Die Walcker-Dulsanell-Orgeln unter besonderer Berücksichtigung des Opus 1088 in Tomintoul

Es sind etwa 35 Walcker-Dulsanell-Orgeln Anfang 20.JH gebaut und nach Schottland geliefert worden, was die komplexen Umstände dieses Orgelhandels höchst interessant erscheinen lässt in Zusammenspiel mit der Reparatur und Wiederinstandsetzung der Walcker-Orgel in Tomintoul, die wir gerade hier auf den Highlands vornehmen, und die nachweisbar im Opusbuch als Op. 1088 geführt wird. Dort steht: 1 Dulsanell-Orgel (für Tomintoul Church Aberdeen – Class A- mit Voix celeste beigefügt! kommt am 27/5/03 zum Versand. Abgelifert wurde die Orgel am 28.Juni 1903 – ist also bis auf den heutigen Tag fast ohne nennenswerte Ausfälle jeden Sonntag zum Gottesdienst eingesetzt worden, und wird vom Pastor Sven Bjarnason, hier Minister genannt und regelmässiger Leser unserer Blogseiten in Sachen Tomintoul, als wunderbares Begleitinstrument zum Gemeindegesang bezeichnet.
Oscar Walcker hat die Zusammenarbeit in „Erinnerungen eines Orgelbauers“ näher beschrieben. Die Firma J.Marr Woods& Co in Aberdeen bestellte die Orgeln in Ludwigsburg nach einem ausgeklügelten Katalog, der auf die Verhältnisse in Schottland abgestimmt war.
Wir haben es uns nicht nehmen lassen, den gesamten Katalog einzuscannen und hier zu präsentieren, da es nun bald 110 Jahre her ist, wo diese Zusammenarbeit deutschen Handwerks mit englischem Vertrieb höchste Blüten trieb.
Man erinnert sich an die historische Situation: England und Deutschland sind die treibenden Industriemächte in Europa, die sich in und scharfem Konkurrenzkampf und in Kollission aufeinander zubewegen, weswegen von England ein Markierungsgebot für Waren aus Deutschland erlassen wird : Made in Germany. Sehr schnell jedoch wird gerade diese Markierung zur Auszeichnung für hochklassige Waren. Spätestens ab 1905 war für viele Historiker klar, dass es zum Weltkrieg kommen musste.
Wahrscheinlich wurde daher Walcker aus politischen Gründen aus seine guten Geschäftsbeziehungen nach England hinauskomplimentiert. Dafür sprangen dann die Amerikaner in die entstandene Lücke. Seltsam nur, dass der englische Orgelbau für solcherlei Instrumente kein Interesse zeigte.
Hier also der sehr interessante Katalog der Engländer! über die aus Ludwigsburg bezogenen Dulsanell-Orgeln.
dulsanel01.pdf (pdf-Dokument mit 3,16MB)

Die Orgel nach Tomintoul hat, wie man auf dem Katalog nachlesen kann, dort handschriftlich mit roter Tinte eingetragen, rund 121 Pfund gekostet, bei weitem weniger als wir für eine Hand voll neuer Schrauben bezahlen mussten. Vergleichbarer Preis übrigens trifft auf die ähnlich große Hill-Orgel in Inveraven zu, die ebenfalls mit rund 110 Pfund Gesamtkosten 25 Jahre vor dieser Orgel hier zu Buche schlug.

gwm 16.06.09 (am Abend vor der Abreise nach Bukarest)

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