Archive for September, 2009

Blaupapier – eine Anfrage aus Mexico

Dienstag, September 22nd, 2009

Als Orgelbauer nimmt man oft Dinge als selbstverständlich und unbedeutend wahr, die für Andere höchste Bedeutung zu besitzen scheinen. So ist es mit diesem „Blaupapier“ das ganz allgemein immer wieder Laien zu Fragen auffordert, oder wie jetzt einen Historiker aus Mexico, der mich nach dem blue-paper befragte, was man anfangs als blue-print missverstand.
hier seine zweite Rückfrage:
Dear Mr. Walcker- Mayer
Can I call you a friend? Because that’s what you are now for me and the project. You don’t know how much you helped us in this particular problem of the reserch! I can’t thank you enough for taking your time to help us. We can now talk about an interesting German organ building influence in the renovation and maintenance of eighteenth century Mexican organs particulary in the State of Hidalgo.
You also provided information about the restoration proces! Thank you so much!
I still have a lot of questions and I’m wondering (if is not to much trouble) if you can provide some of the answers or maybe you can tell us about a source to look for more information about this paper.
I’m wondering…
This paper was only a German tradition? Did it travel through Europe?
I think this paper is also used in harmoniums. Right?
Is there a chance that a Mexican craftsman in the eighteenth century or maybe in the twentieth could have learned how to use it ?
This was also a tradition in wooden pipes?
Dou you know the composition of this wallpaper glue?? Do you know where to buy it?
I’m sending some photos in this mail. With the wisdom of your experience and with the knowledge of many generations of Walckers maybe you can tell us if there is a chance to save all the paper in the restoration process and still have a good wind conduit… we have in our hands a historical piece but we also have the objective to bring it to a working condition.
We’ll like to know your opinion!
I’m sorry if I tooked to much of your time but Jimena Palacios Uribe (conservator of Musical Instruments, proffesor and the director of the project) and I are prepared to give you an oficial thank you document for helping us in our project. Who knows? Maybe you can be our on line assesor…if you want of course!

Long live the Organ!!!

und hier die für unsere Augen absolut einmaligen Fotos aus einer solchen mexicanischen restaurierungsbedürftigen Orgel:
mexico011.jpg

mexico02.jpg

mexico031.jpg

Nun, wie verhält es sich mit diesem berüchtigtem Blaupapier? Wir haben eine Aufzeichnung in Eberhard Friedrich Walckers Notizbüchern gefunden, die zeigt, dass er das erste Blaupapier bei Aristide Cavaillé-Coll etwa 1856/57 gesehen hat und sich beim französischen Orgelmeister die Erlaubnis geholt hat, dasselbe auch in seinen Orgeln verwenden zu dürfen.
Eine andere Version, ich weiß es nicht mehr wo ich dies gelesen habe, sagt, dass Marcussen schon 1830/35 solches Blaupapier verwendet habe.
Das Blaupapier wird ab etwa 1870 bei Walcker und bei vielen deutschen Orgelbauern bis zum II.WK verwendet, vor allem bei Kanälen und Bälgen. Astlöcher und Holzundichtigkeiten werden so leicht eliminiert. Das Blaupapier sauber und faltenfrei anzubringen erfordert aber, dass a) das zu papierene Element (Kanal oder Balg) selbst absolut sauber ist, und b) das Blaupapier auf einer Seite leicht feucht gewässert wird, während die andere Seite gut mit Tapetenkleister bestrichen wird. Dieser Kleister sollte so angerührt werden, wie bei schweren Tapeten. Möglichst keinen Kleister auf die sichtbare Seite anbringen, weil man das nachher sieht.
Bei Laukhuff muss man eine ganze Rolle Blaupapier kaufen, geringere Mengen werden von uns Orgelbauern gerne abgegeben.
Blaupapier wurde natürlich auch in Harmonien verwendet, auch bei Holzpfeifen, was nun aber wirklich keine ästhetische Qualität mehr aufweist.
gwm (bei sonnigem Wetter mal wieder in Bliesransbach)

deutsche Principal-Mensuren und solche der italienischen Orgel

Dienstag, September 15th, 2009

Es ist ein Irrtum zu glauben, wir ständen heute in einer aufgeklärten Welt, in der besonders durch Computertechnologie das Wissen in speziellen Fachbereichen wie dem des Orgelbaus, großartige Vertiefung bevorstände. Es ist eher der umgekehrte Fall, dass längst bekannte Tatsachen mit neuer mängelbehafteter Optik weitere Fragen aufwerfen, wie jene Darstellung in Eberleins „Orgelregister“ über den „Italienischen Principal“, wie ich es nachfolgend aufzeigen werde.
So ist die von Eberlein gemachte Entdeckung, dass Mahrenholz in „Die Orgelregister“ unter „Italienisch Principal“ fehlerhafte Vorstellungen von Hans Henny Jahnn übernommen habe, eine alte Erkenntnis, die bereits Carl Ellis in einem 1952 geschriebenen Nachwort zu dem Buch Renato Lunelli „Der Orgelbau in Italien“ (erschienen 1956) gemacht hat. Und im Gegensatz zu Eberlein schafft es Elis sehr sorgfältig das Thema zu differenzieren und sogar tabellenmässig mit Maßen und Daten zu ergänzen, die das Bild über „Italienische Principale“ fast umfassend erläutern.

Zitate nach Carl Ellis in „Renato Lunelli – Der Orgelbau in Italien“
Die Principale der italienischen Orgel sind eng. Ihre Mensuren stimmen, zumindest in dem Bereich zwischen c und c2, auffallend mit den älteren deutschen Maßen überein. Dazu die nachfolgende Aufstellung:
……………………………………..c4’………c2’…….c1′
1560 Jakob Scherer………..88……….52mm
1577 Matthias Mahn……….85………..46…….26mm
1592 Hans Scherer…………79………..45…….28
1598 Antomius Wilde……….83………..47……29
1624 Scherer d.J……………84………..48……28
1642 Tobias Brunner……….81………..45…….30
1657 Hans Chr.Fritzsche…..76………..50…….30
1696 Arp Schnitger…………88………..51…….27
1700 Carlo Prati…………85…………46……27
1769 Doria………………..81………..50……28
1790 Tronci………………78…………44……26
1836 Serassi……………..85………….51……29

1766 Karl Riepp…………..81………….45……25
1710 Andr.Silbermann………97…………52…….36 – also weiter
1760 Joh.Andr.Silbermann…105……….60……..35 – noch weiter
1750 Pietro Nacchini………..94…………53…….31 – weitere itali.
1778 Callido………………….99…………55…….31
1927 deutsche Normmensur 92.2……….54.9…..32.6

Was somit zu Anfang der deutschen Orgelbewegung über die angeblich weite Mensur des italienischen Principals behauptet wurde, beruht auf Unkenntnis der Tatsachen (Mahrenholz). Nur für Nacchini und Callido könnte das zutreffen, aber Nacchini und die venezianische Schule standen mit der weiten Principalmensur allein. Allerdings fand das weite Principal durch Nacchini eine außerordentliche Verbreitung, hat doch Nacchini annähernd 500 Orgeln gebaut, g. Callido (gest. 1813) nicht weniger als 434 Instrumente. Später verhehlt dann Serassi, der wohl bedeutendste Orgelbauer Italiens im 19.JH, nicht seine Abneigung gegen diese „venezianische Principale“ und schlägt vor, sie als „Flauto principalato“ zu kennzeichnen. Das entspricht somit bereits vor mehr als 100 Jahren der bei uns noch völlig neuen -Erkenntnis, dass die Werte der deutschen Normalmensur zu weit sind und dass es für die Principale einer engeren Mensur bedarf. (zitiert aus Renato Lunelli „Der Orgelbau in Italien“, Nachwort von Curt Ellis, der m.W. 1952 starb)
So hätte ich mir gewünscht, dass in einem modernen Buch über Orgelregister das Phantom des „Italienisch Principal“ etwas erläutert würde. Die Auffassung von Elis, dass die „deutsche Normalmensur“ zu weit sei, ist auch zu seiner Zeit bereits Allgemeingut im Orgelbau gewesen. Die Normalmensur von Walcker war 1950, Principal 4′ C=82mm, c=50,2mm, c1=30mm während der Principal 4′ in der Tabelle von 1904 bei C=99,5 wesentlich weiter war.
Dass aber heute noch die „deutsche Normalmensur“ oder die „Töpfer-Normalmensur“ als Vergleich herangezogen wird, obwohl Jedermann klar ist, dass es ein theoretisch völlig daneben liegendes Abstraktum ist, das wird mir immer ein großes Rätsel bleiben.

gwm (vor der Abreise nach Schottland)