Archive for Mai, 2011

Pneumatische Schleifladenorgeln in England

Dienstag, Mai 3rd, 2011

Sehr überrascht waren wir vor einigen Tagen in Schottland eine pneumatische Schleifladenorgel anzutreffen, die außerdem eine hervorragende Qualität besitzt. Leider aber vor etwa 15 Jahren schlecht restauriert wurde.
Der Erbauer Evans & Barr aus Irland hat das Instrument etwa 1924 erbaut (Ort und nähere Bestimmung bleiben mir leider versagt hier darzustellen, weil es sich einige Orgelbauer zur Gewohnheit haben werden lassen, hier Informationen einzusammeln, um sich dann bei der Kundschaft anzubiedern, wie erst vor wenigen Wochen geschehen von Reichenbach Orgelbau u.a., oder wie diese Schnellgründungen im Fast-Food-Orgelbau heutzutage alle heißen).
Das Instrument von E&B, also mit hervorragender Qualität ausgestattet und vorzüglichem Klang, leidet an einem nicht restauriertem Spieltisch und Undichtigkeiten in der Windanlage, Störungen in der Pneumatik.
Zunächst möchte ich kurz erläutern, welche grundsätzlichen Möglichkeiten bei der Schleiflade eigentlich möglich sind: nämlich bei der Windlade besteht durch einen Barker-Balancier-Hybrid sowohl die Möglichkeit mit Zustrom oder mit Ausstrom das Tonventil aufzureißen.
Dazu die beiden Bilder aus Reginald Withworth „the Electric Organ“. Man muss sich die Magnete wegdenken und anstelle dessen ein kleines Bälgchen und man sieht die pneumatische Funktion.
Hier zunächst ein ABSTROM-Modell, das heißt der am Ventil angehängt Balg bekommt ständig Wind. Wird das Bälgchen aktiviert, hebt es das Relais und der Wind kann entweichen, der Balg reissst das Ventil auf, der Ton erklingt.

abstrombalg-in-lade.jpg

Die nachfolgende Zeichnung zeigt eine ZUSTROM-Konstruktion. Hier wird ein außenliegender Barker bei Aktivierung des Bälgchens oder Magneten mit Wind gefüllt und öffnet das Ventil.

zustrombalg-in-lade.jpg

Ich möchte kurz erklären, warum ZUSTROM und AUSSTROM für den Orgelbauer eminent wichtige Begriffe sind.
Bei einem AUSSTROM-System liegt gewissermaßen die gesamte pneumatische Leitung ständig unter Wind. Werden hier Undichtigkeiten durch Heizung oder schlechtes Holz realisiert, dann haben wir es mit Heulern zu tun, da ja bei ausströmendem Wind die Funktion ausgeführt wird. Bei ZUSTROM-Systemen haben wir dagegen „dead-notes“, das heißt das eingeschaltete Register begrüßt uns nicht von vorneherein mit einem Pfeifton, sondern vereinzelte Töne gehen nicht. In Deutschland sind typische ZUSTROM-Systeme bei der Kegellade und ABSTROM gibt es bei Taschen-, Hängebälg- oder Membranladen. Die letzteren haben den Vorteil der schnelleren Ansprache, was sich bei Zungen positiv bemerkbar macht..
Es kommt hinzu, dass man aus Gründen der Störsicherheit beide System im Spieltisch kombinieren kann, was bei Ellerhorst, dessen Wechselwind-Spieltisch ich nachfolgend zeige, gut und plausibel dargestellt wird. Exakt ein solcher Spieltisch wurde uns an dieser Schleifladenorgel in Schottland uns präsentiert:

spieltisch_wechselwind.jpg

Hier ein Foto des Spieltisches auf dem man die Ventile und dazugehörige Mechanik erkennen kann:

dscf0402.jpg

und hier ein Foto der Keilbälgchen an der Schleiflade des SWELL dieser Orgel. Wir sehen also an den Tasten des Spieltisches das ABSTROM-System, wo der Wind ausgelassen wird und an den Keilbälgchen vor den Windladen das ZUSTROM-System. Denn die Bälgchen benötigen ja aktiven Wind, um das Relais zu heben.

dscf0167.jpg

Im Prinzip entspricht dieser Aufbau der schematischen Skizze von Whitworth, wie ich sie nachfolgend zeige. Es handelt sich dabei um die von Father Willis (Henry Willis) gebaute Orgel für St. Pauls Cathedral, die 1872 gebaut wurde und etwa mit der ersten Röhrenpneumatiken in Deutschland erfunden wurden. Die Engländer bezeichnet das System „pressure“ für Zustrom.

pneum_schleiflade.jpg

Wie bereits gesagt, gab und gibt es sehr viele unterschiedliche Variationen zwischen AUSSTROM und ZUSTROM- System, wobei dieses Wechselwindsystem Vorteile hat in der Verwirklichung einfacher Koppelsysteme und in Bezug auf die Funktionssicherheit.
Mich würde interessieren, ob es in Deutschland solche Spieltische gibt und wer Erfahrung im Umgang mit solchen Spieltischen Interessantes zu sagen weiß.

gewalcker@t-onlline.de