Die Walcker-Orgel Opus 1855 gebaut für die Nieuwe Zuiderkerk in Rotterdam 1914-16, IV/64+11, umgestellt 1969/72 (Jos. Vermeulen, Alkmaar) in die Martinkerk in Doesburg.
Diese Orgel stellt eigentlich das einzige spätromantische Werk Oscar Walcker’s dar, das heute noch etwas von seinen Vorstellungen über Monumentalorgeln erahnen lässt. Das weitgehend vollständig erhalten ist, und man kann so dieses Instrument, wie es Paul Peeters und Hans Fidom in Ihren Beiträgen getan haben, als die kleine „Michaelisorgel“ bezeichnen, womit gesagt sein soll: „die Klänge der großen Hamburger Walcker-Orgel, ehemals in der Michaeliskirche aufgebaut, sind nicht vollständig verloren, wir finden sie wieder durch dieses Instrument.
Diese Orgel ist uns sehr wichtig, weil die Holländer hier etwas geschafft haben, was bei uns in Deutschland, wo Walcker ja weitgehend tätig war, nicht im Geringsten möglich war. Nur im Ausland haben wir noch die Möglichkeit große Walcker-Orgel anzutreffen, die erstens gut restauriert wurden und zweitens meist umfassend erhalten sind. Die drittens auch intensiv genutzt werden, wie hier in Doesburg eine umfassende CD-Produktion zeigt.
Ich stelle hier drei CD’s vor, die wahrscheinlich nicht mehr am Markt sind, dafür aber wieder neue.
Die Geschichte dieser Orgel ist etwas unglaublich abenteuerliches: sie wird mitten im Ersten Weltkrieg in Holland von dem Orgelbauer Hermann Langenstein in Rotterdam eingebaut. (Ein Glück, dass die Holländer während dem ganzen Krieg Neutralität bewahrt haben!). In den 1960er Jahren wird sie aus Rotterdam hinauskomplimentiert und durch persönlichen Einsatz eines Ingenieurs nach Doesburg gerettet.

Von Langenstein habe ich in meinem Archiv sieben Postkarten gefunden, die er während der Montage aus Rotterdam nach Ludwigsburg geschickt hat. Das sind historisch sehr interessante Sachverhalte, die er hier schildert, und ich vermute, viele Monteure bei Walcker, die das lesen würden, sie würden nicht nur ihre Geschichten dort wieder finden.
Paul Peeters schreibt in seinem Artikel (Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH – in ASPEKTE DER ORGELBEWEGUNG 1995), dass sowohl die Anlage der Hamburger Michaelisorgel der Doesburger Orgel sehr ähnlich ist. Er nimmt Bezug auf den Spieltisch, das Fernwerk, sowie auf den Umstand, dass auch hier nur bestes Material Verwendung fand und so keine einzige Zinkpfeife in dieser Orgel zu finden ist. Beide Orgeln wurden ja von großzügigen Spendern finanziert, die ausdrücklich nur hervorragende, beste Qualitäten forderten.
Weiter findet sich bei Paul Peeters Beitrag der Hinweis, dass sowohl in Hamburg wie auch in Doesburg die Bezeichnungen „Silbermann-Mensur“ verwendet wurden. Das ist auch in den entsprechenden Werkbüchern (Opusbüchern) bei Walcker nachzulesen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass hier die Messungen, die wohl Oscar Walcker selbst vorgenommen hat, auf Grund von falschen Voraussetzungen durch Albert Schweitzer und Emile Rupp, stattgefunden haben, und so die Mensuren Wetzels in die Mensurbücher der Firma Walcker als „Silbermannmensur“ Eingang gefunden haben (nachzulesen u.a. bei Markus Zepf „Praetoriusorgel“)

Nachdem Disposition und Darstellung dieser Orgel ab 1916 (die halbe Welt befand sich bekanntlich zu dieser Zeit im Stellungskrieg mit Deutschland. Die Niederlande blieben im Ersten Weltkrieg offiziell neutral und konnten sich auch aus dem Krieg heraushalten. Sie hielten ihre Truppen aber dennoch bis zum Kriegsende mobilisiert und hatten überdies mit einer großen Flüchtlingswelle aus dem von Deutschland besetzten Belgien zu tun. Nach dem Ersten Weltkrieg gewährten die Niederlande dem bisherigen Deutschen Kaiser Wilhelm II. Exil.) in HET ORGEL veröffentlicht wurde, gab es in den nachfolgenden Ausgaben verschärfte Diskussionen, warum diese Orgel bei einer deutschen Firma gekauft wurde. Dabei hat sich herausgestellt, dass dies ein ausdrückliches Anliegen des Stifters Bos gewesen ist, der auch in den Postkarten des Orgelbauer Langenstein erwähnt wird.
Die komplette Orgel besteht aus 3 Kegelladen und 13 Hängebälgladen mit elektropneumatischer Traktur. Es befinden sich 5415 Pfeifen in der Orgel weitgehend aus 75%iger Zinnlegierung und Holzpfeifen aus Oregonpine. Windladenkonstruktion und Orgelanlage sind gut erkennbar am Schnitt der Rotterdamer-Orgel, der 1916 von Hermann Besselaar in seinem Buch „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“ veröffentlicht wurde.


Quellen:
Hermann Besselaar, 1916, „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“
Hans Fidom, 2002, Diversity in Unity – Discussions on Organ Building in Germany between 1880 and 1918, Seite 236
Paul Peeters, 1995, in Aspekte der Orgelbewegung, Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH
Jan Jongepier, 1991, Text über die Orgel in Doesburg wurde in zwei nachfolgenden CD’s verwendet.
CD’s
Zsuzsa Elekes auf der Walcker-Orgel-Grote of Martinkerk Doesburg (Reubke, Karg-Elert)VLS VLC0694
Het Walcker-Orgel in der Grote of Martinkerk te Doesburg, Jan Jongepier spielt Reger und Rheinberger VLS VLC0292
100 Year Organ Music from the Netherlands - Pieter van Dijk spielt auf der Walcker-Orgel in Doesburg Gerard Bunk „Legend opus 29 (1908)
Bildmaterial:
die Karten des Orgelbauers Langenstein während der Montage nach Datum sortiert:
hier Bilder und Texte aus den CD’s:

gwm
ERGÄNZUNGEN 15.11.09
Sehr geehrter Herr Walcker,
anbei einige Ergänzungen zum Text auf Ihrem Walcker-Blog:
Es gibt noch ein ganzes Buch, das dieser Orgel (ihr Umfeld, ihre Musik und ihre Rezeption) gewidmet ist:
Willem Jan Cevaal, Hrsg. Orgelreform in Nederland. Het orgel van de Grote of Martinikerk te Doesburg. Vol. 5, Nederlandse orgelmonografieën. Zutphen: Walburg Pers, 2003, 304 S.
In den Jahren 2003-2004 hat Flentrop die Orgel überholt (Taschen und Membranen wurden wo nötig ersetzt, Zungenstimmen instandgesetzt und die Intonation einiger Stimmen nachgesehen). 1999 wurde der Spieltisch bereits von Flentrop restauriert.
http://www.flentrop.nl/restauratie/doesbu_mart_grot.html
Eine komplette Diskographie in chronologischer Reihenfolge findet sich auf www.martinikerkdoesburg.nl/ ; klicken Sie auf Walckerorgel, dann auf Discografie. Dazu kommt dann noch die neueste Einspielung von Zsusza Elekes mit Werken Ungarischer Komponisten:
- CD Zsusza Elekes speelt werken van Hongaarse componisten op het Walcker-orgel
€18,50 incl. verzendkosten. Bestellen info@martinikerkdoesburg.nl
Mit freundlichen Grüßen,
Paul Peeters
—————————-
Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer,
Als weitere Ergänzung zu den auf Ihrem Blog gegebenen Informationen zur Walcker-Orgel in Doesburg möchte ich auf die Website von Christine Kamp aufmerksam machen, die ebenfalls in Doesburg eine CD eingespielt hat und dieser Orgel eine umfangreiche Galerie mit vielen Detailaufnahmen des Spieltischs gewidmet hat:
<http://www.xs4all.nl/~twomusic/concerts/Doesburg/Doesburg.html>
Da erahnt man, welche Schnitzkunst am Hamburger Spieltisch angewandt wurde!
Ebenfalls für Sie von besonderem Interesse scheint mir die Galerie zur Sauer-Orgel in Hermannstadt. Dort auch zahlreiche Bilder vom Inneren der Orgel.
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Sonntag, Oktober 25th, 2009
Diese Synagogen-Orgel kann gewissermaßen als eine Ergänzung zu unserer zwei Blogs vorher beschriebenen Rieger-Orgel in der Synagoge zu Rom gesehen werden. Ebenso kann man diesen Blog auch als einen Aufruf zur Sanierung betrachten, denn das Werk ist momentan unspielbar, hat aber eine hochinteressante Disposition, die man auch auf Material und Mensurenzusammenstellung noch näher auf den Seiten der ZEITSCHRIFT FÜR INSTRUMENTENBAU VON 1893-1894 studieren kann.

Ich danke für den Hinweis und beigebrachten Fotos Herrn Holger Fett, der schon mehrfach unsere Seiten in dieser Form bereichert hat.
Disposition der Braunerschen Orgel in der Synagoge zu Pilsen:
HAUPTWERK I.Manual C-g3
1. Bourdon 16′ Holz
2. Principal 8′ Zinn
3. Octav 4′ Zinn
4. Cornett 5 1/3′ Zinn
5. Mixtur 2 2/3′ Zinn
6. Viola di Gamba 8′ Zinn
7. Hohflöte 8′ Holz, prismatischer Schnitt
8. Doppelflöte 8′ Holz?, Doppellabien, gedeckt
9. Octaviante 4′+2′, Zinn, 2′ doppelt Läng überblasend
10. Clarinette 8′, vorgesehen
SOLO II.Manual
11. Quintade 16′ Holz, Zinn
12. Principal 8′ Zinn
13. Salicional 8′ Holz, Zinn
14. Wiener Flöte 8′ Zink,Holz
15. Gedeckt 8′ Holz, Zinn
16. Solo-Cornett 5 1/3′, 3f. G-c-e durchgehend
17. Geigenprincipal 4′ Zinn
18. Spitzflöte 4′ Zinn
19. Mixtur 2 2/3′ 3-5f.
20. Englisch Horn 8′ vorgesehen
III.Manual SCHWELLWERK
21. Liebl. Gedeckt 8′ Holz
22. Geigenprincipal 8′
23. Rohrflöte 8′ Zinn
24. Engelsstimme 8′ Holzrohrkörper, 88 Pfeifen
25. Aeoline 8′ Zinn
26. Gemshorn 4′ Zinn
27. Fugara 4′ Zinn
28. Harm. aetheria 2 2/3′ 3-5f. Zinn
29. Vox humana 8′ vorgesehen
PEDAL 27 Töne
30. Principal 16′ Holz, Zinn
31. Violon 16′ Zink, Zinn
32. Subbaß 16′ Fichtenholz
33. Salicet 16′ Holz, Zinn
34. Violoncello 8′ Zink, Zinn
35. Principal 8′ Zinn
36. Trompete 8′ vorgesehen
37. Posaune 16′ Holz einschlagend
38. Bassethorn 4′ Zinn
und hier die schockierenden Bilder des Elends, die uns erreichten:

Die Pilsener Synagogenorgel war übrigens seinerzeit bei “Orgel International” (Markus Zimmermann) im Heft 1, 1999, auf der Titelseite abgebildet. (wird mit entsprechenden Heftinfos ergänzt)
(gwm)
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Dienstag, Oktober 20th, 2009
Diese Orgel wurde im Jahre 1902 gebaut und ist deswegen interessant, weil es sich um eine nahezu identische Dulsanell-Orgel handelt, wie wir dies in Tomintoul /Schottland im Sommer restauriert haben.
Es gibt aus Chile einen Bericht, der das Wesentliche an dieser Orgel erfasst zu haben scheint. Eine Möglichkeit solche Orgel fachgerecht zu restaurieren sehen dagegen sehr begrenzt aus.
Hier der Bericht:
Report zur Orgel im Regionalmuseum Osorno (Avda. Matta / Bilbao)
Westlich der Plaza in Osorno nahe der Kreuzung Matta / Bilbao ist im Erdgeschoss eine einmanualige pneumatische Orgel mit verglasster Tastatur und fehlendem Pedal in einer Nische oestlich des Einganges aufgestellt worden, sie trägt den labidaren Hinweis: Orgel am Ende des 19. Jahrhunderts aus Deutschland und Puerto Montt, Umfang 250 Pfeifen aufgestellt. Es gibt keinerlei Hinweise auf Erbauer und Erschaffungsdatierung.
Weitere Einzelheiten sind nicht in Erfahrung zu bringen, nicht einmal der Kurator hat jedwede Angaben, außer dem Hinweis, dass die Orgel aus einer evangischen (Pfingstlern-) Gemeinde übernommen wurde.
Das Metallpfeifenwerk ist stark lädiert und gebeult, in beklagenswertem Zustand, das Holzpfeifenwerk dient als Aufhänger für Wischlappen, im Pedalregister fehlen die Labilengestaltungen gänzlich.
Disposition
I Manual C – c4
P Pedal C - ?
Registrierschaltungen:
Manual: Prinzipal 8` Farbe weiß
Flöte 8` Farbe weiß
Duciana 8` Farbe weiß
Flaute-
dolce 4´ Farbe weiß
Pedal:
Bourdon 16` Farbe hellgrün
Hilfszüge: Superoctav-
Coppel Farbe weiß
Coppel
Manual
z. Pedal Farbe weiß
Tutti Farbe weiß
Soweit einzuschätzen ist, sind Principal und Dulciana aus sehr bleihaltigen rusticalen Legierungen mit Bärten an den Labilen gefertigt, der Rest aus europäischen Holzarten.
Die jeweils 3 Aussenpfeifen des Bourdon sind bemalt mit arkatitenenähnlichen Laubinfratonen.
Die Orgelbank ist vorhanden und bedarf einer Restaurierung der Impregnatur als solches.
Die Balganlage ist zu einem großen Teil original aus Ziegenleder noch vorhanden.
Dem Autor liegt die Bedeutung nahe, dass diese Orgel 1908 fuer die Lutheranische Kirche in Puerto Montt durch die Firma Walcker, Ludwigsburg/Lahn gebaut worden ist.
Alle Verschläge sind verschraubt, es gibt jeweils eine C und Cis – Seite.
Der Winddruck bei den massiven und stumpfen Labialen dürfte um 160 mm WS gestanden haben. Kernstiche, auch nachgearbeitete, sind nicht nachweisbar.
Durch die recht dumpfe Disposition muss die Orgel für einen 60 x 25 mt großen Raum auf der 1 Empore ( Minimum 3,50 mt Höhe über Grund) konzipiert gewesen sein.
Die Orgel ist voll pneumatisch angelegt gewesen, vermutlich mit Kegelladen, also sowohl Tastatur- als auch Registertraktion.
Kröpfungen der tiefen Tonlagen am Pfeifenwerk sind nicht vorhanden.
Die Orgel (eher Positiv) ist in Konditionen einer Generalüberholung.
Es fehlt eine Dokumentation sowie Originaldaten der Erbauer.
Dipl.-Ing. h.c. BB
Sachkenner in Orgelfragen
Bilder dieser Orgel aus dem Bericht:

(gwm)
Anmerkung eines Besuchers: ich denke, man sollte Prospektpfeifen nicht übertrieben als Baseball-Schläger einsetzen..(…)
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Mittwoch, Oktober 14th, 2009
Diese Orgel wurde im Jahr 1904 von der Firma Gebr. Rieger, Jägerndorf, Schlesien (Österreich) als Opus 1073 in pneumatischer Kegelladenbauweise und freistehendem Spieltisch ausgeführt. Die Orgel steht hinter dem Thora Schrein. Über dem Spieltisch befinden sich die Manuale. Das I.Manual, das Hauptwerk steht von vorne gesehen rechts, daneben, links ist das Schwellwerk (Recit) platziert. Hinter dem Spieltisch steht das Pedalwerk.
Die Orgel besitzt einen der damaligen Zeit entsprechenden typischen „romantischen“ Klang, der sich besonders durch feine Streicherstimmen wie Salicional, Gambe und auch die verschiedenen Flöten auszeichnet. Schön, aber in der Intonation nicht befriedigend sind ebenfalls die Principalstimmen. Sehr gut klingt der Violon 16’ im Pedal. Jedoch sind hier und auch im Subbaß und Octavbaß Intonationsmängel, die korrigiert werden müssen. Ganz typisch und hervorragend ist das Fugara 4′. Schön und ebenfalls typisch sind die Rohrflöte, Flute harmonique.
Insgesamt aber hat die Orgel ihren ursprünglich warmen, originalen Gesamtklang. Es macht sich bei vollgriffigem Spiel aber bemerkbar, dass die Windversorgung der Orgel erheblich durch den defekten Magazinbalg gestört ist.
Die Vox coelestis (auf Schwebung gestimmt) ist mit 2 Pfeifen pro Taste und Ton völlig verstimmt und momentan unbrauchbar. Verstimmungen sind auch in anderen Registern, besonders in der Mixtur festgestellt worden.
I.Manual C-g3 =56 Töne
Bourdone 16′
Principale 8′
Viola di Gamba 8′
Flauto conico 8’
Coperto 8′
Ottava 4’
Flauto di tubo. 4’
Mistura quadrupla 2 2/3’
II.Manual Recit
Principale di Viola 8′
Flauto di tubo 8′
Salicionale 8′
Voce celeste 8′
Fugara 4’
Pedal C-f’= 30 Töne
Violone 16′
Subbasso 16′
Basso ottavo 8’
Cello 8’
Cop. al ped. I, Cop. al ped. II, Cop. ott. sup. I, Cop. al man
Piano, Mezzoforte, Forte, Tutti, Auslöser
Schwelltritt, Crescendotritt

Kegellade der Rieger-Orgel
a) Taste
b) Ventil
c) Bälgchen
d) Ventil
e) Membranleisten
f) Membranen (sind hier als Bälgchen gezeichnet)
g) Kegelventile
h) Registerkanzelle
In diesem Gebäude, der größten Synagoge auf europäischen Boden, befindet sich die 105 Jahre alte Rieger-Orgel, die seit ihrer Erbauung ununterbrochen Dienst im Tempel durchgeführt hat. Sie wird nicht für den üblichen Gottesdienst eingesetzt, sondern für Feste, wie Hochzeiten u.a..
und hinter diesem Thora Schrein steht das Instrument:

hier der Schwelltritt und Crescendotritt, ganz rechte Seite:

erstaunlich die recht kurz angesetzten Expressionen (die sogar näher an der Mündung liegen, als bei Sauer):

das Pedal Cello 8′ mit gut und leicht verstellbarem Gavioli:

doppelte Relais im Pedal:

(gwm)
Ergänzung: von einem Kommentator erhielt ich die Nachricht, dass die Synagoge in Budapest die größte Europas sei, was ich kaum beurteilen kann. Aber es ist wichtig zu wissen, dass in dieser Synagoge eine neue Orgel der Firma Jehmlich aus dem Jahre 1996 steht.
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Dienstag, September 22nd, 2009
Als Orgelbauer nimmt man oft Dinge als selbstverständlich und unbedeutend wahr, die für Andere höchste Bedeutung zu besitzen scheinen. So ist es mit diesem “Blaupapier” das ganz allgemein immer wieder Laien zu Fragen auffordert, oder wie jetzt einen Historiker aus Mexico, der mich nach dem blue-paper befragte, was man anfangs als blue-print missverstand.
hier seine zweite Rückfrage:
Dear Mr. Walcker- Mayer
Can I call you a friend? Because that’s what you are now for me and the project. You don’t know how much you helped us in this particular problem of the reserch! I can’t thank you enough for taking your time to help us. We can now talk about an interesting German organ building influence in the renovation and maintenance of eighteenth century Mexican organs particulary in the State of Hidalgo.
You also provided information about the restoration proces! Thank you so much!
I still have a lot of questions and I’m wondering (if is not to much trouble) if you can provide some of the answers or maybe you can tell us about a source to look for more information about this paper.
I’m wondering…
This paper was only a German tradition? Did it travel through Europe?
I think this paper is also used in harmoniums. Right?
Is there a chance that a Mexican craftsman in the eighteenth century or maybe in the twentieth could have learned how to use it ?
This was also a tradition in wooden pipes?
Dou you know the composition of this wallpaper glue?? Do you know where to buy it?
I’m sending some photos in this mail. With the wisdom of your experience and with the knowledge of many generations of Walckers maybe you can tell us if there is a chance to save all the paper in the restoration process and still have a good wind conduit… we have in our hands a historical piece but we also have the objective to bring it to a working condition.
We’ll like to know your opinion!
I’m sorry if I tooked to much of your time but Jimena Palacios Uribe (conservator of Musical Instruments, proffesor and the director of the project) and I are prepared to give you an oficial thank you document for helping us in our project. Who knows? Maybe you can be our on line assesor…if you want of course!
Long live the Organ!!!
und hier die für unsere Augen absolut einmaligen Fotos aus einer solchen mexicanischen restaurierungsbedürftigen Orgel:



Nun, wie verhält es sich mit diesem berüchtigtem Blaupapier? Wir haben eine Aufzeichnung in Eberhard Friedrich Walckers Notizbüchern gefunden, die zeigt, dass er das erste Blaupapier bei Aristide Cavaillé-Coll etwa 1856/57 gesehen hat und sich beim französischen Orgelmeister die Erlaubnis geholt hat, dasselbe auch in seinen Orgeln verwenden zu dürfen.
Eine andere Version, ich weiß es nicht mehr wo ich dies gelesen habe, sagt, dass Marcussen schon 1830/35 solches Blaupapier verwendet habe.
Das Blaupapier wird ab etwa 1870 bei Walcker und bei vielen deutschen Orgelbauern bis zum II.WK verwendet, vor allem bei Kanälen und Bälgen. Astlöcher und Holzundichtigkeiten werden so leicht eliminiert. Das Blaupapier sauber und faltenfrei anzubringen erfordert aber, dass a) das zu papierene Element (Kanal oder Balg) selbst absolut sauber ist, und b) das Blaupapier auf einer Seite leicht feucht gewässert wird, während die andere Seite gut mit Tapetenkleister bestrichen wird. Dieser Kleister sollte so angerührt werden, wie bei schweren Tapeten. Möglichst keinen Kleister auf die sichtbare Seite anbringen, weil man das nachher sieht.
Bei Laukhuff muss man eine ganze Rolle Blaupapier kaufen, geringere Mengen werden von uns Orgelbauern gerne abgegeben.
Blaupapier wurde natürlich auch in Harmonien verwendet, auch bei Holzpfeifen, was nun aber wirklich keine ästhetische Qualität mehr aufweist.
gwm (bei sonnigem Wetter mal wieder in Bliesransbach)
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Sonntag, August 9th, 2009
Keine Orgelsubstanz hat derartig unter fehlerhafter Behandlung gelitten, als die Traktur dieser Orgel.
Die Mängel, die sich hier wahrscheinlich in den letzten 50 Jahren sehr drastisch eingeschlichen haben, sind auch beileibe noch nicht restlos behoben.
Darum, und weil interessierte Leute an eine fachgerechte Wartung in Zukunft denken wollen, habe ich einmal das Traktursystem, speziell das der Manualtrakturen, hier in Form eines Schemas aufskizziert:

Dieses Bild gibt es als hochauflösende Vektorzeichnung in PDF-Format mit nur wenigen kbytes hier: schema_schyven.pdf.
Für das Verständnis der nachfolgenden, beschrifteten Fotos ist dieses vorangegangene Schema erforderlich.
Einige Rückfragen interessierter Laien haben zum Ausdruck gebracht, dass man die Funktion der Barkerhebel nicht ganz verstanden hat.
Ich nehme an, dass man an diesem oberen Schema die Sache etwas genauer sieht: der Barkerhebel wird durch die Tasten des I.Manuals angesteuert, ein kleines Ventil unterhalb des Barkerbalges öffnet den Windzufluss und der Balg hebt die Traktur auf der anderen Seite an. Dort befinden sich im unteren Bereich drei Wippenbalken. Einer davon ist fest und bewegt die Traktur des Hauptwerks (hier das Grand Orgue).
Zwei weitere Wippenbalken sind beweglich und werden mit den Tritten III/I oder II/I ein-ausgeschaltet. Diese beiden Wippen sind in die Trakturen des III. und II. Manuals eingelassen. Und dies ist eigentlich die grandiose Erfindung des Aristide Cavaillé-Coll, nämlich das komplette Manualwerk über die Barker recht leichtgängig zu bewegen.
Hier ein Bild der Barkermaschinerie mit Ansicht auf die Traktur des I.Manuals die von den Tasten kommt.

In dem nachfolgenden Foto ist die andere Seite dieser Barkermaschine, wo die Kraft umgesetzt wird, mit Ventil, Hebel und Mechaniken erkennbar, die von dem Barker bewegt werden:

Sehr interessant ist auch die Ausführung der zwei Trakturen des Hauptwerks, zu Zungenwerk und Labialwerk, was im nachfolgenden Bild gezeigt wird:

Eine “drastische Trakturführung” gibt es zum II.Manual, das recht schwierig in meinem Schema zu zeigen war (bitte beachten, dass alle Windladen auf gleicher Höhe liegen, nur wegen der Übersichtlichkeit wurde das Positif etwas höher einskizziert)
Es geht dort nämlich zunächst horizontal, dann vertikal, nun horizontal, dann biegt die Traktur nach rechts ab, um mit Winkeln nun wieder vertikal aufzusteigen.
Diese Trakturführung hat ihren Preis: 300g Minimum per Taste! Was einem Guy Whatley ein müdes Lächeln abgewann. Er hat hier die schönsten Triller und Repetitionen wie eine Eiskünstläuferin zelebriert - und hoffen wir, dass er dies morgen bei der Inauguration der Schyven-Orgel, die rund 15 Jahre unspielbar war, ebenso wie beim practising gestern und heute, der versammelten Orgelgemeinde zeigen kann.

gwm ( am Ende eines arbeitsreichen und stressreichen Samstags, dem letzten Tag vor der Wiedereinführung dieser Orgel von einem absolut professionalen Organisten)
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Mittwoch, August 5th, 2009
Ich kenne keine mech. Schleifladenorgel in der so viele Transmissionen realisiert wurden, wie hier in der Schyven-Orgel in San José /Costa Rica. Die dadurch ein mannigfaltiges Spektrum an Registern vorweisen kann - ein Register mehr, mit 12 Pfeifen, das ist doch eine gute, ökonomische Sache - doch soll man sich nicht schnell täuschen lassen.
Ein Beispiel - und hier bleiben wir gleich mit allen weiteren Erklärungen und Fotos, stellt die Trompete 8′, C-g”’ = 56 Pfeifen, es gesellt sich eine Bombarde 16′ dazu mit CC-HH, also 12 Mehrpfeifen im Bass und ein Clairon mit 12 Mehrpfeifen im Diskant. Das Ganze kostet uns ein wenig vermehrten Fräsaufwand in den Stöcken und eine seltsame Pfeifenaufstellung.
Bei dem System von Schyven müssen “nur” alle gleichnamigen Töne zusammen stehen, damit man die Fräsungen zu den drei Schleifen gut verteilen kann, wie die unteren Fotos zeigen.
Bezahlt wird der ganze Spaß am Ende damit, dass die Orgel von Ausnahme der Zungen praktisch unstimmbar ist. Denn es fehlen die Stimmgänge in der Mitte oder an der Seite die erforderlich wären, um beispielsweise an das c3 des Montre 8′ zu gelangen, das mehr oder weniger direkt neben dem C steht.
Ein weiteres Problem ist, wenn sehr kleine Pfeifen in der Nähe der großen Bohrungen von Baßpfeifen stehen - und keine Schleifendichtungen eingebaut sind - ist der Umstand, dass durch die eingelassenen spanischen Reiter viel Wind zu diesen kleinen Pfeifen gelangen kann - und so Zwischentöne erschallen, die alles andere als schön sind.
Hier also nun erstmal der geöffnete Stock der Zungen aus dem Hauptwerk der Schyven-Orgel. Die Koordinaten sind klar erkennbar: horizontal verlaufen die Schleifen, vertikal sind die Tonkanzellen:

Am nachfolgenden Bild zeige ich die Schleifen die deckungsgleich zu dem oberen Bild des Stockes liegen. Erkennbar die Span. Reiter. Geöffnet ist die Schleife des Clairon 4′:

Und hier noch ein Detail, das di Rückschlagventile dieses Systems etwas genauer zeigen.

Resümee: Was würde man als Orgelbauer besser machen, oder auch nur besser einschätzen, nachdem man unter einem solchen Instrument gearbeitet und gelitten hat? Das war eigentlich meine hauptsächliche Intention, das Thema Transmissionen bei Schleifladen, anzusprechen. Ich meine, die besten Lösungen für Transmissionen finden wir bei Kegelladen mit Bälgchen, wo der Kegel, welcher den Wind zur Pfeife steuert, mit bis zu zwei Bälgchen angesteuert werden kann. Schon wesentlich schlechter lässt sich das mit Taschenladen realisieren, wo zwei unterschiedliche Taschen den Wind zur Pfeife steuern und die Pfeife dadurch unterschiedlich angeblasen wird. Außerdem sind auch hier immer Probleme an den Rückschlagventilen zu erwarten. Ganz schlecht aber sind Transmissionen in Schleifladen. Weil sich die kleinen Rückschlagventile und das Tonkanzellenwindsystem sich absolut nicht dafür eignen.
Es ist zwar ganz toll, eine richtige Zungenbatterie mit nur 24 Mehrpfeifen verwirklicht zu haben, und Schyven hat das ja auch bei den Prinzipalen und Flöten gemacht, aber dass die Pflegemöglichkeit der Orgel dadurch minimiert wird, ist ein echter Mangel.
Die Rückschlagventile habenm wir etwas besser hinbekommen, indem man Bleiplättchen auf das Leder geleimt hatte, aber das grundsätzliche Problem der Un-Stimmbarkeit dieser Orgel konnten wir natürlich nicht lösen.
gwm (am Abend nach Ausräumen erheblichen Pfeifenwerks, um das Instrument halbswegs temperiert zu bekommen)
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Montag, Juli 20th, 2009
Mit Hilfe dieser Einrichtung lässt sich die Klaviatur drei Töne tiefer oder drei Töne höher stellen. Die entsprechenden Töne fehlen aber in der tiefsten oder höchsten Lage. Der Tonumfang an dieser Orgel ist C-c4 = 61Pfeifen.
Die Skala an der Klaviatur sieht folgendermaßen aus:

wir haben rechts und links (wie auf dem oberen Bild erkennbar links) Ringe, mit denen die Klaviatur kurz angehoben wird und dann entsprechend verschoben werden kann. Das geht alles ohne großen Kraftaufwand sehr rasch. Voraussetzung ist genügend freier Platz in den Klaviaturbacken und der Umstand, dass die Tasten völlig frei von den dahinterliegenden Ventilen bewegt werden kann. Also bei einer mechanischen Traktur ist dies etwas schwieriger.
In der Normalstellung also :
klingt der Akkord so: c_normalstellung.mp3
drei Töne nach oben versetzt
sieht es auf der Klaviatur wie folgt aus:
ds_hoeher.mp3
und drei Töne tiefer gesetzt

erklingt der Diapason 8′ (Principal 8′) mit folgendem Akkord, der dann noch etwas mehr variiert den Klang dieses schönen Principals zeigt: a_tiefer1.mp3
gwm
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Montag, Juli 13th, 2009
Die Vorstellungen vom Orgelwind sind teilweise so obskur, wie die Vorstellungen der Griechen, bei anbrechender Morgenröte reite die Göttin Eos auf einem purpurnen, güldenen Wagen über das Himmelszelt, weswegen es rotgolden vom Horizont an übers Meer zu blitzen beginnt.
Auch Sachverständigen- und Orgelbauer-internetseiten, oder gar Fraunhoferinstitute glänzen mit seltsamen Projektionen auf, in denen der „Wind“, eigentlich ein vollkommen falscher Begriff für das physikalische Phänomen, mit dem wir im Orgelbau arbeiten, „blasend um die Ecke marschiert und dann dorthin und dahin seinen Weg geht“.
Der Herbstwind, der schön und bildreich gesättigt Blätter vor sich hertreibt, ist und bleibt die falsche Analogie. Es wäre besser man stellt sich zehn oder zwanzig Billardkugeln vor, die an einer Linie aneinanderliegen: bewegt man die erste Kugel, so wird sich synchron im selben Moment die letzte Kugel bewegen. Hat man 100 solcher Kugeln, so ist das exakt der gleiche Vorgang, aber man hat mehr Reibung, muss also mehr Kraft aufwenden.
Genau in dieser Form bewegt sich Wind in der Orgel im geschlossenen System einer pneumatischen Kegellade (siehe die nachfolgende Grafik).

Nochmals gesagt, ich habe darüber bereits ein Blog mit Video gemacht, die Orgel ist windtechnisch gesehen ein geschlossenes System, in dem idealerweise Ausgleich herrscht, das heißt: es herrscht überall der gleiche Druck. Erst durch das Öffnen eines noch so kleinen Verbrauchers, wie der einer Windwaage, entstehen Druckunterschiede. Und da wir den idealen Zustand nie erreichen, also irgendwo immer eine winzige Undichtigkeit ist, gibt es ein kleines Ungleichgewicht.
Diese heisenbergsche Unschärferelation, was natürlich ironisch gemeint ist, verführt dazu, von Wind zu reden, als sei hier ein brausendes Wesen, das irgendetwas Organisches wie der Atem sei. Dies wird sehr oft von Leuten gesagt, die sofort laut aufschreien, wenn man ein Wörtchen gegen die Wissenschaften redet, was sie jetzt, nachdem sie dem Kirchenglauben nicht mehr so richtig trauen, als einzig festen Halt im Leben erkannt haben.
Es soll hier keinesfalls etwas gegen die Ästhetik geredet werden, die dahinterstehen mag, wie bei den Griechen, wo natürlich die Vorstellung von goldenen Wagenlenkern viel erhabener ist, als eine trockene physikalische Erklärung eines langweiligen Mathematiklehrers, sondern es geht darum, dass der Orgelbauer beim falschen Bilde stehen bleiben kann und dann mit unbeholfenen Methoden am „Wind“ herumdoktert.
Da wäre es einfacher bei Störungen in der Pneumatik gleich den Weihwasserkessel zu holen und die fehlfunktionierenden Teile zu besprengen, anstatt mit der besseren Abstraktion zu arbeiten.
Denn wer in ein 3m langes Bleirohr „brausenden oder atmenden Wind“ einführt, und sich dann wundert, dass der nicht beim am Ende aufgeleimten Keilbälgchen ankommt, der hat kaum eine Möglichkeit, den Fehler durch Nachdenken zu ermitteln.
Wir haben also bei einem solchen Rohr Druckverhältnisse, die sich durch minimalste Undichtigkeiten radikal ändern.
Vergleiche mit den Billardkugeln, die dann Zwischenglieder haben mit extremer Reibung, so dass die letzte Kugel nur unter größter Kraftaufwendung bewegt werden kann – aber bis zu der Kugel, die mechanisch einfach nachprüfbar, die aussergewöhnlich hohe Reibung erzeugt – erhellen meiner Meinung nach die Problematik und zeigen besser Lösungswege auf, als wenn wir bei schönen Bildern stehen bleiben, die unseren Verstand aber in die Irre führen.
Man wird auch schnell verstehen, wenn man bei diesem Bild der Billardkugeln bleibt, dass eine Rohrleitung die 10m lang ist, nicht mehr gewährleisten kann, dass das Bälgchen aufgeht, wenn man die Analogie zu einer 10m langen Billardkugelreihe setzt – und dagegen sagen kann, aber mit 3m geht es.
Und nun meine ich, sollte doch klar geworden sein, dass das Windsystem der Orgel viel mehr Neues zu bieten hat, als trockene Wissenschaftler das uns verkaufen wollen.
Vor allem durch den Wind hat sich die Orgel ihre Lebendigkeit bewahrt, und das wollen wir in keinem Falle dogmatisch oder rational abgehandelt wissen wollen.
gwm (nach der Intonation vom Diapason)
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Donnerstag, Juni 4th, 2009
Wie wurden Feste Kombinationen, Crescendo, etc. , bei pneumatischen Orgeln realisiert? Auf den einschlägigen Zeichnungen wird man nicht sofort schlau. Hier an dieser kleinen Orgeln im schottischen Tomintoul haben wir exemplarisch auf engstem Raum ein Musterbeispiel, das deutlicher kaum zeigen kann, wie es damals gemacht wurde:
Unter den Rückschlagventilen waren die Kanzellen der Kombinationen - horizontal auf dem nachfolgenden Foto - darüber die einfachen Rückschlagventile, in unserem Fall sind es drei. Eines pro Register für das Crescendo (violett), ein weiteres für Tutti(rot) und eines für die direkte Einschaltung (grün). Rückschlagventile waren deswegen notwendig, weil sonst das Register die Kombination aktiviert hätte.
Vertikal also war das Register angeordnet, das mit einem kleinen Kanal (siehe hinteren Deckel) zur Bleiröhre führte, die über ein Relais den Balg aktivierte, der wiederum die Kegelladenkanzelle unter Wind gesetzt hat.
Die Super-Koppel hat übrigens einen größeren Balg gestartet, der direkt auf dieses Kästchen montiert war und der die Eisenhebel der Keilbälgchen, die ausschließlich für die Betätigung der Superkoppel eingebaut waren, freischaltete.

Hier noch die Seitenansicht dieser Registerwippen, die zeigt, mit welche stabilen Konstruktionen hier gearbeitet wurden:

gwm im Crofft-Inn (fast als einziger Gast, der still vergnügt ist, da der Hl. Antonius ihn endlich erhört hat)
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Sonntag, Januar 25th, 2009
Diese dreimanualige Orgel aus dem Hause Pierre Schyven & Cie ist die klangschönste Orgel in Costa Rica.
Das Instrument wurde 1889 gebaut, wahrscheinlich 1890/91 installiert und mehrfach restauriert. So in jedem Fall von Juan Bansbach ab den 1930er Jahren und war dann von ihm in ständiger Wartung. Wir hatten einen Orgelbauer zu Gast der davon sprach, dass man jeden Monat zur Regulierung in die ORgel ging. Nun zuletzt etwa 1998 und dabei mit zwei neuen Zungenregistern aus den USA bestückt, die in der Tat sehr klangschöne Register darstellen. Das Instrument selbst bereitet durch die Vielzahl an Transmissionen verschiedene Probleme. Ein Hauptproblem ist die schwierige Stimmbarkeit der Orgel, was durch die Pfeifenstellungen (alle Ton-Noten sind gebündelt, so dass also die kleinsten Pfeifen neben den größten stehen: C, c, c’,c”, c”’) Ein weiteres Problem ist, dass man an entscheidende Regulierstellen hinter den Barkern nicht mehr hinkommt. (teilweise ersichtlich aus den Fotos)
Hier nun erstmals der Kostenvoranschlag von Schyven in französischer Sprache auf drei Blatt:

Nachfolgend eine bereinigte Disposition, wo die Erweiterungen /Transmissionen ersichtlich sind:
I.Manual Grand orgue C-g”’= 56 Tasten
1 Bourdon 16′
2 Gambe 16′ C-H aus 1)
3 Montre 8′
4 Salicional 8′
Viola d. Gamba 8′ aus 2) 12 eigene Pfeifen
Prestant 4′ aus 3) 12 eigene Pfeifen
5 Flûte 4′
6 Doublette 2′
7 Fourniture 3f. 2 2/3′
8 Bombarde 16′
Trompetta 8′ aus 8.) 12 eigene Pfeifen
Clairon 4′ aus 8.) 12 eigene Pfeifen
II.Manual Positiv
10 Diapason 8′
11 Flúte 8′
12 Gemshorn Dolce 8′
Octave 4′ aus 10) 12 eigene Pfeifen
Flûte 4′
Doublette 2′ aus 10) 12 eigene Pfeifen
13 Cor anglais 8′ durchschlagend
14 Clarinette 8′ neue Pfeifen USA
III.Manual Récit
15 Bourdon 16′
16 Flúte 8′
Bourdon 8′ aus 15) 12 eigene Pfeifen
17 Dolciana 8′
18 Voix-Celeste 8′
Flûte 4′ aus 16) 12 eigene Pfeifen
Dolce 4′ aus 17) 12 eigene Pfeifen
Flageolet 2′ aus 16) 12 eigene Pfeifen
19 Trompette harmon. 8′
20 Basson hautbois 8′ neue Pfeifen USA
21 Voix humaine 8′
Pedal C-f’ = 30 Töne
22 Contrebasse 16′
23 Octavbasse 8′
24 Flûte 4′
25 Bombarde 16′
Trompete 8′ aus 25) 12 eigene Pfeifen
Clairon 4′ aus 25) 12 eigene Pfeifen
Appels
O Donner (die Töne C,Cs,D,Ds und E im Pedal werden gleichzeitg gedrückt)
TGO I / Pedal
TP II / Pedal
TR III / Pedal
GO Flauteria I.Manual, schaltet Labiale ein
PGO II / I
RGO III / I
AGO Lengüetas I.Man, schaltet die Zungen im I.Man ein
AR Lengüetas II.Man, schaltet die Zungen im II.Man ein
APO Lengütas Pedal
FG Lengütas III / I
T Tremolo III
Die Catedral Metropolitana ist mitten im Zentrum von San José und wurde 1871 im griechisch-orthodoxen Stil errichtet. Die Vorgänger-Kathedrale wurde bei Erdbeben zerstört. Darin soll eine Aristide Cavaillé-Coll Orgel gewesen sein. Das von Eusebio Rodriguez errichtete Gebäude enthält auch barocke Stilelemente. Die geradlinige Fassade wird von Bögen mit dorischen Säulen gestützt und von einem neoklassizistischen Giebel mit Spitztürmchen gekrönt. Das gesamte Mittelschiff wird von einer gewölbten Decke überspannt, das von zwei Reihen kannelierter Säulen getragen wird. Der Boden ist mit exquisiten Fliesen im Kolonialstil belegt und wird täglich (lautstark) geschrubbt. Schöne Buntglasfenster mit biblischen Motiven (fast alle aus Deutschland) erzeugen eine wundervolle Atmosphäre. Zu verdanken ist die Pracht in der Kirche und auch die Orgel, sowie viel Orgelleben in Costa Rica auch an anderer Stelle, dem deutschstämmigen Bischof Monsenore Bernardo Augusto Thiel (1850-1901), der in der Kathedrale begraben liegt.
die säulengeschmückte Fassade der Catedral Metropolitana

Bilder von und in der Orgel:
ein 35cm breiter Stimmgang !! (links=Récit, rechts=Grand orgue, vor uns das Positiv)

Mechanik des Pedal

doppelte Traktur des HW : links das Labialwerk, vom Wellenbrett geht es gerade weiter zum Ventil, rechts Winkel zum Zungenwerk

Windlade des Hauptwerk - labiale Seite

Spieltisch, Pedalkoppelmechanik, darunter die Tritte der Appels

Ledermuttern mit Holz-Röhrchen zum Regulieren, eine sehr gute Idee!

die geöffneten Barkerventile

Regulierstellen hinter den Barkerhebeln, hier werden die Koppeln zum I.Manual und das I.Manual reguliert

gwm 25.01.09
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Mittwoch, Dezember 3rd, 2008
Wir sind hier bereits seit drei Wochen tätig und wollen diese Arbeiten an dieser Orgel hier etwas genauer aufzeigen:

Das mechanische Instrument mit 3 Manualen und rund 34 Register*, das im Jahr 1890 nach der Erdbeben-Zerstörung einer Aristide Cavaillé-Coll-Orgel***, hier eingebaut wurde, mehrfach repariert wurde, und dadurch teilweise erheblich in seinem Funktionsumfang und besonders im Klang eingeschränkt wurde, war zuletzt über 12 Jahre unspielbar. Neben Reparaturproblemen gibt es aber auch Konstruktionsmängel, verursacht durch den Erbauer.

Ich habe hier einmal zwei Panoramabilder aus dieser Orgel gefertigt, die ich hier zeigen und erläutern möchte: das Bild oben zeigt die Ansicht der Barkerhebel gegen den Spieltisch bzw. zum Kirchenschiff hin. Links sehen wir hier eine “Abflussinstallation”, die natürlich nicht original belgischer Orgelbaustil ist, und einen besonderen Sinn hat. Mit diesem Kan
al werden die “Barker” mit 185mmWS gefüttert, was direkt vom Motor abgezweigt wird. Warum? Der Grund sind die mangelhaft neu belederten Barker, die vorher mit rund 120mmWS **betrieben wurden und nun bei diesem Druck nicht mehr erfolgreich arbeiten. So laufen diese Barker mit 185mm wie der Teufel, klappern aber auch nicht unerheblich.
Mit diesen Barkerhebeln werden übrigens auch die Koppeln III/I und II/I betätigt. Also mit dem I.Manual heben diese Hebel 3 Manuale, was im Bass gut bis zu 1,5kg Tastendruck ausmachen kann. Im II.Manual hat Schyven kleine Vorventile auf die Tonventile drauf gesetzt, was besonders bei der Flûte (harmonique), sehr unangenehme Ansprach-Entwicklung zur Folge hat. Spielartverbesserung bringen sie keine.
Ein ganz großer Fehler des belgischen Orgelbauers war die Pfeifenstellung auf den Manualwindladen nach Tönen zu gruppieren. Und ein noch größerer die kleinen Register im Schwellwerk hinten zu plazieren, und davor die großen 8-Fußregister. Damit ist das Récit mehr oder weniger unstimmbar.
Die beiden Manuale I und II werden mit 120mm WS gespeist, während das III.Manual im Schweller mit 90mmWS betrieben wird - das ist völlig unverständlich. Vox humana und Trompete im Récit klingen nach Harmonium, während die Hauptwerkzungen total dominieren. Auch die übrige Klangabwiegung, die man teilweise an den Stimmvorrichtungen als original erkennen kann, ist unlogisch. Das Instrument ist in Principalen, Zungen, Flöten und Streichern viel zu wenig differenziert. Die Windanlage****, besonders die Zuführungen über viel zu enge Kanäle, erlauben nur ein ganz vorsichtiges Plenum, kaum ein Tutti. Der Fehler, die kleinsten Pfeifen direkt neben große Kanzellen zu setzen und damit Zusammenstecher von großen Schleifenbohrungen zu den kleinen zu begünstigen, macht sich bei jedem Register störend bemerkbar.
Schwierig sind auch die Regulierungsstellen, abgehende Winkel und Wippen an den Barkern. Das ganze Mechanik-System ist mit den Windladen- und Stimmbrettern verbunden, was bei Begehung durch Orgelbauer leicht hörbar wird. (Stimmbretter aus massivem, gutem Eichenholz) Die Orgel kann klanglich auch wegen dem Krach in der Kirche nicht das bringen, was nach europäischen Vorstellungen von ihr erwartet würde. Dennoch ist diese Orgel vom Klang her die Klangschönste im Lande. Wir, das sind meine beiden Costaricanischen Helfer und ich, glauben, dass Ende nächster Woche das Instrument soweit spielbar ist, dass es für Gottesdienst und begrenztem Konzertbetrieb eingesetzt werden kann. (gwm)

*die Registeranzahl ist erheblich niedriger als von allen Quellen geführt, weil Zungen und Principale in verschiedenen Werken Transmissionen sind, wo lediglich die Tonumfänge mit einer Oktave dazu kommen.
** zu den Winddrücken ist natürlich zu sagen, dass die Orgel 1890 von Schyven mit Kalkantenbetrieb geliefert wurde, was kaum 120mmWS Druck ermöglichte. Ein Problem mit dem EFW in Ulm Pedal zu kämpfen hatte. Es wäre interessant zu erfahren was der maximale Druck bei routinierten Kalkanten ganz allgemein sein konnte.
***Es fehlt uns noch die Bestätigung, dass hier tatsächlich ein ACC-Orgel eingebaut war.
****Differenzierten Winddruck und eine nach ACC-Maßstäben ausgerichtete Orgelanlage finden wir hier bei Schyven keinesfalls. Mit nur zwei Bälgen für 3 Manuale und Pedal und einer schwergängigen Mechanik in allen Werken. Etwas Anlehnung an deutscher Romantik und Trompeten nach ACC, das würde ich nun nicht unbedingt als eine Synthese von französischer und deutscher Romantik bezeichnen. Es ist vielleicht ein grober Klotz zwischen beiden Stilisierungen.
Es ist richtig, dass Schyven eine außergewöhnlich gute Qualität des Materials für die Orgel der Kathedrale in San José verwendet hat. Aber auch bemerkbar, dass ungewöhnliche Konstruktionsfehler und eine selten idiotische Anlage der Windladen vorgenommen wurde. So stehen alle Pfeifen der Töne C, c, c1, c2, c3 direkt nebeneinander. Diese Oktavsammlung hat er bei allen Tönen und Windladen gemacht, vielleicht um dem Anziehungseffekt Vorschub zu leisten, der aber in diesem Fall genau ins Gegenteil verkehrt. Nämlich während dem Stimmen ziehen sich die Pfeifen an, bei Spiel mit unterschiedlichen Register sind die hohen Töne verstimmt. Außerdem kommt ein weiteres Manko in diesem Fall zum Vorschein. Wenn bei Schleifladen große Pfeifen neben kleinen Pfeifen stehen, treten vermehrt Durchstecher auf, da die großen Bohrungen natürlich mehr Wind abgeben, und die kleinen Pfeifen zum Mitsummen animieren. Und so hat man gleich zwei Probleme auf einen Schlag. Von dem Mehraufwand beim Stimmen nicht zu reden. An Service haben die Belgier nicht gedacht. Wir sind bereits auf der Suche nach ein paar dressierten Affen, die wir ins Schwellwerk schicken können, um dort die 2 + 4Füsser zu stimmen. Aber vielleicht müssen wir noch warten, bis die ersten guten Tuning-Klons in den USA fabriziert werden.
weitere Bilder aus der Schyven-Orgel:




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Sonntag, Februar 10th, 2008
Die neue elektrische Anlage der Walcker-Orgel im Bukarester Atheneum besteht im Kern aus einer SPS-Anlage die über ihre Module 30 Millionen I/Os pro Sekunde vermittelt. Diese digitalen Module treiben die Magnete mit kurzschlussfesten Ausgängen mit bis zu 2 Ampére pro Ausgang.

In einem Schaltkasten finden sich alle diese Einheiten konzentriert zusammengefasst. Zwischen Spieltisch und Schaltkasten wird nur noch ein Buskabel geklemmt. Am Spieltisch selbst hat der Organist auch die Möglichkeit über eine USB-Buchse seine Registrierung abzuspeichern, was am Laptop editiert werden kann. Wem das alles zuviel Theorie ist, der kann sich das 6minütigen Video über die elektrische Anlage ansehen. Hier wird mit einer Widorschen Untermalung die Theorie aufpoliert.
Diese Orgelnlage ist besonders gekennzeichnet dadurch, dass wir es hier mit über 650 Hebelmagnete zu tun haben und verschiedenen Transmissionen und Teilladen fürs Pedal, sowie den Frontladen. Natürlich dürfen nur dann Hebelmagnete als Tonmagnete mitlaufen, wenn entpsrechende Register eingeschaltet sind, um alle unnötigen Geräusche von vorneherein auszuschliessen. Hier im Pedal haben wir auf der Großpedallade vier Register mit 128 Magneten - ist nur der Principalbass 16′ ein, darf bei geschalteter Pedaltaste C nur dieser eine Tonmagnet einschalten.

Hier heisst es zuvörderst, höchste Präzision beim Löten und Verkabeln und saubere Verpackung der Kabel, damit eine gesunde Ästhetik gewahrt bleibt.
VIDEO ueber die ELEKTRISCHE ANLAGE IN BUKAREST
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