Windanlage in spätromantischen Orgel – Beispiel Motherwell Op.876 Bj.1900

Ein großer Irrtum liegt vor, wenn man meint, bei diesen spätromantischen „singenden“ Orgeln, die Windanlage, die ursprünglich organisch mit Hand-oder Fußbetrieb den Wind erzeugte, einfach einen Motor anstelle des Menschen zu setzen, und dann immer noch die Weichheit und Gediegenheit des warmen Klanges erwarten zu können.
Aus Kostengründen wird es oft nicht möglich sein, die Bälge elektro-mechanisch zu betreiben, aber man hat mit zusätzlichen Bälgen die Möglichkeit die schlimmsten Auswüchse des direkten Motorbetriebes zu mildern.
Das möchte ich an diesem Beispiel kurz demonstrieren.
Zunächst die Zeichnung der Windanlage, die ich darunter kurz kommentiere:
zustand_beim_bau

Wir sehen in der Mitte zwischen den beiden Orgelwerken ein großes Handrad, das mit einem Riemen an eine excentrische Welle verbunden ist. Diese Welle treibt drei Keilbalggebläse, dessen Wind über die graue aquarellierten Kanäle links zum Hauptwerk und rechts zum Schwellwerk geleitet werden.
Die beiden Magazinbälge haben die Aufgabe, das Volumen zu speichern, die Keilbälge über den Magazinbälgen regulieren den Winddruck. Wir können davon ausgehen, dass der Kalkant etwa 90-100mm maximal an Druck von Hand erzeugen konnte, so dass also die Winddruckregulierung keine große Bedeutung hatte, während die Speicherung des Windvolumens durch die beiden Magazinbälge die Hauptaufgabe dieser Windanlage war. Deswegen waren an den Magazinbälgen auch keine Regulierventile angebracht. Hierzu noch eine Ansicht des Gebläses mit seinen drei Keilbälgen:
ansicht_geblaese

Diese ganze „Harmonie“ wurde beim Einbau eines elektrischen Gebläsemotors radikal zerstört und wir können davon ausgehen, dass diese Ausgewogenheit erheblich Schaden gelitten hat. Wie übrigens meistens, wenn in solche ausdifferenzierten Systeme mit Brachialmethoden eingegriffen wurde. Dazu das nächste Bild, welches zeigt, wie urplötzlich die Windalanage in Schieflage geraten ist:
zustand-jetzt

Hier bläst der Motor mit sage und schreibe 200mmWS in das zuvor mechanisch betriebene „Gebläse“ über ein Rollventil, das vom ersten Magazinbalg nun den Druck auf rund 120mmWS reduziert. Wir sehen also, dass der erste Magazinbalg die komplette Winddruckregulierung übernimmt, während der zweite Balg unter dem Hauptwerk überhaupt keine Aufgabe mehr hat, ebenso der Keilbalg über dem Schwellwerk wird seiner Funktion entledigt und wurde vom Orgelbauer damals stillgelegt.
Dass diese Orgel nun nicht mehr „singt“ sondern nur noch „Trompete“ ist, der alle Musik aus dem Leib herausgeprügelt wurde, das sollte nach diesen kurzen Einführungen unvermittelt klar werden.

Doch wie kann man das Problem beseitigen, und zwar unter den vorliegenden ökumenischen Bedingungen: Wir haben uns lange überlegt welche Mittel und Möglichkeiten wir haben und ich bin zuum Entschluss gekommen hinter dem Motor einen weiteren Magazinbalg einzubauen, der die monströsen 200mm WS des Motors erheblich reduziert und dahinter das ursprünglich von Walcker eingerichtete Windsystem so belasssen werden kann. Engültig will ich mich noch nicht festlegen, in jedem Falle sollte diese Windsituation wesentlich besser werden als sie zuvor war.
Ein weiterer Blog in dieser Sache soll das Thema abschliessen.
gewalcker@t-online.de
5.4.2013

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