Archive for Juni, 2012

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (3)

Samstag, Juni 30th, 2012

Der Spieltisch ist in weiten Teilen fertig gestellt.
Wir können daher heute ein Bild von vorne zeigen, das in wesentlichen Punkten erläutert wird:

spieltisch-von-vorne.jpg

Unter den beiden Manualklaviaturen befinden sich insgesamt 7 Drucktaster, welche die Koppeln, Crescendo und den Tremolo einschalten – und zwar mit Ausnahme des Tremolo alles rein mechanisch.
Dafür ist ein Relaisapparat direkt unter dem Travers angebracht, der es mit den dort eingebauten Keilbälgchen auch ermöglicht diese 6 Funktionen über die Festen Kombinationen und dem Tutti einschalten zu können. Diese mechanisch- pneumatische Kombination ist sehr interessant und das vergegenwärtigt uns, dass die Orgelbauer dieser Zeit immer mechanisch gedacht haben.
Im unteren Bereich sehen wir die zwei Apparate der Festen Kombinationen, die mit 7 Pistons eingeschaltet werden können und die in Schwellwerk und Hauptwerk aufgeteilt sind, weil dadurch die einfache Abschaltung der Handregister über jeweils ein Relais für HW und SW ermöglicht wurde. Nur beim Tutti werden beide Relais angesteuert. Und das erklärt nun auch, warum wir zwei Registerabgängs-Kästchen haben – denn diese werden sowohl vom Tutti wie von den EinzelHandregister angefahren.

Es gibt in der Pneumatik wie in der Digitaltechnik Relais die man als UND- ODER- NAND-Gatter bezeichnen könnte. Das heißt, wenn man eine Funktion von zwei unterschiedlichen Steuerungsquellen bewerkstelligen lassen will, die sich aber nicht gegenseitig beeinflussen dürfen, dann haben wir es mit einem Oder-Relais zu tun. Das hat Walcker auf zwei unterschiedliche Arten gelöst:

relais_a.jpg

Bei dem Relais mit dem Rückschlagventil ist lediglich ein kleines Aluplättchen eingebaut, das entwedet den Wind von rechts oder unten weiterleitet nach links zu dem Keilblägchen, ohne dass Wind zu einem der zuströmenden Quellen zurückleitet wird. Man könnte das aber auch wie das aufwändigere Relais links gestalten, mit zwei Keilbälgchen. Das in diesem Fall wegen der größeren Windmenge zum Balg der Tutti-Einschaltung, der alle Register hier unter Wind setzt, nicht anders gestaltet hätte werden können.
Ein identischer ODER_Relais sieht man nachfolgend, wo Crescendo und Tutti jeweils ein Keilbälgchen bedienen, das ein größeres Ventil öffnet und mit einer Bohrung dahinter wird der „Absteller im Hauptwerk“ mit Wind bedient.

relais_b.jpg

Jetzt sind wir noch dabei die abgehenden Bleirohre neu einzubauen und zu verlegen, was eigentlich eine recht einfache Arbeit ist, wie man hier sehen kann:

bleirohreii.jpg

Interessant ist die mechanische Steuerung der Pedalwindleitungen. Es handelt sich eigentlich um Abstromventile, die durch die Feder beständig zugedrückt wird und bei Druck auf die Taste nach unten fallen und das Ventil so öffnen. Dann stehen alle drei Rohre pro Taste des Pedals unter Wind:

pedal01beide.jpg

Dazu zwei Fotos,die während der Arbeit an diesen Pedalapparat gemacht wurden und wo man im Hintergrund ein iPad sieht, das uns ständig mit Fotos unterstützte, damit man immer gut informiert ist, wie es denn vorher ausgesehen hat:

pedal02.jpg pedal03.jpg

Und hier noch eine walckersche Originalzeichnung, die uns immer irgendwie begleitet hat, wenns um pneumatische Spieltische geht, nämlich spieltisch_pfeddershm.jpgdie Zeichnung des Pfeddersheimer Spieltisches, der immerhin mit einer Organola ausgestattet ist und schon von daher für Aufsehen sorgt.

gerhard@walcker.com 30.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (2)

Samstag, Juni 23rd, 2012

Das nachfolgende Bild „Spieltischrückseite Motherwell“ zeigt den Spieltisch, wie er bei uns in die Werkstatt angeliefert wurde, nach dem Ausbau der Manualklaviaturen und teilweisem Ausbau der Bleirohre. Lassen Sie sich von den roten und gelben Plastikschläuchen nicht irritieren, die werden natürlich entfernt und gegen Bleirohre ersetzt. Sondern es geht bei dieser Rückseitenansicht darum, trotz dem ersten „chaotischen“ Eindruck, ein grobes Schema aufzuzeigen.
Die pneumatischen Spieltische bei Walcker waren recht einfach in ihrer Konstruktion. Die „Mechanik“ hat hier immer noch stark durchgeleuchtet, weswegen sämtliche Koppeln über Bälgchen gesteuert wurden, was für die Sub- und Superkoppeln ins Schwellwerk einen Anbau an den Spieltisch erforderte, der direkt hinter dem Pedalkästchen platziert wurde, was auf unserem Foto nicht sichtbar ist.

Das nachfolgende Bild also erklärt sich von selbst mit den Textanmerkungen. Um es in allen Details scharf zu haben, ist das Bild mit rund 220 kB etwas größer als normalerweise im Web notwendig.
spieltisch_webvariante.jpg

Die Mechanik besteht darin, dass die Tasten ein kleines Ventil betätigen, das Winddruck über die oben gezeigten Bleiröhren zu den Keilbälgchen der Tonrelais unter den Windladen führen.
Diese Tastenmechanik (I.Manual-Great) sehen Sie hier:
manualgreat.jpg

Die hier gezeigten Kupferdrähte mit den Lederwürteln führen in das unter Wind stehende Kästchen, in dem diese Ventile eingebaut sind, die wir auf dem nachfolgendem Bild sehen:
manualgreat02.jpg

Die hinter diesem ersten Manual liegenden Keilbälgchen (die entfernt wurden, da sie neu beledert werden müssen, weil die Engländern einen falschen Klebstoff verwendet haben) sind für die Koppel II/I zuständig.
Das heißt sobald eine Taste des I.Manuals betätigt wird, werden Bleirohr zum Ton des I.Manuals und Koppelbälgchen unter Wind gesetzt – erst wenn der Koppelbalg II/I einen Eisenbalken von diesen Koppelbälgchen anhebt, damit diese arbeiten können, kann die Koppel in Funktion treten. Das eben ist ein typisch mechanischer Gedanke, der bei Walcker bis zum Ende des II.WK alle Konstruktionen, auch innerhalb elektrischer und elektropneumatischer Orgeln, beherrscht hat. Ich möchte sogar soweit gehen zu sagen, dass im Orgelbau erst mit dem Aufkommen der Elektronik ab den 1970er Jahren eine Annäherung an das technische Ingenieursdenken stattgefunden hat, dass aber damit sich gleichzeitig weiter vom künstlerischen Orgelbau entfernt hat. Denn zur Kunst gehört einfach eine zur Metaphysik der Künste abstrahierende Denkweise und nicht die Abstraktion zur Mathematik und Technik, die von der Muse subtrahiert. Ich denke dabei an Eberhard Friedrich Walcker, der Pfeifenmaße teilweise mit einem Stift sich zeichnerisch vergegenwärtigte ohne dabei eine einzige Zahl zu nennen (Quelle: EFW-Notizbücher). Dieses sinnliche Element spart Energie für den wesentlichen künstlerischen Impuls, den die Klanggebung erfordert. Wer viel Zeit und Denken im Reich der Technik verbringt, wird diesen Impuls nie spüren. Das ist es, was Rupp als die „Brückenbauer“ und „Ingenieursorgelbauer“ abfällig verurteilte.

Nun zurück zu unserem Spieltisch, der von uns allerdings konsequente „Künstleraskese“ einfordert, weil wir letzten Endes hier nur zum Ziel kommen, wenn die Funktion aller Teile garantiert werden kann – und das sollte einige Dezennien Dauer erfahren dürfen.

Hier noch der Hinweis, dass bei solch einem Spieltisch alle Filzteile an den Tasten ersetzt werden müssen, und das sind hier bei jeder Taste die Kaschmirstreifen an vorderer Tastenführung und der Kaschmir in der mittleren Bohrung. Der grün gewebte Filz für den Tastenanschlag ist ebenso stillschweigend zu erneuern. Man kann übrigens sicher sein, dass außerhalb Deutschlands kein gewebter Filz durch Reparaturen der Eingeborenen jemals in irgendwelchen Orgeln das Licht der Welt erblickt hat. (auch Kaschmir ist ja ein gewebter Filz)
tastenaustuchen.jpg

Wie eine solche Bleirohrleiste, die Abgangleisten der beiden Manuale, aussehen kann, wenn man Weißleim anstelle Planatol (das ist zwar auch ein Kunstharzeim,allerdings bewahrt dieser beim Trocknen eine gewisse Elastizität, was das Herausnehmen der Bleirohre aber leichter ermöglicht) sieht man an dem nachfolgenden Foto. Die abgebrochenen Bleistümpfe zeigen, wohin die Reise geht.
abgangswinkel.jpg

Und hier noch ein Bild von den Pedalkoppelbälgchen I/P, welche die oben gezeigten Ventile öffnen. Sobald dieser schwarze Eisenrahmen durch den entsprechenden Balg hochgehoben wird, bekommen die Bälgchen Gelegenheit, die Ledermuttern der Ventile anzuheben. Alle Bälgchen in diesem Spieltisch mussten wir schweren Herzens neu beledern, obwohl diese erst vor wenigen Jahren erneuert wurden. Das zeigt, dass man mit wenig Wissen in Materialkunde sehr viel Schaden anrichten kann. Die „englisch“ verleimten Koppelbälgchen haben so zäh reagiert, sodass man nicht glauben wollte, hier mit spritziger Repetition rechnen zu können.
pedalbaelgchen.jpg

gewalcker@t-online.de
23.6.12

Pneumatischer Spieltisch Motherwell (1)

Donnerstag, Juni 14th, 2012

in den kommenden Wochen möchte ich verschiedene Blogs über die Restaurierung des pneumatischen Spieltisches für Motherwell, Walcker-Orgel Opus 876, Bj 1899, II/23, berichten.
Dieser erste Blog ist gewissermaßen die Einführung.
Es wird aber darauf verzichtet auf alle Details zu dieser Orgel einzugehen, weil das auf unserer Internetseite www.walcker.com bereits geschehen ist. (exakter Link: http://www.walcker.com/orgelwerken/0876-motherwell.php)
Was erwartet uns beim Spieltisch?

a) Zunächst ein Hinweis in Sachen Beirohre.
Die Firma Walcker hat in diesem Spieltisch Bleirohre verarbeitet mit Außen-Durchmesser 7,5mm, 9,5mm und 11,5mm. Im Handel (Laukhuff, Weikersheim) gibt es nur die Abmessungen 6mm, 8mm, 9mm und 12mm. Es bleibt also nichts anderes übrig als ein nächst größeren Durchmesser zu verwenden und die Rohrleisten aufzubohren oder eine kleinere Variante zu nehmen und gut an der Leiste abzudichten.
b) Unser Spieltisch wurde irgendwann einmal gedreht. Das heißt der ursprüngliche Blick ins Kirchenschiff mit Orgel hinter der Bank, wurde getauscht gegen Blick zum Fenster. Dadurch wurden Baß-und Diskantseite vertauscht und natürlich die Register rechter und linker Hand. Mit rechts konnte man das rechts liegende Schwellwerk bedienen und mit linker Hand das auf der linken Seite liegende HW. Nach dem Tausch hatte man nun ein schönes „Kreuz und Quer“ geschaffen. Durch die Spannung auf der Diskant-Seite und Überlänge auf Baß waren die abgehenden Bleirohre nun so schön in Unordnung geraten, das immer wieder Risse passierten die mit ebenso schönen, roten Plastikrohren geflickt wurden, was ein heiteres Flickwerk im Laufe der Zeit zustande brachte.

c) Dazu kam, dass das Flicken und Neueinpassen der Bleirohre mit völlig fehlerhaftem Kunstharzleim gemacht wurde. Das hat zur Folge, dass man das Herausdrehen von Bleirohren im Falle von Reparaturen die Bleirohre in der Holzleiste abreißen, da der Kunstharzleim völlig erhärtet und nicht nachgibt beim Herausdrehen. Deswegen ist unbedingt zu empfehlen das Einleimen der Bleirohre nur mit Fischleim (Vorschlag Markus Lenter) oder Planatol (auch dies ist ein Kunstharzleim, der aber die Eigenschaft besitzt nicht völlig auszuhärten und so das Herausdrehen der Bleirohre später gut ermöglicht). Der Fischleim (Kremer Pigmente) kann mit Gips oder Kalk angereichert werden und gibt widerstandslos das Bleirohr wieder frei, wenn man daran dreht.

d) Alle Schrauben sind „schottlandtypisch“ stark verrostet, manche brechen direkt bei leichtem Andrehen ab. Alle Schrauben sollten in solch einem Fall ersetzt werden. Ausnahme sind die wenigen, überlangen 6mm Schrauben (6×80 oder 90mm) Man kann alle Schrauben relativ günstig bei www.handwerkerschrauben.de bestellen. Hauptsächlich benötigt werden Flachkopf, 3,5x40mm, 3,5x50mm, 6x40mm, 6x45mm, 6x50mm und diverse 5er Flachkopfschrauben. Dort wo 4er Schrauben nicht mehr gezogen haben, haben wir entweder zugedübelt oder wenn es die Konstruktion erlaubt hat neu auf 5mm aufgebohrt.

e) Leder. Von Herzog gibt es ein schönes Blatt mit diversen Ledermuster. Noch schöner wäre es, wenn auch sein Service dementsprechend wäre. Aus diesem Grunde habe ich auch nach anderen Lederlieferanten gefahndet und bin bisher ganz gut mit Weißgerberei Widenmann gefahren, die übrigens auch großes und schönes Ledermusterset verschickt. Wir haben auf Grund der viel besseren Haltbarkeit die Bälgchen alle mit Känguru-Spaltleder bestückt. Während alle Dichtungen mit Balgleder, mittlere Dicke, ausgeführt wurden.

f) Ein grundsätzliches Problem stellt sich immer wieder dar, wenn Laien oder Orgelbauer aus Drittländern mit solchen Orgeln in Berührung kommen, wenn es ums Verleimen solcher Lederteile geht. Es gilt grundsätzlich: man sollte Leder nur mit Hautleim verleimen!! Ausnahmsweise darf es auch Knochenleim sein, und in ganz seltenen Fällen, bei einer Reparatur zwei Minuten vor dem Konzert könnte es auch mal UHU sein. Aber Finger weg von Kunstharzleimen, egal welcher Farbe! Wir haben hier im Spieltisch 152 Koppelbälgchen, die alle vor ein paar Jahren mit neuem Spaltleder bezogen wurden – aber welche Fatalität, der Orgelbauer hat einen Kunstleim verwendet, der alle Bälgchen zäh und träge arbeiten lässt. Dazu kommt noch der Umstand, dass er mehr als 2/3 der Bohrung an den Keilbälgchen mit Leim zugeschmiert hat, was sich bestimmt in Repetition stark bemerkbar gemacht hat. Es blieb also nichts anderes übrig, als alle 152 Koppelbälgchen neu zu beziehen und wahrlich, es geht nur Spaltleder oder eben dieses Känguruleder, das mit Hautleim aufgetragen wird.

gerhard@walcker.com 14.6.12

Die zwei Gesichter des Spieltisches

spielt01.jpg spielt02.jpg