Die Riesenorgel von Breslau

So lautete der Titel einer Schrift, die Paul Walcker sen. verfasst hatte, und mit der er vielleicht seinem Neffen Oscar Walcker nach Ludwigsburg “winken” wollte, hier in Breslau haben wir die GRÖSSTE ORGEL EUROPAS, respektive Deutschlands, und nicht, wie einige Jahre zuvor gedacht in Hamburgs Michaeliskirche.
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Die Orgel in der Jahrhunderthalle in Breslau wurde als Opus 1160 im Jahre 1913 von der Firma Sauer, Frankfurt/Oder gebaut, mit 187 Register, verteilt auf Haupt(I.-III.M.und P.)- und Gegenorgel(V.Manual). Ein weiteres Werk sollte mit 13 Hochdruckregister (auf dem IV.Manual) kräftig Dampf machen.
Was für Sauer eine enorme Herausforderung war, es war nämlich seine erste elektrisch gesteuerte Orgel, während Walcker doch schon ein gehöriges Maß an Erfahrungen mit dieser Technik sammeln konnte.
Dieser Herausforderung konnte Sauer dadurch begegnen, da der Sohn Paul Walckers, Paul Walcker jun., Regierungsbaumeister und Dipl. Ing der Elektrotechnik war. Jener Paul Walcker jun. hat dann auch die Schrift ” Die direkte, elektrische, funkenfreie Orgeltraktur” verfasst, die vieler Ort zur Auffassung veranlasste, zu glauben, es handle sich um das Novum einer direkten elektrischen Traktur.
Das ist ein Irrtum, wir haben es hier genau genommen mit einer elektropneumatischen Taschenlade zu tun, die allerdings alles, was es bisher in Europa an elektrischen Orgelverkabelungen gab, in den Schatten stellte. Tatsächlich aber hat Paul Walcker hier erstmals bei Orgelmagneten Funkenlöscher eingeführt, was Kontaktabbrand reduzierte. Wie man auf dem 2. Spieltischbild sieht, sind sogar noch pneumatische Bälge im Spieltisch, welche die Kontaktrechen bewegen – also muss in den Spieltisch, wie in in der Heidelberger Stadthallenorgel von Voit, noch Wind eingebracht werden.
So wurden im Spieltisch und Koppelschrank 3.351 Platinspitzkontakte, 2.528 Silberdrahtkontakte verwendet. Der gesamte Verdrahtungsaufwand lag bei 25.000 Lötstellen. Und da die Lichtmaschinen noch nicht in der Lage waren für den Riesen genug schwankungsfreien Gleichstrom zu liefern, waren noch gewaltige Akkumulatoren-Batterien zwischengeschaltet, die man nach 8 Stunden Orgelbetrieb aufladen musste. Nach meinen Informationen wurde bereits ein Jahr später das gesamte Kontaktmaterial mit Akkus ausgewechselt.
Die Orgel wurde von Karl Straube vom 20.-24. Sept. 1913 eingeweiht. Begonnen mit Mahlers Sinfonie Nr. 8, wo eine Orgel benötigt wird – beendigt mit Liszt, Franck und Max Reger’s für diese Orgel geschaffene Auftragskomposition: Introduktion, Passacaglia und Fuge e-Moll, op. 127.
Paul Walcker sen. erhielt von seiner Majestät Kaiser Wilhelm für diese Leistung den Roten Adler-Orden IV.Klasse verliehen. Rund zehn Jahre vorher bekam Paul für die Berliner-Dom-Orgel den Kronenorden ebenfalls vom Kaiser. Und von der Majestät der Kaiserin gar eine prachtvolle Vase aus der Königlichen Porzellanmanufaktur.
Die Orgel wurde auf einer Fläche von 260qm aufgebaut, Breite 22m, Höhe 15m, Tiefe 15m, und wog 51 Tonnen. Sie wurde mit 11 Eisenbahn- Waggons transportiert. Der Wind wurde von einem 12PS-Motor betrieben, dessen Ventilator 160 cbm Wind erzeugte (also meine Faustformel 1 Reg= 1 cbm, weil das Gegenwerk einen weiteren Motor hatte, eine Rechnung also, womit man bei den heutigen Ventilatoren etwas Sicherheit hat, wenn Sub- und Superkoppeln und vor allem weite Register versorgt werden müssen). Dieser Ventilator brachte 350mm WS Druck.
Die Orgel wurde von Straube außerordentlich gelobt.

Hier das Bildmaterial:
Disposition 2 Blätter
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Spieltisch:
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Orgelschnitte:
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Pfeifenwerk und Windladen schlummern heute noch in mehreren Kirchen Breslau’s.

gwm

ergänzender Link (besonders interessant zur Elektrotechnik)
“Zeitschrift für Instrumentenbau” Jg 1913

Quellen:
Paul Walcker “Die direkte, elektrische, funkenfrei Orgeltraktur” erschienen 1914 FfO
Hans Joachim Falkenberg ” Die Orgelwerkstatt Wilhelm Sauer”1998, Kleinblittersdorf
Einzelblatt der Firma Sauer “Breslau, Jahrhunderthalle” 1914
Orgelprospekt der Firma Sauer, Oscar Walcker, 1930
Verzeichnis Erbauter Werke von Wilhelm Sauer 1913
Paul Walcker sen. “Die Riesenorgel von Breslau”

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