Archive for November, 2009

Die Steinmeyer-Orgel im Vereinshaus der I.G.Farben, Ludwigshafen, 1929, 92 Register+6Tr

Freitag, November 20th, 2009

Diese Orgel (Op. 1450) muss schon sehr beeindruckend gewesen sein. Es war bis dato die zweitgrößte Orgel von Steinmeyer, und wer die Disposition liest, merkt rasch, dass hier nicht nur eine Orgelbewegung stattgefunden hat, sondern, dass hier schon die Orgeln Sinzig und Köln des Herrn Bares teilweise vorweggenommen wurden.
Was mich als Orgelbauer sehr fasziniert hat, waren die Abbildungen in diesem Einweihungsheft, das mir bei der Neuorganisation meiner Orgelliteratur in die Hände fiel. Sehr logische und handwerklich hervorragend gemachte Windanlage. Bilder vom Xylophon und Röhrenglockenton zeigen, dass Steinmeyer durchaus konstruktiv gedacht hat und teilweise völlig andere Konstruktionsprinzipien als Walcker verwendet hat.

Ein sehr lehrreiches Beispiel für den süddeutschen Orgelbau aus anderer Perspektive.

Disposition:
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Hier Bilder direkt aus einer Orgel, die leider nicht mehr existiert.

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gwm

Die Walcker-Orgel Opus 1855 gebaut für Rotterdam, jetzt in Doesburg

Samstag, November 14th, 2009

Die Walcker-Orgel Opus 1855 gebaut für die Nieuwe Zuiderkerk in Rotterdam 1914-16, IV/64+11, umgestellt 1969/72 (Jos. Vermeulen, Alkmaar) in die Martinkerk in Doesburg.
Diese Orgel stellt eigentlich das einzige spätromantische Werk Oscar Walcker’s dar, das heute noch etwas von seinen Vorstellungen über Monumentalorgeln erahnen lässt. Das weitgehend vollständig erhalten ist, und man kann so dieses Instrument, wie es Paul Peeters und Hans Fidom in Ihren Beiträgen getan haben, als die kleine „Michaelisorgel“ bezeichnen, womit gesagt sein soll: „die Klänge der großen Hamburger Walcker-Orgel, ehemals in der Michaeliskirche aufgebaut, sind nicht vollständig verloren, wir finden sie wieder durch dieses Instrument.

Diese Orgel ist uns sehr wichtig, weil die Holländer hier etwas geschafft haben, was bei uns in Deutschland, wo Walcker ja weitgehend tätig war, nicht im Geringsten möglich war. Nur im Ausland haben wir noch die Möglichkeit große Walcker-Orgel anzutreffen, die erstens gut restauriert wurden und zweitens meist umfassend erhalten sind. Die drittens auch intensiv genutzt werden, wie hier in Doesburg eine umfassende CD-Produktion zeigt.
Ich stelle hier drei CD’s vor, die wahrscheinlich nicht mehr am Markt sind, dafür aber wieder neue.
Die Geschichte dieser Orgel ist etwas unglaublich abenteuerliches: sie wird mitten im Ersten Weltkrieg in Holland von dem Orgelbauer Hermann Langenstein in Rotterdam eingebaut. (Ein Glück, dass die Holländer während dem ganzen Krieg Neutralität bewahrt haben!). In den 1960er Jahren wird sie aus Rotterdam hinauskomplimentiert und durch persönlichen Einsatz eines Ingenieurs nach Doesburg gerettet.
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Von Langenstein habe ich in meinem Archiv sieben Postkarten gefunden, die er während der Montage aus Rotterdam nach Ludwigsburg geschickt hat. Das sind historisch sehr interessante Sachverhalte, die er hier schildert, und ich vermute, viele Monteure bei Walcker, die das lesen würden, sie würden nicht nur ihre Geschichten dort wieder finden.
Paul Peeters schreibt in seinem Artikel (Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH – in ASPEKTE DER ORGELBEWEGUNG 1995), dass sowohl die Anlage der Hamburger Michaelisorgel der Doesburger Orgel sehr ähnlich ist. Er nimmt Bezug auf den Spieltisch, das Fernwerk, sowie auf den Umstand, dass auch hier nur bestes Material Verwendung fand und so keine einzige Zinkpfeife in dieser Orgel zu finden ist. Beide Orgeln wurden ja von großzügigen Spendern finanziert, die ausdrücklich nur hervorragende, beste Qualitäten forderten.
Weiter findet sich bei Paul Peeters Beitrag der Hinweis, dass sowohl in Hamburg wie auch in Doesburg die Bezeichnungen „Silbermann-Mensur“ verwendet wurden. Das ist auch in den entsprechenden Werkbüchern (Opusbüchern) bei Walcker nachzulesen. Man muss allerdings berücksichtigen, dass hier die Messungen, die wohl Oscar Walcker selbst vorgenommen hat, auf Grund von falschen Voraussetzungen durch Albert Schweitzer und Emile Rupp, stattgefunden haben, und so die Mensuren Wetzels in die Mensurbücher der Firma Walcker als „Silbermannmensur“ Eingang gefunden haben (nachzulesen u.a. bei Markus Zepf „Praetoriusorgel“)

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Nachdem Disposition und Darstellung dieser Orgel ab 1916 (die halbe Welt befand sich bekanntlich zu dieser Zeit im Stellungskrieg mit Deutschland. Die Niederlande blieben im Ersten Weltkrieg offiziell neutral und konnten sich auch aus dem Krieg heraushalten. Sie hielten ihre Truppen aber dennoch bis zum Kriegsende mobilisiert und hatten überdies mit einer großen Flüchtlingswelle aus dem von Deutschland besetzten Belgien zu tun. Nach dem Ersten Weltkrieg gewährten die Niederlande dem bisherigen Deutschen Kaiser Wilhelm II. Exil.) in HET ORGEL veröffentlicht wurde, gab es in den nachfolgenden Ausgaben verschärfte Diskussionen, warum diese Orgel bei einer deutschen Firma gekauft wurde. Dabei hat sich herausgestellt, dass dies ein ausdrückliches Anliegen des Stifters Bos gewesen ist, der auch in den Postkarten des Orgelbauer Langenstein erwähnt wird.
Die komplette Orgel besteht aus 3 Kegelladen und 13 Hängebälgladen mit elektropneumatischer Traktur. Es befinden sich 5415 Pfeifen in der Orgel weitgehend aus 75%iger Zinnlegierung und Holzpfeifen aus Oregonpine. Windladenkonstruktion und Orgelanlage sind gut erkennbar am Schnitt der Rotterdamer-Orgel, der 1916 von Hermann Besselaar in seinem Buch „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“ veröffentlicht wurde.
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Quellen:
Hermann Besselaar, 1916, „Het orgel der Nieuwe Zuiderkerk de Rotterdam“
Hans Fidom, 2002, Diversity in Unity – Discussions on Organ Building in Germany between 1880 and 1918, Seite 236
Paul Peeters, 1995, in Aspekte der Orgelbewegung, Die „Nederlands Organisten Vereniging“ und die Orgelreformbewegung des 20.JH
Jan Jongepier, 1991, Text über die Orgel in Doesburg wurde in zwei nachfolgenden CD’s verwendet.

CD’s
Zsuzsa Elekes auf der Walcker-Orgel-Grote of Martinkerk Doesburg (Reubke, Karg-Elert)VLS VLC0694
Het Walcker-Orgel in der Grote of Martinkerk te Doesburg, Jan Jongepier spielt Reger und Rheinberger VLS VLC0292
100 Year Organ Music from the Netherlands – Pieter van Dijk spielt auf der Walcker-Orgel in Doesburg Gerard Bunk „Legend opus 29 (1908)

Bildmaterial:
die Karten des Orgelbauers Langenstein während der Montage nach Datum sortiert:
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hier Bilder und Texte aus den CD’s:
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gwm

ERGÄNZUNGEN 15.11.09

Sehr geehrter Herr Walcker,
anbei einige Ergänzungen zum Text auf Ihrem Walcker-Blog:
Es gibt noch ein ganzes Buch, das dieser Orgel (ihr Umfeld, ihre Musik und ihre Rezeption) gewidmet ist:
Willem Jan Cevaal, Hrsg. Orgelreform in Nederland. Het orgel van de Grote of Martinikerk te Doesburg. Vol. 5, Nederlandse orgelmonografieën. Zutphen: Walburg Pers, 2003, 304 S.
In den Jahren 2003-2004 hat Flentrop die Orgel überholt (Taschen und Membranen wurden wo nötig ersetzt, Zungenstimmen instandgesetzt und die Intonation einiger Stimmen nachgesehen). 1999 wurde der Spieltisch bereits von Flentrop restauriert.

http://www.flentrop.nl/restauratie/doesbu_mart_grot.html

Eine komplette Diskographie in chronologischer Reihenfolge findet sich auf www.martinikerkdoesburg.nl/ ; klicken Sie auf Walckerorgel, dann auf Discografie. Dazu kommt dann noch die neueste Einspielung von Zsusza Elekes mit Werken Ungarischer Komponisten:

– CD Zsusza Elekes speelt werken van Hongaarse componisten op het Walcker-orgel
€18,50 incl. verzendkosten. Bestellen info@martinikerkdoesburg.nl

Mit freundlichen Grüßen,
Paul Peeters

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Sehr geehrter Herr Walcker-Mayer,

Als weitere Ergänzung zu den auf Ihrem Blog gegebenen Informationen zur Walcker-Orgel in Doesburg möchte ich auf die Website von Christine Kamp aufmerksam machen, die ebenfalls in Doesburg eine CD eingespielt hat und dieser Orgel eine umfangreiche Galerie mit vielen Detailaufnahmen des Spieltischs gewidmet hat:
<http://www.xs4all.nl/~twomusic/concerts/Doesburg/Doesburg.html>
Da erahnt man, welche Schnitzkunst am Hamburger Spieltisch angewandt wurde!

Ebenfalls für Sie von besonderem Interesse scheint mir die Galerie zur Sauer-Orgel in Hermannstadt. Dort auch zahlreiche Bilder vom Inneren der Orgel.
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Die Walcker-Orgel Opus 1747 in Wildervank, Bj 1913, II/24

Mittwoch, November 4th, 2009

Dass die Holländer ein begeistertes Volk von Orgelliebhabern sind, das wissen wir nicht erst seit „Hertogenbosch und Nijmegen“ oder jener sagenhaften Orgelgestalt in der Bravokerk in Haarlem, sondern wir wissen auch seit der Umstellung der Walcker-Orgel von Rotterdam nach Doesburg, dass dort die stellvertretende „Hamburger Michaeliskirchenorgel“ steht, die vor knapp 8 Jahren von Flentrop restauriert wurde und über die ich in einem der nächsten Blogs berichten will.
Sondern wir wissen auch, dass es ein paar kleinere Spätromantiker gibt, die bei uns in Deutschland längst ausgetrieben wurden.
Neben „Meppel“ also gibt es noch die Orgel in Wildervank, die im Jahre 2001 von de Wit & Zin repariert und gerichtet wurde. Unklar ist allerdings, wie weit man den Umbau im Jahre 1962 wieder zurückgenommen hat auf die Erbauungszeit 1913 hin.
Ein neuer elektrischer Spieltisch wurde dazu gebaut, der unten vor dem Altar dem Organisten ein besseres Hörgefühl vermitteln soll. Der alte Spieltisch, auf linker Seite am Orgelgehäuse angebaut blieb belassen. Unklar ist, ob dieser rein pneumatische Spieltisch noch irgendwelche Funktionen hat. Denn ein Bild besagt mir, dass man wohl die pneumatische Spieltraktur beseitigt hat, obwohl man bei Besprechungen im Jahre 1999 mit Walcker diese Orgel sowohl pneumatisch als auch elektrisch spielbar machen wollte.
DISPOSITION DER ORGEL von 1913 und Änderung im Jahre 1962: 1747.pdf

Die nachfolgenden Bilder stammen alle vom
Organisten Herrn WIM DE OLDE:
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Am letzten Bild erkennen wir, dass vereinzelte Kunststoffschläuche verwendet wurden. Dieses Material kann man eigentlich nicht vertreten. Zum einen verändern sich die Eigenschaften während des Alterns und bei Temperaturunterschieden (das kann soweit gehen, dass der Querschnitt bei größerer Wärme halbiert wird und dann zuwenig Wind durchgeht) außerdem ist es ein völlig unästhetisches Material, das keine Entsprechung in dieser historischen Orgel hat.

Auf dieser Orgel wurden ein paar schöne Stück gespielt durch Sietze de Vries (http://www.sietzedevries.nl/), die den Klang der Orgel wunderbar wiedergeben und auch erkennen lassen, dass hier nicht ganz auf die alte Disposition zurückgefahren wurde.

improvisation_psalmensonate_a.mp3

improvisation_psalmensonate_b.mp3

improvisation_psalmensonate_c.mp3

improvisation_psalmensonate_d.mp3

Mendelssohn_Sonate 2a.mp3

Mendelssohn_Sonate 2b.mp3

Mendelssohn_Sonate 2c.mp3

Mendelssohn_Sonate 2d.mp3

Reger – Aus tiefer Not.mp3

Es wäre unbedingt zu begrüßen, wenn die scharfkantigen Aliquoten auf das alte Niveau kämen: Die Mixtur im HW war C=2-1 1/3-1; c0=2 2/3-2-1 1/3-1 etc.; das Cornett C= 4- 2 2/3- 1 3/5; ab c1= 8-4-2 2/3-2- 1 3/5 und ab gs3= 8-4; Das Cornett im SW hört sich wie ein Sesquialter an.
Die derzeitige Disposition ist mir aber nicht bekannt und wird hier gezeigt, wenn wir sie erhalten.

Ganz großen Dank an Sietze de Vries und Wim de Olde für Musik und Bildmaterial.

(gwm)