Archive for the ‘Motherwell’ Category

Windanlage in spätromantischen Orgel – Beispiel Motherwell Op.876 Bj.1900

Freitag, April 5th, 2013

Ein großer Irrtum liegt vor, wenn man meint, bei diesen spätromantischen „singenden“ Orgeln, die Windanlage, die ursprünglich organisch mit Hand-oder Fußbetrieb den Wind erzeugte, einfach einen Motor anstelle des Menschen zu setzen, und dann immer noch die Weichheit und Gediegenheit des warmen Klanges erwarten zu können.
Aus Kostengründen wird es oft nicht möglich sein, die Bälge elektro-mechanisch zu betreiben, aber man hat mit zusätzlichen Bälgen die Möglichkeit die schlimmsten Auswüchse des direkten Motorbetriebes zu mildern.
Das möchte ich an diesem Beispiel kurz demonstrieren.
Zunächst die Zeichnung der Windanlage, die ich darunter kurz kommentiere:
zustand_beim_bau

Wir sehen in der Mitte zwischen den beiden Orgelwerken ein großes Handrad, das mit einem Riemen an eine excentrische Welle verbunden ist. Diese Welle treibt drei Keilbalggebläse, dessen Wind über die graue aquarellierten Kanäle links zum Hauptwerk und rechts zum Schwellwerk geleitet werden.
Die beiden Magazinbälge haben die Aufgabe, das Volumen zu speichern, die Keilbälge über den Magazinbälgen regulieren den Winddruck. Wir können davon ausgehen, dass der Kalkant etwa 90-100mm maximal an Druck von Hand erzeugen konnte, so dass also die Winddruckregulierung keine große Bedeutung hatte, während die Speicherung des Windvolumens durch die beiden Magazinbälge die Hauptaufgabe dieser Windanlage war. Deswegen waren an den Magazinbälgen auch keine Regulierventile angebracht. Hierzu noch eine Ansicht des Gebläses mit seinen drei Keilbälgen:
ansicht_geblaese

Diese ganze „Harmonie“ wurde beim Einbau eines elektrischen Gebläsemotors radikal zerstört und wir können davon ausgehen, dass diese Ausgewogenheit erheblich Schaden gelitten hat. Wie übrigens meistens, wenn in solche ausdifferenzierten Systeme mit Brachialmethoden eingegriffen wurde. Dazu das nächste Bild, welches zeigt, wie urplötzlich die Windalanage in Schieflage geraten ist:
zustand-jetzt

Hier bläst der Motor mit sage und schreibe 200mmWS in das zuvor mechanisch betriebene „Gebläse“ über ein Rollventil, das vom ersten Magazinbalg nun den Druck auf rund 120mmWS reduziert. Wir sehen also, dass der erste Magazinbalg die komplette Winddruckregulierung übernimmt, während der zweite Balg unter dem Hauptwerk überhaupt keine Aufgabe mehr hat, ebenso der Keilbalg über dem Schwellwerk wird seiner Funktion entledigt und wurde vom Orgelbauer damals stillgelegt.
Dass diese Orgel nun nicht mehr „singt“ sondern nur noch „Trompete“ ist, der alle Musik aus dem Leib herausgeprügelt wurde, das sollte nach diesen kurzen Einführungen unvermittelt klar werden.

Doch wie kann man das Problem beseitigen, und zwar unter den vorliegenden ökumenischen Bedingungen: Wir haben uns lange überlegt welche Mittel und Möglichkeiten wir haben und ich bin zuum Entschluss gekommen hinter dem Motor einen weiteren Magazinbalg einzubauen, der die monströsen 200mm WS des Motors erheblich reduziert und dahinter das ursprünglich von Walcker eingerichtete Windsystem so belasssen werden kann. Engültig will ich mich noch nicht festlegen, in jedem Falle sollte diese Windsituation wesentlich besser werden als sie zuvor war.
Ein weiterer Blog in dieser Sache soll das Thema abschliessen.
gewalcker@t-online.de
5.4.2013

working on a pneumatic cone-chest organ (1)

Samstag, August 4th, 2012

We want to show our work in this blog on the Walcker organ in Motherwell Scotland.

It starts with the pedal. We have here the relais of the notes.

a lead pipe supplies a small motor with wind. This actions a bigger motor with a cone-velve, which opens a very big motor for to open 2 large cone velves to give the wind to the large Violonbass pipes.
first you see inside this relais, above its the under side
ped_relais.jpg
then you see how this relais is under the windchest, here you see the 2 big motors for opening the cone-velves
ped_relais02.jpg
and on this picture you see the different parts before installation
ped_relais01.jpg

This 10 inches wide motor opens the wind for the stop of the Violon 16′ in the pedal
ped_balg_violonb16.jpg

and this is the stop combination machine for 3 combinations, piano, mezzoforte and forte in Great with 10 stops. There are aluminium plates as velves and small wooden valves.
hw_register_komb00.jpg hw_register_komb0.jpg hw_register_komb01.jpg

gerhard@walcker.com aug4th2012

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (5)

Samstag, Juli 14th, 2012

Von Motherwell haben wir in der Zwischenzeit rund 3000 Fotos erstellt, die wir zur Arbeit über iPad und Fotobuch für unsere Zwecke zugängig gemacht haben. Hieraus können wir gerne für Interessenten Bilder weiterleiten, wenn diese für ähnliche Zwecke benötigt werden. Hier ein Foto, wie wir das hier archiviert haben.
buch.jpg

Die Register werden im Spieltisch einmal über die Registerzüge eingeschaltet. Andere Möglichkeiten bieten sich über die Festen Kombinationen, wie Tutti. Hierzu ist erforderlich, dass Rückschlagventile dazwischen geschaltet werden, damit nicht ein einzelnes Register andere Register dazu zieht. Dies hat Walcker über solche über der Bohrung angebrachten Metallplättchen bewerkstelligt, wie in den nachfolgenden Fotos gezeigt.
Kommt der Wind von unten, so hebt der Druck das Plättchen an und lässt die Funktion folgen. Kommt Wind von oben, wird die Weiterleitung durch das aufschlagende Plättchen verhindert.

register_rueckschlagventile.jpg
register_rueckschlagventile_a.jpg

Wir zeigen hier zwei Bilder über den Aufbau der Manualklaviaturen in einem solchen pneumatischen Spieltisch. Beim ersten Foto sehen wir im Hintergrund die Ventile und darunter die Einhängung der Tasten – unter den Tasten die Keilblägchen der Manualkoppel. Diese Ventile werden mit einem Holzkästchen, das permanent unter Wind steht, umschlossen, was man auf dem zweiten Bild sieht. Auf diesem Foto erkennt man auch die mechanische Drückerschaltung unter dem I. Manual und unter dem II.Manual. Hier werden die Sub-Superkoppeln des Schwellwerks geschaltet.

tasten_ii.jpg

tasten_iia.jpg

Diese Koppeln hat man nicht mehr in dem sehr eng angelegten Spieltisch untergebracht und hat sie daher direkt hinter den Spieltisch angebaut. Der weitgehend fertig restaurierte Sub-Super-Koppelapparat zeigt uns wieder einmal, dass solch eine Orgel eigentlich nur aus lauter Bohrungen (und ein paar Pfeifen) besteht.

sub_super_a.jpg

sub_super.jpg

Nun, nach über zwei Monaten Arbeit in unserer Werkstatt (noch nicht berichtet haben wir über die Restaurierung der beiden Bälge, was in weiterem Blog folgen soll) werden wir in 8 Tagen nun wieder mit Pack und Kegel Richtung Engellande ziehen, um dort die hier gezeigten Teile wieder einzubauen. Noch ungeklärt ist ein Umstand, der elementar an der Zerstörung der Bleileitungen mitgewirkt hat, nämlich die Umstellung des Spieltisches, mit Gesicht zum Westfenster, wo er , wie das folgende Foto zeigt, nicht hingehört. Weil dadurch eine Störung der „Bedienungsharmonie“ erfolgt ist. Wahrscheinlich werden wir den Spieltisch wieder umstellen, damit links das „Great“ und rechts das „Swell bedient werden kann, wie es sich gehört. Aber wer weiß.

console_organ.jpg
gerhard@walcker.com

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (4)

Sonntag, Juli 8th, 2012

Bei diesem Blog möchte ich zwei Dinge an diesem Spieltisch zeigen.
Einmal wie die mechanische Bewegung in Winddruck gewandelt wird und zum anderen den Aufbau der Registerstaffelei.
Um das Ineinandergreifen von Keilbälgchen und Mechanik der Tasten zu verstehen, habe ich ein kleines Schema gezeichnet.
Hier ist die Taste des II.Man. gedrückt, während das I.Manual unbewegt ist. Es sind symbolisch zwei Koppelbälgchen eingezeichnet, die zeigen, wie solch eine Koppel funktioniert:

trakturschema.jpg

Auf dem nachfolgenden Bild, das die Tastenventile vom I.Man zeigt, sehen wir, wie die Ventile und die Keilbälgchen angeordnet sind.

tastenventile01.jpg

Alle Keilbälgchen mussten wegen fehlerhafter Belederung, die vor zehn Jahren stattfand, von uns erneut beledert werden. Ebenso mussten wir die Ventile neu beledern, weil man hier falsches Leder verwendet hat, das starke Klopfgeräusche hervorrief und nicht gut abdichtete.

tastenventile.jpg

Um das Abdichten etwas zu verbessern, haben wir unter dem Leder noch eine Garnitur Filz geleimt, was auch die ungleiche Dicke von Leder etwas ausgleicht.

ventilbrett_02.jpg

Das Foto des Ventilbretts von oben zeigt, wie akurat und eng es auf dieser Tastenteilung zugeht. Die Ventile sind durchweg aus gut getrocknetem Nußbaum gefertigt. Um mittendrin ein Ventil nachzubearbeiten oder zu regulieren, ist der Ausbau von Nachbarventilen erforderlich.

ventilbrett.jpg

Die Registerstaffeleien rechts und links arbeiten mit einer ähnlichen Technik: es wird beim Herausziehen des Registerzuges ein kleines Ventil geöffnet, das Wind in ein Bleirohr freigibt. Dieses Bleirohr führt zu einem Kästchen, in dem Rückschlagventile aus Alublech eingebaut sind, welche Tutti oder Festen Kombinationen die Handregister abschalten können.
Der Ausbau einer solchen Registerstafflei ist ein Abenteuer für sich. Wir haben das mit ein paar Bildern dokumentiert.

regstaffel.jpg regstaffel2.jpg regstaffel4.jpg regstaffel5.jpg regstaffel3a.jpg

gerhard@walcker.com 8.7.2012

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (3)

Samstag, Juni 30th, 2012

Der Spieltisch ist in weiten Teilen fertig gestellt.
Wir können daher heute ein Bild von vorne zeigen, das in wesentlichen Punkten erläutert wird:

spieltisch-von-vorne.jpg

Unter den beiden Manualklaviaturen befinden sich insgesamt 7 Drucktaster, welche die Koppeln, Crescendo und den Tremolo einschalten – und zwar mit Ausnahme des Tremolo alles rein mechanisch.
Dafür ist ein Relaisapparat direkt unter dem Travers angebracht, der es mit den dort eingebauten Keilbälgchen auch ermöglicht diese 6 Funktionen über die Festen Kombinationen und dem Tutti einschalten zu können. Diese mechanisch- pneumatische Kombination ist sehr interessant und das vergegenwärtigt uns, dass die Orgelbauer dieser Zeit immer mechanisch gedacht haben.
Im unteren Bereich sehen wir die zwei Apparate der Festen Kombinationen, die mit 7 Pistons eingeschaltet werden können und die in Schwellwerk und Hauptwerk aufgeteilt sind, weil dadurch die einfache Abschaltung der Handregister über jeweils ein Relais für HW und SW ermöglicht wurde. Nur beim Tutti werden beide Relais angesteuert. Und das erklärt nun auch, warum wir zwei Registerabgängs-Kästchen haben – denn diese werden sowohl vom Tutti wie von den EinzelHandregister angefahren.

Es gibt in der Pneumatik wie in der Digitaltechnik Relais die man als UND- ODER- NAND-Gatter bezeichnen könnte. Das heißt, wenn man eine Funktion von zwei unterschiedlichen Steuerungsquellen bewerkstelligen lassen will, die sich aber nicht gegenseitig beeinflussen dürfen, dann haben wir es mit einem Oder-Relais zu tun. Das hat Walcker auf zwei unterschiedliche Arten gelöst:

relais_a.jpg

Bei dem Relais mit dem Rückschlagventil ist lediglich ein kleines Aluplättchen eingebaut, das entwedet den Wind von rechts oder unten weiterleitet nach links zu dem Keilblägchen, ohne dass Wind zu einem der zuströmenden Quellen zurückleitet wird. Man könnte das aber auch wie das aufwändigere Relais links gestalten, mit zwei Keilbälgchen. Das in diesem Fall wegen der größeren Windmenge zum Balg der Tutti-Einschaltung, der alle Register hier unter Wind setzt, nicht anders gestaltet hätte werden können.
Ein identischer ODER_Relais sieht man nachfolgend, wo Crescendo und Tutti jeweils ein Keilbälgchen bedienen, das ein größeres Ventil öffnet und mit einer Bohrung dahinter wird der „Absteller im Hauptwerk“ mit Wind bedient.

relais_b.jpg

Jetzt sind wir noch dabei die abgehenden Bleirohre neu einzubauen und zu verlegen, was eigentlich eine recht einfache Arbeit ist, wie man hier sehen kann:

bleirohreii.jpg

Interessant ist die mechanische Steuerung der Pedalwindleitungen. Es handelt sich eigentlich um Abstromventile, die durch die Feder beständig zugedrückt wird und bei Druck auf die Taste nach unten fallen und das Ventil so öffnen. Dann stehen alle drei Rohre pro Taste des Pedals unter Wind:

pedal01beide.jpg

Dazu zwei Fotos,die während der Arbeit an diesen Pedalapparat gemacht wurden und wo man im Hintergrund ein iPad sieht, das uns ständig mit Fotos unterstützte, damit man immer gut informiert ist, wie es denn vorher ausgesehen hat:

pedal02.jpg pedal03.jpg

Und hier noch eine walckersche Originalzeichnung, die uns immer irgendwie begleitet hat, wenns um pneumatische Spieltische geht, nämlich spieltisch_pfeddershm.jpgdie Zeichnung des Pfeddersheimer Spieltisches, der immerhin mit einer Organola ausgestattet ist und schon von daher für Aufsehen sorgt.

gerhard@walcker.com 30.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (2)

Samstag, Juni 23rd, 2012

Das nachfolgende Bild „Spieltischrückseite Motherwell“ zeigt den Spieltisch, wie er bei uns in die Werkstatt angeliefert wurde, nach dem Ausbau der Manualklaviaturen und teilweisem Ausbau der Bleirohre. Lassen Sie sich von den roten und gelben Plastikschläuchen nicht irritieren, die werden natürlich entfernt und gegen Bleirohre ersetzt. Sondern es geht bei dieser Rückseitenansicht darum, trotz dem ersten „chaotischen“ Eindruck, ein grobes Schema aufzuzeigen.
Die pneumatischen Spieltische bei Walcker waren recht einfach in ihrer Konstruktion. Die „Mechanik“ hat hier immer noch stark durchgeleuchtet, weswegen sämtliche Koppeln über Bälgchen gesteuert wurden, was für die Sub- und Superkoppeln ins Schwellwerk einen Anbau an den Spieltisch erforderte, der direkt hinter dem Pedalkästchen platziert wurde, was auf unserem Foto nicht sichtbar ist.

Das nachfolgende Bild also erklärt sich von selbst mit den Textanmerkungen. Um es in allen Details scharf zu haben, ist das Bild mit rund 220 kB etwas größer als normalerweise im Web notwendig.
spieltisch_webvariante.jpg

Die Mechanik besteht darin, dass die Tasten ein kleines Ventil betätigen, das Winddruck über die oben gezeigten Bleiröhren zu den Keilbälgchen der Tonrelais unter den Windladen führen.
Diese Tastenmechanik (I.Manual-Great) sehen Sie hier:
manualgreat.jpg

Die hier gezeigten Kupferdrähte mit den Lederwürteln führen in das unter Wind stehende Kästchen, in dem diese Ventile eingebaut sind, die wir auf dem nachfolgendem Bild sehen:
manualgreat02.jpg

Die hinter diesem ersten Manual liegenden Keilbälgchen (die entfernt wurden, da sie neu beledert werden müssen, weil die Engländern einen falschen Klebstoff verwendet haben) sind für die Koppel II/I zuständig.
Das heißt sobald eine Taste des I.Manuals betätigt wird, werden Bleirohr zum Ton des I.Manuals und Koppelbälgchen unter Wind gesetzt – erst wenn der Koppelbalg II/I einen Eisenbalken von diesen Koppelbälgchen anhebt, damit diese arbeiten können, kann die Koppel in Funktion treten. Das eben ist ein typisch mechanischer Gedanke, der bei Walcker bis zum Ende des II.WK alle Konstruktionen, auch innerhalb elektrischer und elektropneumatischer Orgeln, beherrscht hat. Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass im Orgelbau erst mit dem Aufkommen der Elektronik ab den 1970er Jahren eine Annäherung an das technische Ingenieursdenken stattgefunden hat, dass aber damit sich gleichzeitig weiter vom künstlerischen Orgelbau entfernt hat. Denn zur Kunst gehört einfach eine zur Metaphysik der Künste abstrahierende Denkweise und nicht die Abstraktion zur Mathematik und Technik, die von der Muse subtrahiert. Ich denke dabei an Eberhard Friedrich Walcker, der Pfeifenmaße teilweise mit einem Stift sich zeichnerisch vergegenwärtigte ohne dabei eine einzige Zahl zu nennen (Quelle: EFW-Notizbücher). Dieses sinnliche Element spart Energie für den wesentlichen künstlerischen Impuls, den die Klanggebung erfordert. Wer viel Zeit und Denken im Reich der Technik verbringt, wird diesen Impuls nie spüren. Das ist es, was Rupp als die „Brückenbauer“ und „Ingenieursorgelbauer“ abfällig verurteilte.

Nun zurück zu unserem Spieltisch, der von uns allerdings konsequente „Künstleraskese“ einfordert, weil wir letzten Endes hier nur zum Ziel kommen, wenn die Funktion aller Teile garantiert werden kann – und das sollte einige Dezennien Dauer erfahren dürfen.

Hier noch der Hinweis, dass bei solch einem Spieltisch alle Filzteile an den Tasten ersetzt werden müssen, und das sind hier bei jeder Taste die Kaschmirstreifen an vorderer Tastenführung und der Kaschmir in der mittleren Bohrung. Der grün gewebte Filz für den Tastenanschlag ist ebenso stillschweigend zu erneuern. Man kann übrigens sicher sein, dass außerhalb Deutschlands kein gewebter Filz durch Reparaturen der Eingeborenen jemals in irgendwelchen Orgeln das Licht der Welt erblickt hat. (auch Kaschmir ist ja ein gewebter Filz)
tastenaustuchen.jpg

Wie eine solche Bleirohrleiste, die Abgangleisten der beiden Manuale, aussehen kann, wenn man Weißleim anstelle Planatol (das ist zwar auch ein Kunstharzeim,allerdings bewahrt dieser beim Trocknen eine gewisse Elastizität, was das Herausnehmen der Bleirohre aber leichter ermöglicht) sieht man an dem nachfolgenden Foto. Die abgebrochenen Bleistümpfe zeigen, wohin die Reise geht.
abgangswinkel.jpg

Und hier noch ein Bild von den Pedalkoppelbälgchen I/P, welche die oben gezeigten Ventile öffnen. Sobald dieser schwarze Eisenrahmen durch den entsprechenden Balg hochgehoben wird, bekommen die Bälgchen Gelegenheit, die Ledermuttern der Ventile anzuheben. Alle Bälgchen in diesem Spieltisch mussten wir schweren Herzens neu beledern, obwohl diese erst vor wenigen Jahren erneuert wurden. Das zeigt, dass man mit wenig Wissen in Materialkunde sehr viel Schaden anrichten kann. Die „englisch“ verleimten Koppelbälgchen haben so zäh reagiert, sodass man nicht glauben wollte, hier mit spritziger Repetition rechnen zu können.
pedalbaelgchen.jpg

gewalcker@t-online.de
23.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (1)

Donnerstag, Juni 14th, 2012

in den kommenden Wochen möchte ich verschiedene Blogs über die Restaurierung des pneumatischen Spieltisches für Motherwell, Walcker-Orgel Opus 876, Bj 1899, II/23, berichten.
Dieser erste Blog ist gewissermaßen die Einführung.
Es wird aber darauf verzichtet auf alle Details zu dieser Orgel einzugehen, weil das auf unserer Internetseite www.walcker.com bereits geschehen ist. (exakter Link: http://www.walcker.com/orgelwerken/0876-motherwell.php)
Was erwartet uns beim Spieltisch?

a) Zunächst ein Hinweis in Sachen Beirohre.
Die Firma Walcker hat in diesem Spieltisch Bleirohre verarbeitet mit Außen-Durchmesser 7,5mm, 9,5mm und 11,5mm. Im Handel (Laukhuff, Weikersheim) gibt es nur die Abmessungen 6mm, 8mm, 9mm und 12mm. Es bleibt also nichts anderes übrig als ein nächst größeren Durchmesser zu verwenden und die Rohrleisten aufzubohren oder eine kleinere Variante zu nehmen und gut an der Leiste abzudichten.
b) Unser Spieltisch wurde irgendwann einmal gedreht. Das heißt der ursprüngliche Blick ins Kirchenschiff mit Orgel hinter der Bank, wurde getauscht gegen Blick zum Fenster. Dadurch wurden Baß-und Diskantseite vertauscht und natürlich die Register rechter und linker Hand. Mit rechts konnte man das rechts liegende Schwellwerk bedienen und mit linker Hand das auf der linken Seite liegende HW. Nach dem Tausch hatte man nun ein schönes „Kreuz und Quer“ geschaffen. Durch die Spannung auf der Diskant-Seite und Überlänge auf Baß waren die abgehenden Bleirohre nun so schön in Unordnung geraten, das immer wieder Risse passierten die mit ebenso schönen, roten Plastikrohren geflickt wurden, was ein heiteres Flickwerk im Laufe der Zeit zustande brachte.

c) Dazu kam, dass das Flicken und Neueinpassen der Bleirohre mit völlig fehlerhaftem Kunstharzleim gemacht wurde. Das hat zur Folge, dass man das Herausdrehen von Bleirohren im Falle von Reparaturen die Bleirohre in der Holzleiste abreißen, da der Kunstharzleim völlig erhärtet und nicht nachgibt beim Herausdrehen. Deswegen ist unbedingt zu empfehlen das Einleimen der Bleirohre nur mit Fischleim (Vorschlag Markus Lenter) oder Planatol (auch dies ist ein Kunstharzleim, der aber die Eigenschaft besitzt nicht völlig auszuhärten und so das Herausdrehen der Bleirohre später gut ermöglicht). Der Fischleim (Kremer Pigmente) kann mit Gips oder Kalk angereichert werden und gibt widerstandslos das Bleirohr wieder frei, wenn man daran dreht.

d) Alle Schrauben sind „schottlandtypisch“ stark verrostet, manche brechen direkt bei leichtem Andrehen ab. Alle Schrauben sollten in solch einem Fall ersetzt werden. Ausnahme sind die wenigen, überlangen 6mm Schrauben (6×80 oder 90mm) Man kann alle Schrauben relativ günstig bei www.handwerkerschrauben.de bestellen. Hauptsächlich benötigt werden Flachkopf, 3,5x40mm, 3,5x50mm, 6x40mm, 6x45mm, 6x50mm und diverse 5er Flachkopfschrauben. Dort wo 4er Schrauben nicht mehr gezogen haben, haben wir entweder zugedübelt oder wenn es die Konstruktion erlaubt hat neu auf 5mm aufgebohrt.

e) Leder. Von Herzog gibt es ein schönes Blatt mit diversen Ledermuster. Noch schöner wäre es, wenn auch sein Service dementsprechend wäre. Aus diesem Grunde habe ich auch nach anderen Lederlieferanten gefahndet und bin bisher ganz gut mit Weißgerberei Widenmann gefahren, die übrigens auch großes und schönes Ledermusterset verschickt. Wir haben auf Grund der viel besseren Haltbarkeit die Bälgchen alle mit Känguru-Spaltleder bestückt. Während alle Dichtungen mit Balgleder, mittlere Dicke, ausgeführt wurden.

f) Ein grundsätzliches Problem stellt sich immer wieder dar, wenn Laien oder Orgelbauer aus Drittländern mit solchen Orgeln in Berührung kommen, wenn es ums Verleimen solcher Lederteile geht. Es gilt grundsätzlich: man sollte Leder nur mit Hautleim verleimen!! Ausnahmsweise darf es auch Knochenleim sein, und in ganz seltenen Fällen, bei einer Reparatur zwei Minuten vor dem Konzert könnte es auch mal UHU sein. Aber Finger weg von Kunstharzleimen, egal welcher Farbe! Wir haben hier im Spieltisch 152 Koppelbälgchen, die alle vor ein paar Jahren mit neuem Spaltleder bezogen wurden – aber welche Fatalität, der Orgelbauer hat einen Kunstleim verwendet, der alle Bälgchen zäh und träge arbeiten lässt. Dazu kommt noch der Umstand, dass er mehr als 2/3 der Bohrung an den Keilbälgchen mit Leim zugeschmiert hat, was sich bestimmt in Repetition stark bemerkbar gemacht hat. Es blieb also nichts anderes übrig, als alle 152 Koppelbälgchen neu zu beziehen und wahrlich, es geht nur Spaltleder oder eben dieses Känguruleder, das mit Hautleim aufgetragen wird.

gerhard@walcker.com 14.6.12

Die zwei Gesichter des Spieltisches

spielt01.jpg spielt02.jpg