Archive for Juli, 2010

Das elektrische System der Tamburini in Rom (1)

Samstag, Juli 31st, 2010

Wir haben in der Tamburini-Orgel in Santa Cecilia sage und schreibe 1495 Magnete, die von den Registereinstellmagneten im Spieltisch ausgenommen, ausschließlich Ventile an oder in Windladen zu bewegen haben.
An dieser Zahl kann man ermessen, welche Kompliziertheit diese Orgel besitzt.
Im ersten Teil möchte ich auf das alte System und die Verbesserungen durch digitale Systeme kurz eingehen.
Wir haben durch die Digitalisierung bereits über 350 Magnete ausgemustert, welche die Komplexität dieser ganzen Steuerung noch um einiges erhöht hätte.
Es wurde mitgeteilt, dass in diesem parallelen System Störungen schon kurz nach Beginn der Fertigstellung auftraten.

Parallel – Digital?
Ich möchte ganz kurz erklären, was der Unterschied zwischen einem parallelen System und einem digitalen System ist.
Bis weit in die 90er Jahre hinein waren einfache parallele System im Orgelbau die Regel.
Diese System waren davon gekennzeichnet, dass bei einem geschlossenen Kontakt ein Kabel zuständig war das diese Information zum Magnet weiterleitete. Dazwischen konnte, wie auch heute, eine komplexe Logik liegen, aber der Magnet wurde mehr oder weniger unmittelbar von seinem zuständigen Kontakt angesteuert.

Hierzu habe ich ein einfaches Bild gezeichnet. Auf dieser Skizze sehen wir, dass für jeden der drei Kontakte ein Kabel zum Magnet führt:

skizze01_red.jpg

Bei der Digitaltechnik, die bereits seit 1968 vereinzelt im Orgelbau Zugang fand, wird für dieselbe Schaltung nur ein einziges Verbindungskabel gebraucht. Dazwischen liegen zwei synchronisierte Uhren:

skizze02_red.jpg

Was hier nun mit drei Kontakten gezeigt wurde ist natürlich mit 4 Manualen, 1 Pedal und 138 Registerschaltern (= 414 Schalter) ganz genauso möglich. Wir haben dann allerdings noch eine Logik dazwischen, welche die Impulse sortiert und z.B. sagt:
Wenn Registerschalter Fifaro 8′ ein, dann sind die Magnete der Schleiflade S5 im II.Manual freigegeben. Damit verhindern wir, dass bei beliebigem Spiel auf dem II.Manual alle Magnete mitklappern.
Es ist klar, dass z.B. beim Bordun 16′ im III.Manual, der sowohl von Pedal als auch vom III.Manual aus in verschiedenen Registertransmissionen gespielt werden kann, nur dann Magnete mitgehen, wenn die entsprechende Register eingeschaltet sind, – denn leider hat Tamburini auch nicht berücksichtigt bei diesen Einzeltonladen, den Wind abzustellen, wenn die entsprechenden Register nicht gezogen sind. Das birgt Heuler-Gefahr in sich.

Der enorme Relais-Schrott, den wir ausgebaut haben, zeigt welch unheimliche Dimension es annimmt, wenn man solche Transmissionsladen auf diesen alten Systemen aufbaut.

relais.jpg

Was wir hier auf dem Bild sehen, ist längst nicht alles, was ausgemustert wurde. Es sind Einzelteile aus Setzer, festen Kombinationen und STeuerungen, wie oben beschrieben. Die Haarnadelkontakte, die hier von Tamburini verwendet wurden sind füpr solche riesige Anlagen denkbar ungeeignet. Und es versteht sich, dass daran laufend herumgearbeitet wurde.
Die Unlogik musste hier auch noch einen erweiterten Umweg gehen, weil der Setzer natürlich nicht in den Spieltisch gepasst hat, so wurden pro Registereinstellmagnete natürlich drei Kabel nach außen geführt, was dem ganzen komplexen Ungetüm weitere Größen-Dimensionen verschafft hat.

Bei einer neuen Digitaltechnik ist zu beachten, dass die Geschwindigkeit, mit der die Uhren synchronisiert werden (wie oben symbolisch gezeigt), also der Takt des Prozessors, die höchstmögliche Geschwindigkeit hat, die man heute realisieren kann. Das ist wichtig, damit schnelle Repititionen nicht von langsamen Systemen verschluckt werden. Wir sind uns auch 100%ig sicher, dass das von uns verwendete System von Sigmatek, das schnellste ist, das man derzeit in Europa für solche Dinge bekommen kann.

Daneben gilt es natürlich, die Magnete richtig einzuregulieren und mit ausreichend dimensionierten Kabel zu versorgen:
magnete.jpg

Diese Magnete an der Trompeteria, sie steuern wie man am Hintergrund erkennen kann, noch relativ langsame Taschen an, was nicht nur Regulieraufwand bedeutet, sondern vielleicht sogar Änderungen im Windsystem. Die optimale Einstellung all dieser Komponenten ist fast schon Sache der Intonation. Weil natürlich die Windmenge, die das Taschenventil durchlassen muss, mit dem Klang und den Nachbartönen abgestimmt werden muss. Soweit also: elektrische Steuerung und Windfluss an der Tasche bis zum Klang, ein einheitlicher organischer Gedanke. Man sollte nicht glauben, dass der Orgelbauer sich bequem für eine Sache spezialisieren darf und dann von der anderen nichts mehr wissen will.

magnete2.jpg

gwm

Druckpunktfeder im Tamburini-Spieltisch

Samstag, Juli 24th, 2010

Das Thema „Druckpunkt“ in elektrischen Spieltischen hat beinahe etwas Mystisches, wenn ich mir die verschiedenen Konstruktionen in den 60er und 70er Jahren betrachte. Walcker hat hier nicht schlecht Lehrgeld bezahlen dürfen. In us-amerikanischen Spieltischen sind derartige Dinge Selbstverständlichkeiten. Bei uns in Europa hat sich das eigentlich nie richtig durchgesetzt. Bei August gibt es „Magnetschnäpper“ die zwar gut funktionieren, aber nur im ersten Moment eine Wirkung haben, bis der Magnet abreisst.
Die Tamburini-Konstruktion hier in Rom hat einen leichten Druckpunkt, der der Künstlichkeit anderer Konstruktionen entbehrt und gleichzeitig das einzige Rückführelement der Taste ist. Daher halte ich diese Konbstruktion, die auch keine Gewichte mehr benötigt, für ausgewogen. Die Qualität ist nicht schlecht.
Hier zunächst einmal eine Skizze eines Einzelkontaktes mit Beispiel. Wir sehen an der oberen Skizze, wenn die Taste nach oben geht, überwindet sie ein Spannung nach der sie gewissermaßen nach oben gerissen wird. Dieser „Schnapp-Punkt“ wird an der Taste als überwundener Druckpunkt gefühlt.
einzelkontakt.jpg
An diesen beiden Fotos sieht man die gleiche Taste einmal unbewegt und ein weiters Mal durchgedrückt:
e_aus.jpg ein.jpg

und hier noch eine Ansicht von oben
tastenkontakte.jpg

(gwm – auf dem Sprung weitere der 250 Kirchen Roms zu besichtigen)

Die elektrischen Schleifladen von Tamburini

Mittwoch, Juli 21st, 2010

Es hat uns schon sehr erstaunt, als man zum ersten Mal die ungewöhnlich aufwendigen Schleifendichtungen sah, die von Tamburini auf die Stöcke aufgebracht waren. Nun muss dazu gesagt werden, dass bei Winddrücken von 45-55mm WS die Anforderungen an Schleifenzug und Schleifendichtung nicht überstrapaziert werden. Daher auch sind auf dem Fundamentbrett, also unter der Schleife keine Dichtungen, sondern lediglich sauber eingefräste Reiter als Entlastung auf der Schleife angebracht.
schleife-ansicht.jpg schleife-auf-funadmentbrett.jpg
Die Dichtungen sind mit amerik. Havannaleder gefertigt, wobei ein Außenring in Blei ausgeführt ist, der auf der Schleife entlag streicht, wenn die Schleife gezogen wird, die Dichtung wird etwas aufgeblasen wenn der Ton gespielt wird. Am Ende der Schleife ist eine Leerdichtung die mit einer Feder versehen ist.

einzelner-ring.jpg stock_dichtungen.jpg

Der Ventilkasten mit den Magneten und Anhängungen ist eher enttäuschend: keinerlei Reguliermöglichkeit, dafür eine unglückliche Montage von RC-Gliedern in der Windlade. Das kann absolut nicht empfohlen werden, weil ab und zu mal so ein Kondensator explodieren kann und in der Lade unschöne Kabelbrände entstehen können.
schleiflade_tonventile.jpg
Die Konstruktion der Registerzugsapparatur ist dagegen etwas uns vollkommen Unbekanntes: hier werden mit 145mmWs ein Hubaggregat betrieben, das von ein paar störenden Geräuschen abgesehen, doch ganz passabel funktioniert. Zumindest erinnere ich mich an meine Lehrzeit 1967 als in Deutschland sehr große Probleme mit den damals gängigen Binder-Magneten auftraten, die jene Weltfirma beinahe in den Konkurs trieb. Und viele Orgelbauer zu den plumpen pneumatischen Registerzügen zurückkehrten.
wila_mit_registerzuege.jpg
Die komplette Orgelanlage bei dieser Tamburini-Orgel, die gekennzeichnet ist von den 7 Schleifladen und unzähligen (rund 30) Einzeltonladen, die vorwiegend als Taschenladen gestaltet sind, kann durch die räumliche Enge und der neobarocken Konzeption (die eigentlich nur einen gravierenden Fehler enthält, nämlich, dass im Pedal kein nennenswerter Bass realisiert wurde) als musikalisch äußerst begrenztes Instrument gesehen werden.
Auch mit unseren Diskussionen um Kompromiss- oder Universalorgeln, wo ja letztendlich immer eine ökonomische Lösung avisiert wird, gerät dann ins Zwielicht, wenn man die Romantik ausklammern will oder nur alibiweise mit einbringt.
Auch der große Aufwand an Sub-Superkoppeln und Transmissionen kann echten Baß und weite, tragfähige Mensuren nicht ersetzen. Die ursprüngliche Walcker-Orgel mit nur rund 34 Register hätte davon Lieder singen können.
(gwm)

Die Windlade der Trompette orizzontal in Rom-Santa-Cecilia

Samstag, Juli 17th, 2010

Die Windlade der Trompette orizzontal, also der spanischen Trompete, von der ich schon mehrere Varianten besonders bei Walcker und in Spanien gesehen habe, sind in der Regel mit Windladen anzufertigen, die etwas höhere Ansprüche genügen muß, weil durch die Schräglage der Pfeifen andersartige Beanspruchung auftritt. Die hier vorliegende Variante hat alle anderen mir bekannten Variationen um Längen an schlechter Qualität geschlagen.
Grund dafür ist der einfache Umstand, dass man einen durchgehenden Stock von über 2,50m Länge verwendet hat, der natürlich im Laufe der Zeit und durch Wassereinwirkung des darüber liegenden Fensters, schwer gelitten hat. Die Orgelbauer haben mit verschiedenen Mitteln versucht die Zusammenstecher aufzulösen, wobei man weitere Schrauben reingedreht hat und Klebeversuche unternahm, die aber alle erfolglos waren.
Aus diesem Grund, und weil der Aufwand nun doch relativ groß ist, dieses Register wieder richtig spielbar zu machen, wollen wir das hier etwas ausführlicher zeigen.
Wir sehen auf dem ersten Foto die Windlade mit abgeschrauben Stock und hier die Filzpappe, die als Dichtung für derartig großflächige Flächen völlig ungeeignet ist. Wiewohl dieses Material ohnehin auch sonst nicht viel bei Abdichtungen bringt – es war halt billig und wurde auch von Walcker verschiedene Male in den 60er Jahren verwendet.
Hier haben wir uns dafür entschlossen Dichtungen aus zwei Lagen Filz und Leder anzubringen. (Das Leder ist ja nie gleichmässig dick und mit einem Filzbelag von 2mm hat man noch genügend Flexibilität auf diese Länge gut abzudichten)
Dazu aber war nötig den Filzpappebelag herunter zu bekommen, was kmeine leichte Übung war. Die ausgerissenen und Zusammenstecher-fördernden Holzsplitter wurden wieder eingeleimt bzw. mit Holzkitt aufgefüllt.
Auf der Rückseite dieser Lade sehen wir Heribert Klein, der mit Entsetzen die Technik dieser 114mm Druck behafteten Lade studiert. Erkennend, dass diese Taschen auf 2-3mm Gang begrenzt wurden, weil ansonsten die An-und Absprache der Trompetten-Pfeifen sehr unschön geworden wären. Auch die unschönen Entlasungsbohrungen auf Foto1 und Foto2 zu sehen, wurden gesetzt, um diesem Umstand Rechnung zu tragen. In diesem Fall, bei diesem hohen Winddruck sind diese Taschen die denkbar schlechteste Windladentechnik die eingesetzt werden konnte.
Aus Spanien kennen wir schöne und funktionable Schleifladen und von Walcker kennen wir auch praktikable Kegelladen (die eigentlich immer für hohe Windladendrücke geeignet sich, weil sich ja dieser Druck nicht in der Traktur bemerkbar macht. Bei Taschen ist das anders, die liegen ja in der Windlade, umgeben vom selben Pfeifendruck).
Hier an dieser Windlade sind relativ viele Zusammenstecher teils durch schlechte Holzqualität (siehe Foto2, wo man einen durchgehend Riss durch die ganze Lade sehen kann) und andererseits durch das relativ empfindliche Taschensystem, das mit begrenzter Taschenreise sicher am Wesen von Ausstromsystem vorbei marschiert.
Zu diesem Beitrag bringen wir später noch Fotos vom reparierten Stock und Klangbeispiele.
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Ausstromladen bei Tamburini

Freitag, Juli 2nd, 2010

Sehr interessant ist der Umstand, dass die Einzeltonladen für die Zungen auf ein Ausstromsystem basieren, das etwas unverständlich allerdings, einmal mit Relais und ein anderes Mal direkt über den Magnet gesteuert wird. Wir haben hier zwei schöne Beispiele im Echo IV. Manual gefunden: das erste Beispiel zeigt die Tomba, das andere die Tromba squillo. Die Membranen sind allesamt zu erneuern, während das recht dicke, weiße Leder der Ausstrombälgchen gut erhalten ist. Bei den Membranen haben wir es mit einer unglücklichen Konstruktion mit Kupferenden zu tun, was ein Weiteres für raschen Verschleiß tut.
Aber der Umstand, dass hier Ausstromsysteme verwendet wurden, zeigt, dass auch die Italiener die vorzüglichen Eigenschaften der „Taschenlade“ in Sachen schnelle Ansprache und Repetition erkannt haben.
Hier zunächst die Einzelteile auf kariertem 5mm Rasterpapier:
baelgchen.jpg
und hier die Windladen, wie sie eingebaut sind im Schwellkasten des „Eco“ (Echo).
windlade-tromba_eco.jpg windlade-tromba_squillo_eco.jpg

Für alle Windladen, egal ob es sich um Schleifladen oder Einzeltonladen handelt, gibt es jene einfach und gut brauchbaren „Stimmklaviaturen“, die man mit den über eine Schnur aufgereihten Keilen bedient.
stimmklaviatur.jpg

Die werden allerdings bei der neuen Elektronik entfallen. Da die Kistchen doch ganz schön Platz in der engen Orgel wegnehmen und jedes unnötige Kabel immer eine Störungsquelle darstellt.
Dann werden wir die Intonation und Stimmung über digitales Funkgerät vornehmen, was nicht unbedingt einfacher, aber eben zeitgemässer ist.
gwm