Archive for Januar, 2009

Die Pierre Schyven-Orgel in der Catedral von San José, Bj.1890

Sonntag, Januar 25th, 2009

Diese dreimanualige Orgel aus dem Hause Pierre Schyven & Cie ist die klangschönste Orgel in Costa Rica.
Das Instrument wurde 1889 gebaut, wahrscheinlich 1890/91 installiert und mehrfach restauriert. So in jedem Fall von Juan Bansbach ab den 1930er Jahren und war dann von ihm in ständiger Wartung. Wir hatten einen Orgelbauer zu Gast der davon sprach, dass man jeden Monat zur Regulierung in die ORgel ging. Nun zuletzt etwa 1998 und dabei mit zwei neuen Zungenregistern aus den USA bestückt, die in der Tat sehr klangschöne Register darstellen. Das Instrument selbst bereitet durch die Vielzahl an Transmissionen verschiedene Probleme. Ein Hauptproblem ist die schwierige Stimmbarkeit der Orgel, was durch die Pfeifenstellungen (alle Ton-Noten sind gebündelt, so dass also die kleinsten Pfeifen neben den größten stehen: C, c, c‘,c“, c“‘) Ein weiteres Problem ist, dass man an entscheidende Regulierstellen hinter den Barkern nicht mehr hinkommt. (teilweise ersichtlich aus den Fotos)

Hier nun erstmals der Kostenvoranschlag von Schyven in französischer Sprache auf drei Blatt:
schyvn.JPG schyvn0001.JPG schyvn0002.JPG

Nachfolgend eine bereinigte Disposition, wo die Erweiterungen /Transmissionen ersichtlich sind:
I.Manual Grand orgue C-g“’= 56 Tasten
1 Bourdon 16′
2 Gambe 16′ C-H aus 1)
3 Montre 8′
4 Salicional 8′
Viola d. Gamba 8′ aus 2) 12 eigene Pfeifen
Prestant 4′ aus 3) 12 eigene Pfeifen
5 Flûte 4′
6 Doublette 2′
7 Fourniture 3f. 2 2/3′
8 Bombarde 16′
Trompetta 8′ aus 8.) 12 eigene Pfeifen
Clairon 4′ aus 8.) 12 eigene Pfeifen

II.Manual Positiv
10 Diapason 8′
11 Flúte 8′
12 Gemshorn Dolce 8′
Octave 4′ aus 10) 12 eigene Pfeifen
Flûte 4′
Doublette 2′ aus 10) 12 eigene Pfeifen
13 Cor anglais 8′ durchschlagend
14 Clarinette 8′ neue Pfeifen USA

III.Manual Récit
15 Bourdon 16′
16 Flúte 8′
Bourdon 8′ aus 15) 12 eigene Pfeifen
17 Dolciana 8′
18 Voix-Celeste 8′
Flûte 4′ aus 16) 12 eigene Pfeifen
Dolce 4′ aus 17) 12 eigene Pfeifen
Flageolet 2′ aus 16) 12 eigene Pfeifen
19 Trompette harmon. 8′
20 Basson hautbois 8′ neue Pfeifen USA
21 Voix humaine 8′

Pedal C-f‘ = 30 Töne
22 Contrebasse 16′
23 Octavbasse 8′
24 Flûte 4′
25 Bombarde 16′
Trompete 8′ aus 25) 12 eigene Pfeifen
Clairon 4′ aus 25) 12 eigene Pfeifen

Appels
O Donner (die Töne C,Cs,D,Ds und E im Pedal werden gleichzeitg gedrückt)
TGO I / Pedal
TP II / Pedal
TR III / Pedal
GO Flauteria I.Manual, schaltet Labiale ein
PGO II / I
RGO III / I
AGO Lengüetas I.Man, schaltet die Zungen im I.Man ein
AR Lengüetas II.Man, schaltet die Zungen im II.Man ein
APO Lengütas Pedal
FG Lengütas III / I
T Tremolo III

Die Catedral Metropolitana ist mitten im Zentrum von San José und wurde 1871 im griechisch-orthodoxen Stil errichtet. Die Vorgänger-Kathedrale wurde bei Erdbeben zerstört. Darin soll eine Aristide Cavaillé-Coll Orgel gewesen sein. Das von Eusebio Rodriguez errichtete Gebäude enthält auch barocke Stilelemente. Die geradlinige Fassade wird von Bögen mit dorischen Säulen gestützt und von einem neoklassizistischen Giebel mit Spitztürmchen gekrönt. Das gesamte Mittelschiff wird von einer gewölbten Decke überspannt, das von zwei Reihen kannelierter Säulen getragen wird. Der Boden ist mit exquisiten Fliesen im Kolonialstil belegt und wird täglich (lautstark) geschrubbt. Schöne Buntglasfenster mit biblischen Motiven (fast alle aus Deutschland) erzeugen eine wundervolle Atmosphäre. Zu verdanken ist die Pracht in der Kirche und auch die Orgel, sowie viel Orgelleben in Costa Rica auch an anderer Stelle, dem deutschstämmigen Bischof Monsenore Bernardo Augusto Thiel (1850-1901), der in der Kathedrale begraben liegt.

die säulengeschmückte Fassade der Catedral Metropolitana

san_jose_catedral08.JPG

Bilder von und in der Orgel:

san_jose_catedral01.JPG san_jose_catedral02.JPG san_jose_catedral03.JPG

ein 35cm breiter Stimmgang !! (links=Récit, rechts=Grand orgue, vor uns das Positiv)
san_jose_catedral05.JPG

Mechanik des Pedal
san_jose_catedral06.JPG

doppelte Traktur des HW : links das Labialwerk, vom Wellenbrett geht es gerade weiter zum Ventil, rechts Winkel zum Zungenwerk
san_jose_catedral07.JPG

Windlade des Hauptwerk – labiale Seite
san_jose_catedral10.JPG

Spieltisch, Pedalkoppelmechanik, darunter die Tritte der Appels
san_jose_catedral11.JPG

Ledermuttern mit Holz-Röhrchen zum Regulieren, eine sehr gute Idee!
san_jose_catedral12.JPG

die geöffneten Barkerventile
san_jose_catedral13.JPG

Regulierstellen hinter den Barkerhebeln, hier werden die Koppeln zum I.Manual und das I.Manual reguliert
san_jose_catedral15.JPG

gwm 25.01.09

Die Walcker-Orgel Opus 3589 in Cartago, Basilika, Bj 1956, 31 Register

Samstag, Januar 24th, 2009

Diese Orgel ist die größte Walcker-Orgel in Costa Rica. Sie ist nach einer Reparatur von mir im Jahre 2007 teilweise spielbar.
Es handelt sich hier um eine Orgel mit elektropneumtischer Kegellade. Vor etwa 20 Jahren stand das Instrument nach Regen rund einen halben Meter unter Wasser, das hat den Kegel-Membranen den Rest gegeben. Aber bemerkenswert, auch diese Orgel ist komplett in Eiche gefertigt, weswegen kein Comejechen-Befall festgestellt wurde, und der Wasserschaden nicht grundsätzliche Zerstörung bewirken konnte, was man auf verschiedenen Bildern sehen kann. Daher kann nur ein Credo für südamerikanische Orgeln sein: Eiche, Eiche und nochmals Eiche!
Momentan wird diese Orgel teilweise im Gottesdienst eingesetzt, was aber durch erheblichen Schaden im Pfeifenwerk und Verstimmungen keinen angenehmen Eindruck hinterlässt.
Diese Kirche ist die berühmteste Kirche in Costa Rica. Hier werden jährlich im August über 3 Millionen Pilger aus ganz Amerika erwartet. Das Gebäude hat eine herrliche Architektur, sowohl außen wie innen. Sie hat ihren Namen von der Schutzheiligen des Landes. Die Fassade ist mit maurischen Bögen und kannelierten Pilastern und Engeln geschmückt. Das kusntvolle Kirchenschiff (siehe Foto) in Form eines doppelten Kreuzes besteht gänzlich aus Harthölzern (leider nicht wie die Orgel aus Eiche, weswegen dort schon Insektenbefall registriert wurde) und ist mit floralen Motiven bemalt. Parabelförmige Bögen ruhen auf kleeblattbekrönten Holzsäulen.
cartago_basilica01.jpg cartago_basilica02.jpg cartago_basilica03.jpg cartago_basilica05.jpg
Disposition:


I.Manual C-c’’’’ = 61 Töne

1. Principal 16’
2. Diapason 8’
3. Flauta 8’
4. Octava 4’
5. Piccolo 2’
6. Mixtur 4-6fach
7. Trompeta 8’

II.Manual im Schweller
8. Bourdon 16’
9. Flauto chimenea 8’
10. Gamba 8’
11. Principal 4’
12. Tapado 4’
13. Flauta de montana 2’
14. Quinta 1 1/3’
15. Oboe 8’
Tremolo

III.Manual im Schweller
16. Quintadena 16’
17. Corno de noche 8’
18. Viola 8’
19. Voix celeste 8’
20. Koppelflöte 4’
21. Principal 2’
22. Sesquialter 2 fach
23. Vox humana 8’
24. Clarin 4’
25. Campanas 20 notas
Tremolo

Pedal C-f’ =30 Töne
26. Contrabajo 16’
27. Subbajo 16’
28. Flauta bajo 8’
29. Pommer 4’
30. Posaune 16’
31. Trompete 8’

6 Normalkoppeln,
dazu
I Super, III/I Super
III/I SUB, III/II SUB, III SUB
III/II Super, III Super
2FK, P-MF- F-Tutti, Anulator
Crescendowalze und 2 Schwelltritte, Zungeneinzelabsteller

und hier weitere Bilder vom Orgelinneren:
cartago_basilica11.jpg cartago_basilica12.jpg cartago_basilica13.jpg cartago_basilica14.jpg cartago_basilica15.jpg cartago_basilica16.jpg cartago_basilica17.jpg cartago_basilica18.jpg cartago_basilica19.jpg cartago_basilica20.jpg cartago_basilica21.jpg

und hier die legendären Röhrenglocken, hier nennt man sie Campanas, die täglich durch das Kirchenschiff erschallen:
cartago_basilica22.jpg

gwm 24.1.09

Die Walcker-Orgel Opus 3051 in Guadalupe-San José

Mittwoch, Januar 21st, 2009

Gebaut 1952 mit 20 Register auf elektropneumatische Kegelladen in die Kath. Kirche Ntra. Sra. de Guadalupe stellt diese Orgel ein ganz interessanten Typ dar, der mit 12 Achtfüssern kaum davon eine Ahnung hinterlässt, dass es gerade in Germanien sehr neobarock zugeht.
Diese Orgel die momentan unten neben dem Altar steht, soll noch dieses Jahr auf eine eigene Empore auf die Westempore gesetzt werden, wozu ich nachfolgende kleine Grafik erstellt habe:

30511.jpg

Die Dispo, vom Spieltisch abgeschrieben, liest sich also sehr Spät-Romantico:

Pedal C-f’ = 30 notes
1. Subbaß 16’
2. Contrabajo 8’
3. Flauta bajo 8’
4. Coral bajo 4’
5. Bombarde 16’
6. I / Ped
7. II / Ped

I.Manual C-g´´´= 56 notes
8. Bordon 8’
9. Principal 8’
10. Flauta 8’
11. Octaviante 4’
12. Quinta 2 2/3
13. Flautino 2’
14. Lleno 4-5h
15. Trompet 8’
16. II/I

17. Sub II/I
18. Super II/I
19. Sub II
20. Super II

II.Manual im Schweller
21. Geigenprincipal 8’
22. Tapado 8’
23. Viola 8’
24. Unda maris 8’
25. Ital. Principal 4’
26. Super Octaviante 2’
27. Oboe 8’
28. Tremolo

Tutti
Crescendo
2 combinationes libres
14 V =

Ja, man war sogar so s p ä t in seiner Romantik vernarrt, dass man wie auf folgenden Bildern ersichtlich ist, die einzige Mixtur radikal aus den Pfeifenstöcken rausgeworfen hat:
30515.jpg 30517.jpg 30516.jpg 30514.jpg

und hier noch zwei Bilder vom Inneren unter den Laden:

30518.jpg 30513.jpg

gwm 21.01.09

Ergänzungen zum Thema Winddruck

Freitag, Januar 2nd, 2009

Ich habe von einem Orgelfreund eine Mail erhalten, in der er seine Bedenken in Sachen historischer Winddruck-Bewertung durch verschiedene Schriften und durch Orgelbaumaßnahmen kundgibt. Darüber habe ich bereits darüber einen kleinen Blogbeitrag geschrieben und möchte diesen Gedanken hier noch einmal erneuern und vertiefen am Beispiel des sächsichen Fußmaßes bei Gottfried Silbermann.
Hierzu gibt es die bekannte Schrift von Flade (1926), wo der Winddruck von Silbermann mit 90mmWS angegeben wird. Weiterhin gibt es Orgelmaßnahmen von Wegscheider (94mmWS) und Jehmlich (der einen ersten Winddruck von 94mm später auf 70mm senkte), und es gibt eine Aussage Albert Schweitzers, dass die Zeitgenossen Silbermanns, dessen verwendeten Winddruck als zu gering bewerteten.
Hier nun meine Stellungnahme dazu – im Prinzip eine Rechenaufgabe, und das sollte doch die Oscar Walcker-Schule noch besser hinbekommen:
Das historische Winddruck-Berechnen ist eine große Herausforderung. Einesteils kann es über die Fläche der Bälge berechnet werden, was relativ schwierig ist, andererseits ist das Problem, dass man die Balgtreterei nicht richtig mit den Motoren vergleichen kann, was aber kein Orgelbauer zugeben wird.
In Sachsen war das Fußmaß relativ einheitlich, und zwar eine Elle sind zwei Fuß mit 0,56638 m, was ein Fußmaß von 283mm ergibt. Und nun muss man nur folgende einfache Formel zur Hand nehmen: mmWS = Fußmaß in mm * Grad / (beim duodezimalen System, was hier der Fall sein müsste 12*12= 144) das ergibt exakt 68,78mmWS und natürlich nicht 90mmWS. Also x= fuß * Grad /144 . Würde man das dezimale System zu Grunde legen wäre die Formel x= fuß x Grad/100 und dann wären es 99 mm was vollkommen unglaubwürdig ist. Das ist übrigens der Rechenfehler vieler Orgelbauer, auch der Walcker in Riga etc., weil ab 1872 mit Einführung des Meter auch das duodezimale System verschwand, und viele Handwerker diese Methoden nicht mehr verstanden. (Das geometrische System wo man mit Winkel, Fuß- und 12er System komplexe Berechnungen anstellte)
Ich habe irgendwo einen Bericht über die Orgel von EFW in Ulm (1856) gelesen, dass dort durch die Balgtreter die erwünschten Winddrücke im Pedal von 90mm oder 95mm nicht geschafft wurden. Es waren immerhin 8 Leute damit beschäftigt. Daher vermute ich, dass es überhaupt erst mit den Dampf- und später mit den Elektromaschinen möglich war höhere Winddrücke als 80-90mmWs zu bewerkstelligen.
Alle Windangelegenheiten im 18JH, da bin ich felsenfest überzeugt, waren Drücke um 70 mm WS.

gwm 2.Jan.2009

ergänzt 3.Jan.2009
wurde ich darauf hingewiesen, dass Töpfer in seinem Lehrbuch Orgelbau 1845 hierzu einige wichtige Angaben gemacht hat. Und wir haben ja Zugang zum online-Buch, aus dem ich die beiden Seiten hier einfüge:
2009-01-03_164931.jpg 2009-01-03_164943.jpg
und dazu noch aus meinem Töpferbuch die Abbildung der Windwaage in hoher Auflösung (450kb)
blatt.JPG

Dies möchte ich mit folgenden Zeilen kommentieren:
Man muss allerdings beachten, dass nach der Franz. Revolution auch in den Deutschen Kleinstaaten wie Sachsen, das dezimale System und der Meter Einzug hielten – das war also nach 1789.
Zunächst sagt die Bezeichnung „Grad“ nur aus, dass man eine Einteilung in gleiche Teile vorgenommen hat. Das ist z.T., wie z.B. beim Kreis, der in 360 gleiche Teile geteilt wurde, eigentlich willkürlich. Der Meter ist ja auch ein völlig willkürliches Maß.
Eberhard Friedrich Walcker hat bis ans Lebensende 1872 (dann kam ja der Meter auch in Deutschland) immer Zollstäbe verwendet, wo sowohl das dezimale, wie das duodezimale System aufgebracht war.
Aber beide System zu vermischen ist völlig auszuschliessen. Eher, dass man den Fuß in gleich große Teile geteilt hat (wie auch immer) und dann das dezimale System als Gradsystem auf der Windwaage angebracht hat.
Töpfer kann uns nur etwas sagen über den Gebrauch seines Orgelbauers zu seiner Zeit, nicht aber zu G.Silbermann und Schnitger.
Ich habe auf Ihre Anregung hin, diese TöpferZitate am Ende meines Blogs gebracht und dazu die Zeichnung von Töpfer aus meinem Buch von 1850. Wenn das maßstäblich ist, kann man aus dieser Abbildung (450kb) das originale Gradmaß konstruieren.

Ergänzung 4.1.09
Meine obigen Spekulationen in Sachen „Windwaage und deren Einteilung“ wird sich vielleicht nicht in aller Konsequenz beweisen oder historisch nachweisen lassen, vielleicht ist es auch völlig falsch. Ich habe heute einmal alle wichtigen Bücher nach dieser Sache untersucht und nur bei „Elis – Orgelwörterbuch“ eine weitergehende Antwort gefunden: „G r a d e – Der zehnte Teil eines Werkzolles. Nach Weimarschem Maß ist ein Grad (abgerundet) gleich 2,35mm. Sehr wahrscheinlich waren die Grade der Foernerschen Windwaage (http://de.wikipedia.org/wiki/Christian_Förner ANMERK von gwm) etwas kleiner. Nach Graden wird die Stärke des Winddruckes bestimmt. Heutzutage wird der Winddruck in mm angegeben.