Pneumatischer Spieltisch Motherwell (2)

Das nachfolgende Bild „Spieltischrückseite Motherwell“ zeigt den Spieltisch, wie er bei uns in die Werkstatt angeliefert wurde, nach dem Ausbau der Manualklaviaturen und teilweisem Ausbau der Bleirohre. Lassen Sie sich von den roten und gelben Plastikschläuchen nicht irritieren, die werden natürlich entfernt und gegen Bleirohre ersetzt. Sondern es geht bei dieser Rückseitenansicht darum, trotz dem ersten „chaotischen“ Eindruck, ein grobes Schema aufzuzeigen.
Die pneumatischen Spieltische bei Walcker waren recht einfach in ihrer Konstruktion. Die „Mechanik“ hat hier immer noch stark durchgeleuchtet, weswegen sämtliche Koppeln über Bälgchen gesteuert wurden, was für die Sub- und Superkoppeln ins Schwellwerk einen Anbau an den Spieltisch erforderte, der direkt hinter dem Pedalkästchen platziert wurde, was auf unserem Foto nicht sichtbar ist.

Das nachfolgende Bild also erklärt sich von selbst mit den Textanmerkungen. Um es in allen Details scharf zu haben, ist das Bild mit rund 220 kB etwas größer als normalerweise im Web notwendig.
spieltisch_webvariante.jpg

Die Mechanik besteht darin, dass die Tasten ein kleines Ventil betätigen, das Winddruck über die oben gezeigten Bleiröhren zu den Keilbälgchen der Tonrelais unter den Windladen führen.
Diese Tastenmechanik (I.Manual-Great) sehen Sie hier:
manualgreat.jpg

Die hier gezeigten Kupferdrähte mit den Lederwürteln führen in das unter Wind stehende Kästchen, in dem diese Ventile eingebaut sind, die wir auf dem nachfolgendem Bild sehen:
manualgreat02.jpg

Die hinter diesem ersten Manual liegenden Keilbälgchen (die entfernt wurden, da sie neu beledert werden müssen, weil die Engländern einen falschen Klebstoff verwendet haben) sind für die Koppel II/I zuständig.
Das heißt sobald eine Taste des I.Manuals betätigt wird, werden Bleirohr zum Ton des I.Manuals und Koppelbälgchen unter Wind gesetzt – erst wenn der Koppelbalg II/I einen Eisenbalken von diesen Koppelbälgchen anhebt, damit diese arbeiten können, kann die Koppel in Funktion treten. Das eben ist ein typisch mechanischer Gedanke, der bei Walcker bis zum Ende des II.WK alle Konstruktionen, auch innerhalb elektrischer und elektropneumatischer Orgeln, beherrscht hat. Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass im Orgelbau erst mit dem Aufkommen der Elektronik ab den 1970er Jahren eine Annäherung an das technische Ingenieursdenken stattgefunden hat, dass aber damit sich gleichzeitig weiter vom künstlerischen Orgelbau entfernt hat. Denn zur Kunst gehört einfach eine zur Metaphysik der Künste abstrahierende Denkweise und nicht die Abstraktion zur Mathematik und Technik, die von der Muse subtrahiert. Ich denke dabei an Eberhard Friedrich Walcker, der Pfeifenmaße teilweise mit einem Stift sich zeichnerisch vergegenwärtigte ohne dabei eine einzige Zahl zu nennen (Quelle: EFW-Notizbücher). Dieses sinnliche Element spart Energie für den wesentlichen künstlerischen Impuls, den die Klanggebung erfordert. Wer viel Zeit und Denken im Reich der Technik verbringt, wird diesen Impuls nie spüren. Das ist es, was Rupp als die „Brückenbauer“ und „Ingenieursorgelbauer“ abfällig verurteilte.

Nun zurück zu unserem Spieltisch, der von uns allerdings konsequente „Künstleraskese“ einfordert, weil wir letzten Endes hier nur zum Ziel kommen, wenn die Funktion aller Teile garantiert werden kann – und das sollte einige Dezennien Dauer erfahren dürfen.

Hier noch der Hinweis, dass bei solch einem Spieltisch alle Filzteile an den Tasten ersetzt werden müssen, und das sind hier bei jeder Taste die Kaschmirstreifen an vorderer Tastenführung und der Kaschmir in der mittleren Bohrung. Der grün gewebte Filz für den Tastenanschlag ist ebenso stillschweigend zu erneuern. Man kann übrigens sicher sein, dass außerhalb Deutschlands kein gewebter Filz durch Reparaturen der Eingeborenen jemals in irgendwelchen Orgeln das Licht der Welt erblickt hat. (auch Kaschmir ist ja ein gewebter Filz)
tastenaustuchen.jpg

Wie eine solche Bleirohrleiste, die Abgangleisten der beiden Manuale, aussehen kann, wenn man Weißleim anstelle Planatol (das ist zwar auch ein Kunstharzeim,allerdings bewahrt dieser beim Trocknen eine gewisse Elastizität, was das Herausnehmen der Bleirohre aber leichter ermöglicht) sieht man an dem nachfolgenden Foto. Die abgebrochenen Bleistümpfe zeigen, wohin die Reise geht.
abgangswinkel.jpg

Und hier noch ein Bild von den Pedalkoppelbälgchen I/P, welche die oben gezeigten Ventile öffnen. Sobald dieser schwarze Eisenrahmen durch den entsprechenden Balg hochgehoben wird, bekommen die Bälgchen Gelegenheit, die Ledermuttern der Ventile anzuheben. Alle Bälgchen in diesem Spieltisch mussten wir schweren Herzens neu beledern, obwohl diese erst vor wenigen Jahren erneuert wurden. Das zeigt, dass man mit wenig Wissen in Materialkunde sehr viel Schaden anrichten kann. Die „englisch“ verleimten Koppelbälgchen haben so zäh reagiert, sodass man nicht glauben wollte, hier mit spritziger Repetition rechnen zu können.
pedalbaelgchen.jpg

gewalcker@t-online.de
23.6.12

Comments are closed.