Die Schyven-Orgel in der Cathedral von San José – Costa Rica

Wir sind hier bereits seit drei Wochen tätig und wollen diese Arbeiten an dieser Orgel hier etwas genauer aufzeigen:
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Das mechanische Instrument mit 3 Manualen und rund 34 Register*, das im Jahr 1890 nach der Erdbeben-Zerstörung einer Aristide Cavaillé-Coll-Orgel***, hier eingebaut wurde, mehrfach repariert wurde, und dadurch teilweise erheblich in seinem Funktionsumfang und besonders im Klang eingeschränkt wurde, war zuletzt über 12 Jahre unspielbar. Neben Reparaturproblemen gibt es aber auch Konstruktionsmängel, verursacht durch den Erbauer.
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Ich habe hier einmal zwei Panoramabilder aus dieser Orgel gefertigt, die ich hier zeigen und erläutern möchte: das Bild oben zeigt die Ansicht der Barkerhebel gegen den Spieltisch bzw. zum Kirchenschiff hin. Links sehen wir hier eine „Abflussinstallation“, die natürlich nicht original belgischer Orgelbaustil ist, und einen besonderen Sinn hat. Mit diesem Kan
al werden die „Barker“ mit 185mmWS gefüttert, was direkt vom Motor abgezweigt wird. Warum? Der Grund sind die mangelhaft neu belederten Barker, die vorher mit rund 120mmWS **betrieben wurden und nun bei diesem Druck nicht mehr erfolgreich arbeiten. So laufen diese Barker mit 185mm wie der Teufel, klappern aber auch nicht unerheblich.
Mit diesen Barkerhebeln werden übrigens auch die Koppeln III/I und II/I betätigt. Also mit dem I.Manual heben diese Hebel 3 Manuale, was im Bass gut bis zu 1,5kg Tastendruck ausmachen kann. Im II.Manual hat Schyven kleine Vorventile auf die Tonventile drauf gesetzt, was besonders bei der Flûte (harmonique), sehr unangenehme Ansprach-Entwicklung zur Folge hat. Spielartverbesserung bringen sie keine.
Ein ganz großer Fehler des belgischen Orgelbauers war die Pfeifenstellung auf den Manualwindladen nach Tönen zu gruppieren. Und ein noch größerer die kleinen Register im Schwellwerk hinten zu plazieren, und davor die großen 8-Fußregister. Damit ist das Récit mehr oder weniger unstimmbar.
Die beiden Manuale I und II werden mit 120mm WS gespeist, während das III.Manual im Schweller mit 90mmWS betrieben wird – das ist völlig unverständlich. Vox humana und Trompete im Récit klingen nach Harmonium, während die Hauptwerkzungen total dominieren. Auch die übrige Klangabwiegung, die man teilweise an den Stimmvorrichtungen als original erkennen kann, ist unlogisch. Das Instrument ist in Principalen, Zungen, Flöten und Streichern viel zu wenig differenziert. Die Windanlage****, besonders die Zuführungen über viel zu enge Kanäle, erlauben nur ein ganz vorsichtiges Plenum, kaum ein Tutti. Der Fehler, die kleinsten Pfeifen direkt neben große Kanzellen zu setzen und damit Zusammenstecher von großen Schleifenbohrungen zu den kleinen zu begünstigen, macht sich bei jedem Register störend bemerkbar.
Schwierig sind auch die Regulierungsstellen, abgehende Winkel und Wippen an den Barkern. Das ganze Mechanik-System ist mit den Windladen- und Stimmbrettern verbunden, was bei Begehung durch Orgelbauer leicht hörbar wird. (Stimmbretter aus massivem, gutem Eichenholz) Die Orgel kann klanglich auch wegen dem Krach in der Kirche nicht das bringen, was nach europäischen Vorstellungen von ihr erwartet würde. Dennoch ist diese Orgel vom Klang her die Klangschönste im Lande. Wir, das sind meine beiden Costaricanischen Helfer und ich, glauben, dass Ende nächster Woche das Instrument soweit spielbar ist, dass es für Gottesdienst und begrenztem Konzertbetrieb eingesetzt werden kann. (gwm)
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*die Registeranzahl ist erheblich niedriger als von allen Quellen geführt, weil Zungen und Principale in verschiedenen Werken Transmissionen sind, wo lediglich die Tonumfänge mit einer Oktave dazu kommen.
** zu den Winddrücken ist natürlich zu sagen, dass die Orgel 1890 von Schyven mit Kalkantenbetrieb geliefert wurde, was kaum 120mmWS Druck ermöglichte. Ein Problem mit dem EFW in Ulm Pedal zu kämpfen hatte. Es wäre interessant zu erfahren was der maximale Druck bei routinierten Kalkanten ganz allgemein sein konnte.
***Es fehlt uns noch die Bestätigung, dass hier tatsächlich ein ACC-Orgel eingebaut war.
****Differenzierten Winddruck und eine nach ACC-Maßstäben ausgerichtete Orgelanlage finden wir hier bei Schyven keinesfalls. Mit nur zwei Bälgen für 3 Manuale und Pedal und einer schwergängigen Mechanik in allen Werken. Etwas Anlehnung an deutscher Romantik und Trompeten nach ACC, das würde ich nun nicht unbedingt als eine Synthese von französischer und deutscher Romantik bezeichnen. Es ist vielleicht ein grober Klotz zwischen beiden Stilisierungen.

Es ist richtig, dass Schyven eine außergewöhnlich gute Qualität des Materials für die Orgel der Kathedrale in San José verwendet hat. Aber auch bemerkbar, dass ungewöhnliche Konstruktionsfehler und eine selten idiotische Anlage der Windladen vorgenommen wurde. So stehen alle Pfeifen der Töne C, c, c1, c2, c3 direkt nebeneinander. Diese Oktavsammlung hat er bei allen Tönen und Windladen gemacht, vielleicht um dem Anziehungseffekt Vorschub zu leisten, der aber in diesem Fall genau ins Gegenteil verkehrt. Nämlich während dem Stimmen ziehen sich die Pfeifen an, bei Spiel mit unterschiedlichen Register sind die hohen Töne verstimmt. Außerdem kommt ein weiteres Manko in diesem Fall zum Vorschein. Wenn bei Schleifladen große Pfeifen neben kleinen Pfeifen stehen, treten vermehrt Durchstecher auf, da die großen Bohrungen natürlich mehr Wind abgeben, und die kleinen Pfeifen zum Mitsummen animieren. Und so hat man gleich zwei Probleme auf einen Schlag. Von dem Mehraufwand beim Stimmen nicht zu reden. An Service haben die Belgier nicht gedacht. Wir sind bereits auf der Suche nach ein paar dressierten Affen, die wir ins Schwellwerk schicken können, um dort die 2 + 4Füsser zu stimmen. Aber vielleicht müssen wir noch warten, bis die ersten guten Tuning-Klons in den USA fabriziert werden.

weitere Bilder aus der Schyven-Orgel:
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