deutsche Principal-Mensuren und solche der italienischen Orgel

Es ist ein Irrtum zu glauben, wir ständen heute in einer aufgeklärten Welt, in der besonders durch Computertechnologie das Wissen in speziellen Fachbereichen wie dem des Orgelbaus, großartige Vertiefung bevorstände. Es ist eher der umgekehrte Fall, dass längst bekannte Tatsachen mit neuer mängelbehafteter Optik weitere Fragen aufwerfen, wie jene Darstellung in Eberleins „Orgelregister“ über den „Italienischen Principal“, wie ich es nachfolgend aufzeigen werde.
So ist die von Eberlein gemachte Entdeckung, dass Mahrenholz in „Die Orgelregister“ unter „Italienisch Principal“ fehlerhafte Vorstellungen von Hans Henny Jahnn übernommen habe, eine alte Erkenntnis, die bereits Carl Ellis in einem 1952 geschriebenen Nachwort zu dem Buch Renato Lunelli „Der Orgelbau in Italien“ (erschienen 1956) gemacht hat. Und im Gegensatz zu Eberlein schafft es Elis sehr sorgfältig das Thema zu differenzieren und sogar tabellenmässig mit Maßen und Daten zu ergänzen, die das Bild über „Italienische Principale“ fast umfassend erläutern.

Zitate nach Carl Ellis in „Renato Lunelli – Der Orgelbau in Italien“
Die Principale der italienischen Orgel sind eng. Ihre Mensuren stimmen, zumindest in dem Bereich zwischen c und c2, auffallend mit den älteren deutschen Maßen überein. Dazu die nachfolgende Aufstellung:
……………………………………..c4’………c2’…….c1′
1560 Jakob Scherer………..88……….52mm
1577 Matthias Mahn……….85………..46…….26mm
1592 Hans Scherer…………79………..45…….28
1598 Antomius Wilde……….83………..47……29
1624 Scherer d.J……………84………..48……28
1642 Tobias Brunner……….81………..45…….30
1657 Hans Chr.Fritzsche…..76………..50…….30
1696 Arp Schnitger…………88………..51…….27
1700 Carlo Prati…………85…………46……27
1769 Doria………………..81………..50……28
1790 Tronci………………78…………44……26
1836 Serassi……………..85………….51……29

1766 Karl Riepp…………..81………….45……25
1710 Andr.Silbermann………97…………52…….36 – also weiter
1760 Joh.Andr.Silbermann…105……….60……..35 – noch weiter
1750 Pietro Nacchini………..94…………53…….31 – weitere itali.
1778 Callido………………….99…………55…….31
1927 deutsche Normmensur 92.2……….54.9…..32.6

Was somit zu Anfang der deutschen Orgelbewegung über die angeblich weite Mensur des italienischen Principals behauptet wurde, beruht auf Unkenntnis der Tatsachen (Mahrenholz). Nur für Nacchini und Callido könnte das zutreffen, aber Nacchini und die venezianische Schule standen mit der weiten Principalmensur allein. Allerdings fand das weite Principal durch Nacchini eine außerordentliche Verbreitung, hat doch Nacchini annähernd 500 Orgeln gebaut, g. Callido (gest. 1813) nicht weniger als 434 Instrumente. Später verhehlt dann Serassi, der wohl bedeutendste Orgelbauer Italiens im 19.JH, nicht seine Abneigung gegen diese „venezianische Principale“ und schlägt vor, sie als „Flauto principalato“ zu kennzeichnen. Das entspricht somit bereits vor mehr als 100 Jahren der bei uns noch völlig neuen -Erkenntnis, dass die Werte der deutschen Normalmensur zu weit sind und dass es für die Principale einer engeren Mensur bedarf. (zitiert aus Renato Lunelli „Der Orgelbau in Italien“, Nachwort von Curt Ellis, der m.W. 1952 starb)
So hätte ich mir gewünscht, dass in einem modernen Buch über Orgelregister das Phantom des „Italienisch Principal“ etwas erläutert würde. Die Auffassung von Elis, dass die „deutsche Normalmensur“ zu weit sei, ist auch zu seiner Zeit bereits Allgemeingut im Orgelbau gewesen. Die Normalmensur von Walcker war 1950, Principal 4′ C=82mm, c=50,2mm, c1=30mm während der Principal 4′ in der Tabelle von 1904 bei C=99,5 wesentlich weiter war.
Dass aber heute noch die „deutsche Normalmensur“ oder die „Töpfer-Normalmensur“ als Vergleich herangezogen wird, obwohl Jedermann klar ist, dass es ein theoretisch völlig daneben liegendes Abstraktum ist, das wird mir immer ein großes Rätsel bleiben.

gwm (vor der Abreise nach Schottland)

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