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Halbe Reise im Orgelbau – welche Bedeutung hat dies?

Samstag, November 27th, 2010

Zunächst möchte ich auf einen wichtigen Beitrag zum Thema hinweisen der die mechanischen Kegelladen betrifft:
http://blog.walckerorgel.de/2010/04/14/anleitung-zum-regulieren-mechanischer-kegelladen/

Ein interessierter Organist der gleichzeitig Ingenieur ist, hat sich verwundert gezeigt, über meine Aussage, dass bei einseitiger Regulierung am Spieltisch, die „halbe Reise“ in der Orgel allgemein verstellt werden wird, was dann dazu führen kann, dass zwar am Spieltisch eine solide und gerade Tastenebene in den Manualen zu sehen ist, während die Abgangswinkel und -Wellen im Orgelinneren in einen unschönen Zustand verreguliert werden, welches ganz allgemein eine zähe Traktur verursacht und die Kegel nicht mehr ganz öffnet. Es handelt sich also hier um eine mechanische Kegellade.

Die „Halbe Reise“ beim Orgelbauer aber gilt bei allen mechanischen Elementen, also auch in Register- oder Schwellertraktur und natürlich erst recht bei den Spieltrakturen der Schleiflade.

Man sieht an der nachfolgend gezeigten Zeichnung, die eine liegende Winkeltraktur zeigt, dass die „halbe Reise“(roter Winkel) exakt in der Mitte des Trakturgangs liegt, der als „ganze Reise“ beschrieben wird. Der Trakturgang also wird im Orgelbau mit „Reise“ bezeichnet.
Wenn man verstanden hat, dass die Reise an beiden Enden, also am Ruhepunkt und am maximalen Aufgangspunkt der Traktur, ihre extremsten Bedingungen widerfährt (wie Reibung am Lager und Anfasspunkt), wird klar, dass „halbe Reise“ die optimalste Stellung zu allen Trakturgliedern hat – und in keiner anderen Stellung dies so sein darf. Denn wird diese optimale Stellung vor oder hinter die „Halbe Reise“ verlegt, so werden die „widrigen Bedingungen“ an anderer Stelle verschärft.

Der Orgelbauer zeichnet grundsätzlich seine ganze Mechanik auch in seinen Durchschnitten immer nur in der optimalen Trakturstellung, bei der alle Glieder in eindeutigen Winkeln wie 90 oder 45 Grad zueinander stehen, also in „halber Reise“.

Vielleicht kann mir ein Orgelfreund mitteilen, woher der Begriff der „halben Reise“ stammt. Denn wir sehen aus den Aufzeichnungen Oscar Walcker’s, die er wohl um 1939-45 ausgeführt hat, dass er diesen Begriff nicht erwähnte und nicht kannte.

halbe_reise.jpg

(gwm aus Rom)