Pneumatischer Spieltisch Motherwell (1)

in den kommenden Wochen möchte ich verschiedene Blogs über die Restaurierung des pneumatischen Spieltisches für Motherwell, Walcker-Orgel Opus 876, Bj 1899, II/23, berichten.
Dieser erste Blog ist gewissermaßen die Einführung.
Es wird aber darauf verzichtet auf alle Details zu dieser Orgel einzugehen, weil das auf unserer Internetseite www.walcker.com bereits geschehen ist. (exakter Link: http://www.walcker.com/orgelwerken/0876-motherwell.php)
Was erwartet uns beim Spieltisch?

a) Zunächst ein Hinweis in Sachen Beirohre.
Die Firma Walcker hat in diesem Spieltisch Bleirohre verarbeitet mit Außen-Durchmesser 7,5mm, 9,5mm und 11,5mm. Im Handel (Laukhuff, Weikersheim) gibt es nur die Abmessungen 6mm, 8mm, 9mm und 12mm. Es bleibt also nichts anderes übrig als ein nächst größeren Durchmesser zu verwenden und die Rohrleisten aufzubohren oder eine kleinere Variante zu nehmen und gut an der Leiste abzudichten.
b) Unser Spieltisch wurde irgendwann einmal gedreht. Das heißt der ursprüngliche Blick ins Kirchenschiff mit Orgel hinter der Bank, wurde getauscht gegen Blick zum Fenster. Dadurch wurden Baß-und Diskantseite vertauscht und natürlich die Register rechter und linker Hand. Mit rechts konnte man das rechts liegende Schwellwerk bedienen und mit linker Hand das auf der linken Seite liegende HW. Nach dem Tausch hatte man nun ein schönes „Kreuz und Quer“ geschaffen. Durch die Spannung auf der Diskant-Seite und Überlänge auf Baß waren die abgehenden Bleirohre nun so schön in Unordnung geraten, das immer wieder Risse passierten die mit ebenso schönen, roten Plastikrohren geflickt wurden, was ein heiteres Flickwerk im Laufe der Zeit zustande brachte.

c) Dazu kam, dass das Flicken und Neueinpassen der Bleirohre mit völlig fehlerhaftem Kunstharzleim gemacht wurde. Das hat zur Folge, dass man das Herausdrehen von Bleirohren im Falle von Reparaturen die Bleirohre in der Holzleiste abreißen, da der Kunstharzleim völlig erhärtet und nicht nachgibt beim Herausdrehen. Deswegen ist unbedingt zu empfehlen das Einleimen der Bleirohre nur mit Fischleim (Vorschlag Markus Lenter) oder Planatol (auch dies ist ein Kunstharzleim, der aber die Eigenschaft besitzt nicht völlig auszuhärten und so das Herausdrehen der Bleirohre später gut ermöglicht). Der Fischleim (Kremer Pigmente) kann mit Gips oder Kalk angereichert werden und gibt widerstandslos das Bleirohr wieder frei, wenn man daran dreht.

d) Alle Schrauben sind „schottlandtypisch“ stark verrostet, manche brechen direkt bei leichtem Andrehen ab. Alle Schrauben sollten in solch einem Fall ersetzt werden. Ausnahme sind die wenigen, überlangen 6mm Schrauben (6×80 oder 90mm) Man kann alle Schrauben relativ günstig bei www.handwerkerschrauben.de bestellen. Hauptsächlich benötigt werden Flachkopf, 3,5x40mm, 3,5x50mm, 6x40mm, 6x45mm, 6x50mm und diverse 5er Flachkopfschrauben. Dort wo 4er Schrauben nicht mehr gezogen haben, haben wir entweder zugedübelt oder wenn es die Konstruktion erlaubt hat neu auf 5mm aufgebohrt.

e) Leder. Von Herzog gibt es ein schönes Blatt mit diversen Ledermuster. Noch schöner wäre es, wenn auch sein Service dementsprechend wäre. Aus diesem Grunde habe ich auch nach anderen Lederlieferanten gefahndet und bin bisher ganz gut mit Weißgerberei Widenmann gefahren, die übrigens auch großes und schönes Ledermusterset verschickt. Wir haben auf Grund der viel besseren Haltbarkeit die Bälgchen alle mit Känguru-Spaltleder bestückt. Während alle Dichtungen mit Balgleder, mittlere Dicke, ausgeführt wurden.

f) Ein grundsätzliches Problem stellt sich immer wieder dar, wenn Laien oder Orgelbauer aus Drittländern mit solchen Orgeln in Berührung kommen, wenn es ums Verleimen solcher Lederteile geht. Es gilt grundsätzlich: man sollte Leder nur mit Hautleim verleimen!! Ausnahmsweise darf es auch Knochenleim sein, und in ganz seltenen Fällen, bei einer Reparatur zwei Minuten vor dem Konzert könnte es auch mal UHU sein. Aber Finger weg von Kunstharzleimen, egal welcher Farbe! Wir haben hier im Spieltisch 152 Koppelbälgchen, die alle vor ein paar Jahren mit neuem Spaltleder bezogen wurden – aber welche Fatalität, der Orgelbauer hat einen Kunstleim verwendet, der alle Bälgchen zäh und träge arbeiten lässt. Dazu kommt noch der Umstand, dass er mehr als 2/3 der Bohrung an den Keilbälgchen mit Leim zugeschmiert hat, was sich bestimmt in Repetition stark bemerkbar gemacht hat. Es blieb also nichts anderes übrig, als alle 152 Koppelbälgchen neu zu beziehen und wahrlich, es geht nur Spaltleder oder eben dieses Känguruleder, das mit Hautleim aufgetragen wird.

gerhard@walcker.com 14.6.12

Die zwei Gesichter des Spieltisches

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