Ergänzungen zum Thema Winddruck

Ich habe von einem Orgelfreund eine Mail erhalten, in der er seine Bedenken in Sachen historischer Winddruck-Bewertung durch verschiedene Schriften und durch Orgelbaumaßnahmen kundgibt. Darüber habe ich bereits darüber einen kleinen Blogbeitrag geschrieben und möchte diesen Gedanken hier noch einmal erneuern und vertiefen am Beispiel des sächsichen Fußmaßes bei Gottfried Silbermann.
Hierzu gibt es die bekannte Schrift von Flade (1926), wo der Winddruck von Silbermann mit 90mmWS angegeben wird. Weiterhin gibt es Orgelmaßnahmen von Wegscheider (94mmWS) und Jehmlich (der einen ersten Winddruck von 94mm später auf 70mm senkte), und es gibt eine Aussage Albert Schweitzers, dass die Zeitgenossen Silbermanns, dessen verwendeten Winddruck als zu gering bewerteten.
Hier nun meine Stellungnahme dazu – im Prinzip eine Rechenaufgabe, und das sollte doch die Oscar Walcker-Schule noch besser hinbekommen:
Das historische Winddruck-Berechnen ist eine große Herausforderung. Einesteils kann es über die Fläche der Bälge berechnet werden, was relativ schwierig ist, andererseits ist das Problem, dass man die Balgtreterei nicht richtig mit den Motoren vergleichen kann, was aber kein Orgelbauer zugeben wird.
In Sachsen war das Fußmaß relativ einheitlich, und zwar eine Elle sind zwei Fuß mit 0,56638 m, was ein Fußmaß von 283mm ergibt. Und nun muss man nur folgende einfache Formel zur Hand nehmen: mmWS = Fußmaß in mm * Grad / (beim duodezimalen System, was hier der Fall sein müsste 12*12= 144) das ergibt exakt 68,78mmWS und natürlich nicht 90mmWS. Also x= fuß * Grad /144 . Würde man das dezimale System zu Grunde legen wäre die Formel x= fuß x Grad/100 und dann wären es 99 mm was vollkommen unglaubwürdig ist. Das ist übrigens der Rechenfehler vieler Orgelbauer, auch der Walcker in Riga etc., weil ab 1872 mit Einführung des Meter auch das duodezimale System verschwand, und viele Handwerker diese Methoden nicht mehr verstanden. (Das geometrische System wo man mit Winkel, Fuß- und 12er System komplexe Berechnungen anstellte)
Ich habe irgendwo einen Bericht über die Orgel von EFW in Ulm (1856) gelesen, dass dort durch die Balgtreter die erwünschten Winddrücke im Pedal von 90mm oder 95mm nicht geschafft wurden. Es waren immerhin 8 Leute damit beschäftigt. Daher vermute ich, dass es überhaupt erst mit den Dampf- und später mit den Elektromaschinen möglich war höhere Winddrücke als 80-90mmWs zu bewerkstelligen.
Alle Windangelegenheiten im 18JH, da bin ich felsenfest überzeugt, waren Drücke um 70 mm WS.

gwm 2.Jan.2009

ergänzt 3.Jan.2009
wurde ich darauf hingewiesen, dass Töpfer in seinem Lehrbuch Orgelbau 1845 hierzu einige wichtige Angaben gemacht hat. Und wir haben ja Zugang zum online-Buch, aus dem ich die beiden Seiten hier einfüge:
2009-01-03_164931.jpg 2009-01-03_164943.jpg
und dazu noch aus meinem Töpferbuch die Abbildung der Windwaage in hoher Auflösung (450kb)
blatt.JPG

Dies möchte ich mit folgenden Zeilen kommentieren:
Man muss allerdings beachten, dass nach der Franz. Revolution auch in den Deutschen Kleinstaaten wie Sachsen, das dezimale System und der Meter Einzug hielten – das war also nach 1789.
Zunächst sagt die Bezeichnung „Grad“ nur aus, dass man eine Einteilung in gleiche Teile vorgenommen hat. Das ist z.T., wie z.B. beim Kreis, der in 360 gleiche Teile geteilt wurde, eigentlich willkürlich. Der Meter ist ja auch ein völlig willkürliches Maß.
Eberhard Friedrich Walcker hat bis ans Lebensende 1872 (dann kam ja der Meter auch in Deutschland) immer Zollstäbe verwendet, wo sowohl das dezimale, wie das duodezimale System aufgebracht war.
Aber beide System zu vermischen ist völlig auszuschliessen. Eher, dass man den Fuß in gleich große Teile geteilt hat (wie auch immer) und dann das dezimale System als Gradsystem auf der Windwaage angebracht hat.
Töpfer kann uns nur etwas sagen über den Gebrauch seines Orgelbauers zu seiner Zeit, nicht aber zu G.Silbermann und Schnitger.
Ich habe auf Ihre Anregung hin, diese TöpferZitate am Ende meines Blogs gebracht und dazu die Zeichnung von Töpfer aus meinem Buch von 1850. Wenn das maßstäblich ist, kann man aus dieser Abbildung (450kb) das originale Gradmaß konstruieren.

Ergänzung 4.1.09
Meine obigen Spekulationen in Sachen „Windwaage und deren Einteilung“ wird sich vielleicht nicht in aller Konsequenz beweisen oder historisch nachweisen lassen, vielleicht ist es auch völlig falsch. Ich habe heute einmal alle wichtigen Bücher nach dieser Sache untersucht und nur bei „Elis – Orgelwörterbuch“ eine weitergehende Antwort gefunden: „G r a d e – Der zehnte Teil eines Werkzolles. Nach Weimarschem Maß ist ein Grad (abgerundet) gleich 2,35mm. Sehr wahrscheinlich waren die Grade der Foernerschen Windwaage (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Förner ANMERK von gwm) etwas kleiner. Nach Graden wird die Stärke des Winddruckes bestimmt. Heutzutage wird der Winddruck in mm angegeben.

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