and 1918, Seite 236
Paul Peeters, 1995, in Aspekte der Orgelbewegung, Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH
Jan Jongepier, 1991, Text über die Orgel in Doesburg wurde in zwei nachfolgenden CD’s verwendet.
CD’s
Zsuzsa Elekes auf der Walcker-Orgel-Grote of Martinkerk Doesburg (Reubke, Karg-Elert)VLS VLC0694
Het Walcker-Orgel in der Grote of Martinkerk te Doesburg, Jan Jongepier spielt Reger und Rheinberger VLS VLC0292
100 Year Organ Music from the Netherlands - Pieter van Dijk spielt auf der Walcker-Orgel in Doesburg Gerard Bunk „Legend opus 29 (1908)
Bildmaterial:
die Karten des Orgelbauers Langenstein während der Montage nach Datum sortiert:
hier Bilder und Texte aus den CD’s:

gwm
ERGÄNZUNGEN 15.11.09
Sehr geehrter Herr Walcker,
anbei einige Ergänzungen zum Text auf Ihrem Walcker-Blog:
Es gibt noch ein ganzes Buch, das dieser Orgel (ihr Umfeld, ihre Musik und ihre Rezeption) gewidmet ist:
Willem Jan Cevaal, Hrsg. Orgelreform in Nederland. Het orgel van de Grote of Martinikerk te Doesburg. Vol. 5, Nederlandse orgelmonografieën. Zutphen: Walburg Pers, 2003, 304 S.
In den Jahren 2003-2004 hat Flentrop die Orgel überholt (Taschen und Membranen wurden wo nötig ersetzt, Zungenstimmen instandgesetzt und die Intonation einiger Stimmen nachgesehen). 1999 wurde der Spieltisch bereits von Flentrop restauriert.
http://www.flentrop.nl/restauratie/doesbu_mart_grot.html
Eine komplette Diskographie in chronologischer Reihenfolge findet sich auf www.martinikerkdoesburg.nl/ ; klicken Sie auf Walckerorgel, dann auf Discografie. Dazu kommt dann noch die neueste Einspielung von Zsusza Elekes mit Werken Ungarischer Komponisten:
- CD Zsusza Elekes speelt werken van Hongaarse componisten op het Walcker-orgel
€18,50 incl. verzendkosten. Bestellen info@martinikerkdoesburg.nl
Mit freundlichen Grüßen,
Paul Peeters
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Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer,
Als weitere Ergänzung zu den auf Ihrem Blog gegebenen Informationen zur Walcker-Orgel in Doesburg möchte ich auf die Website von Christine Kamp aufmerksam machen, die ebenfalls in Doesburg eine CD eingespielt hat und dieser Orgel eine umfangreiche Galerie mit vielen Detailaufnahmen des Spieltischs gewidmet hat:
<http://www.xs4all.nl/~twomusic/concerts/Doesburg/Doesburg.html>
Da erahnt man, welche Schnitzkunst am Hamburger Spieltisch angewandt wurde!
Ebenfalls für Sie von besonderem Interesse scheint mir die Galerie zur Sauer-Orgel in Hermannstadt. Dort auch zahlreiche Bilder vom Inneren der Orgel.
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Sonntag, Oktober 25th, 2009
Diese Synagogen-Orgel kann gewissermaßen als eine Ergänzung zu unserer zwei Blogs vorher beschriebenen Rieger-Orgel in der Synagoge zu Rom gesehen werden. Ebenso kann man diesen Blog auch als einen Aufruf zur Sanierung betrachten, denn das Werk ist momentan unspielbar, hat aber eine hochinteressante Disposition, die man auch auf Material und Mensurenzusammenstellung noch näher auf den Seiten der ZEITSCHRIFT FÜR INSTRUMENTENBAU VON 1893-1894 studieren kann.

Ich danke für den Hinweis und beigebrachten Fotos Herrn Holger Fett, der schon mehrfach unsere Seiten in dieser Form bereichert hat.
Disposition der Braunerschen Orgel in der Synagoge zu Pilsen:
HAUPTWERK I.Manual C-g3
1. Bourdon 16′ Holz
2. Principal 8′ Zinn
3. Octav 4′ Zinn
4. Cornett 5 1/3′ Zinn
5. Mixtur 2 2/3′ Zinn
6. Viola di Gamba 8′ Zinn
7. Hohflöte 8′ Holz, prismatischer Schnitt
8. Doppelflöte 8′ Holz?, Doppellabien, gedeckt
9. Octaviante 4′+2′, Zinn, 2′ doppelt Läng überblasend
10. Clarinette 8′, vorgesehen
SOLO II.Manual
11. Quintade 16′ Holz, Zinn
12. Principal 8′ Zinn
13. Salicional 8′ Holz, Zinn
14. Wiener Flöte 8′ Zink,Holz
15. Gedeckt 8′ Holz, Zinn
16. Solo-Cornett 5 1/3′, 3f. G-c-e durchgehend
17. Geigenprincipal 4′ Zinn
18. Spitzflöte 4′ Zinn
19. Mixtur 2 2/3′ 3-5f.
20. Englisch Horn 8′ vorgesehen
III.Manual SCHWELLWERK
21. Liebl. Gedeckt 8′ Holz
22. Geigenprincipal 8′
23. Rohrflöte 8′ Zinn
24. Engelsstimme 8′ Holzrohrkörper, 88 Pfeifen
25. Aeoline 8′ Zinn
26. Gemshorn 4′ Zinn
27. Fugara 4′ Zinn
28. Harm. aetheria 2 2/3′ 3-5f. Zinn
29. Vox humana 8′ vorgesehen
PEDAL 27 Töne
30. Principal 16′ Holz, Zinn
31. Violon 16′ Zink, Zinn
32. Subbaß 16′ Fichtenholz
33. Salicet 16′ Holz, Zinn
34. Violoncello 8′ Zink, Zinn
35. Principal 8′ Zinn
36. Trompete 8′ vorgesehen
37. Posaune 16′ Holz einschlagend
38. Bassethorn 4′ Zinn
und hier die schockierenden Bilder des Elends, die uns erreichten:

Die Pilsener Synagogenorgel war übrigens seinerzeit bei “Orgel International” (Markus Zimmermann) im Heft 1, 1999, auf der Titelseite abgebildet. (wird mit entsprechenden Heftinfos ergänzt)
(gwm)
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Mittwoch, Juni 3rd, 2009
Hierzu wurden mir von Andreas Strittmatter Bilder und Dispo geschickt, die ich gerne hier zeige, und dem ich auf diesem Wege meinen besten Dank ausrichte.
Das zweimanualige Instrument von den Söhnen Eberhard Friedrich Walckers zeigt sehr gut die Beibehaltung seiner romanischen Gehäuse, aber auch, welche Änderungen 8 Jahre nach seinem Tod in der Dispositionsgestalt eintraten.
Die Orgel wurde später auf drei Manuale erweitert und stellt keine “Denkmalorgel” dar. Wer auf die Idee kam ein derartig “anti-walckerisches” III.Manual dazuzubauen, der sollte sich bitte melden. Das geht schon über die “Verbrechen” der 60er Jahre weit hinaus – oder man fasst es als eine Parodie auf.
Orgel:

Spieltisch:

Pfaffenweiler – Katholische Kirche St. Columba
E. F. Walcker & Cie. – 1880 – Opus 382
Manual I
Bourdon 16’
Prinzipal 8’
Floete 8’
Viola da Gamba 8’
Oktav 4’
Rohrfloete 4’
Mixtur 2 2/3’
Trompete 8’
Manual II
Geigenprincipal 8’
Lieblich Gedeckt 8’
Salicional 8’
Aeoline 8’
Flauto dolce 4’
Manual III (ergänzt)
Bourdon 8’
Flauto 4’
Cornet 2 2/3’
Cornet 1 1/7’
Clarinette 8’
Pedal
Violonbaß 16’
Subbaß 16’
Oktavbaß 8’
Violoncello 8’
Oktav 4’
Posaune 16’
Trompete 8’
Koppel II – I
Koppel I – P
Kollektivtritte: Piano, Forte, Tutti
hist. Ablauf
24. Januar 1880: Kostenberechnung für eine neue Orgel durch Walcker für 6650 Mark. Am 23. April aus Mitteln genehmigt, die durch den Verkauf von gestifteten Grundstücken von Josefa Senftenagel zusammenkamen.
8. August 1917: Kostenvoranschlag der Firma F.W. Schwarz in Überlingen über 338,50 Mark für die Lieferung von Ersatzpfeifen für beschlagnahmte Zinnpfeifen.
10. Oktober 1928: Kostenvoranschlag von Schwarz für Ersatz der billigen Kriegspfeifen.
September 1944: Erneute Ablieferung von Zinn-Orgelpfeifen für Kriegszwecke.
17. Februar 1960: Kostenvoranschlag über 4565 DM durch die Firma Gebr. Späth für Instandsetzung der Orgel mit Versetzung des Spieltischs und Umdisposition von sechs Registern. Umbau im Juli fertig.
1976 – 1978: Kirchenerweiterung bedingt vorübergehenden Ausbau der Orgel. Einbau lt. Kirchenführer in einem auf das Original zurückgeführten Zustand mit 26 (?) Registern auf zwei Manualen.
Nach 1983: Restaurierung und Erweiterung um ein drittes Manual.
gwm aus dem Crofft in den Highlands
hierzu Kommentare:
Hallo Herr Walcker, das “Anti-Wacker Gebilde” in Pfaffenweiler hat die Fa. H. Weber aus Engerazhofen 1998 gebaut. Ebenso wurden Pedal 4′ sowie die beiden Ped. Zungen und der Geigenprinzipal neu gebaut. Aeoline, Mixtur und Oktavbass 8 sind aus Lagerbeständen zusammengesucht. OSV war Hans Musch aus Freiburg. Quelle: Kirchenmusikalische Mitteilungen der Erzd. Freiburg Heft 43, Juli 1999 Unglaublich, dass man noch 1998 meinte eine für ihre Zeit an sich perfekte Orgel “verbessern” zu müssen. Wo war das Denkmalamt? Muss man das verstehen? Beste Grüße P. – Ich meine nein! – es ist einfach unverständlich, wenn man nahezu “stilreine” Instrumente mit einem solchen Zuckerguss an wesensfremden Elementen aufmischt, dann zerstört man eine tadellose historische Zusammenhängigkeit auf Kosten schnelllebiger Effekte – ewig gestrige Geistlosigkeit. gwm
Sehr geehrter Herr Walcker
Sie haben ja einen wirklich staunenswerten Internetauftritt, eine sehr interessante Reise durch Orgelwelten! Den Blog mit der Orgel von Pfaffenweiler habe ich zwischenzeitlich auch aufgetan.
Eine Information kann ich noch nachreichen: Die Sanierung und Rückführung in den Originalzustand 1978 wurde ebenfalls durch die Gebr. Späth durchgeführt, welche die Orgel mit II/17 angeben:
http://www.freiburgerorgelbau.de/restaurationen.php?restaurationen=1
Das würde die Vermutung bestätigen, daß bei der jüngsten Ergänzung nicht nur das dritte Manual zugefügt, sondern auch das Pedal erweitert wurde: Eine Trompete 8′ (keine Transmission) dünkt mich für eine Kegelladen-Landorgel für eine einst eher kleinere Kirche nämlich ebensowenig original wie eine Oktav 4′ im Pedal.
An dem “unwalckerischen” Zusatzmanual lassen Sie ja kein gutes Haar. Bei mir schlagen da zwei Seelen in der Brust: Der Freund möglichst authentisch erhaltener romantischer Orgeln gibt Ihnen vollkommen recht, der (nebenberufliche) Organist ist für das seltsame Einsprengsel wiederum nicht ganz undankbar. Allerdings ist die Clarinette fürchterlich penetrant intoniert. Eine durchschlagende Zunge hätte ich, wenn schon Erweiterung, für reizvoller erachtet … aber wahrscheinlich wollte man der Orgel ein paar “barocke” Töne einhauchen, ohne zu sehr in die Substanz einzugreifen. Leider war bisher nirgends zu erfahren, wer20dafür verantwortlich zeichnete.
Angespornt durch die ganze Angelegenheit werde ich morgen einen Ausflug nach Simonswald zu einer Walcker- und einer Kiene-Orgel unternehmen, zur Walcker-Orgel kann ich Ihnen gerne wieder Infos und Bilder schicken … AS
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