Archive for Oktober, 2008

Walze-Einstellungen bei romantischen Orgeln

Dienstag, Oktober 28th, 2008

Immer wieder fasziniert die fantastische, übergangslose Dynamik, wie z.B. bei der Berliner Domorgel, und wenn ein einziger Spieler mit dem Fuß registeriert und dabei solche waghalsigen Crescendi und Decrescendi wie Heinz Wunderlich bei seiner Reger-Aufnahme es tat, geschehen, und man fragt sich, wie wurde dies bewerkstelligt.
Zum einen natürlich war die ganze Disposition auf dieses Crescendo ausgerichtet, zum anderen haben die Intonateure dieses Kunststück vollbracht, indem sie die Eingliederung der Register in Lautstärke und Charakter ins Crescendo als wichtiges Klangelement beachteten.
Bei Walcker war bis weit in den I.Weltkrieg hinein (bis zu Regers Tod?) es Usus, dass bei Orgeln größer als 30 Register, die komplette Walzeneinstellung im Opusbuch niedergelegt wurde. Daraus nun kann man hervorragende Schlüsse auf den Klang und die Lautstärke der Register ziehen und außerdem kann man diese Angaben für seine eigene Registrierung ausprobieren.
Ich habe dieses Thema einmal gründlicher studiert, weil ich eine „spätromantische“ Walzeneinstellung für das Atheneum in Bukarest vornehmen will. Etwa 20 solche Walzeneinstellungen habe ich untersucht. eine gefiel mir ganz besonders gut, weil es sich um eine Orgel handelt, die heute noch komplett erhalten ist. Sie wurde gebaut 1915 für Rotterdam, Opus 1855, und steht heute in Doesburg NL mit III/75.
In der nachfolgenden Liste mit 38 Stufen erkennt man auf Anhieb zwei markante Dinge: 1. es sind bei weitem nicht alle Register in die Walze integriert worden, weil ja bei diesem System leicht von Hand dazu registriert werden kann, und 2. der Bourdon 16′ des I.Manuals kommt am Schluss.
Stufe Registereinstellung
1 Aeoline, II/I, III/II, III/II, III/I, III/P
2 Gedecktbass 16′ P
3 Salicional 8′ II
4 Dulciana 8′ I
5 Liebl. Gedeckt 8′ III, Harmonikabass 16 P
6 Bourdon 8′ II
7 Traversföte 8′ III
8 Flauto dolce 4′ III, Subbaß 16′ P
9 Bourdon 8′ I, Gedecktbass 8′
10 Viola 4′ II
11 Flute harm- 4′ II, II/P
12 Koncertflöte 8′ II
13 Fugara 8′ II, Violonbass 16′
14 Rohrflöte 4′ I
15 Geigenprincipal 8′ III, Cello 8′ P
16 Nachthorn 8′ III
17 Gamba 8′ I, Floetbass 4′ P
18 Hohlflöte 8′ I, I/P
19 Flötenprinc 8′ II
20 Principal 8′ I, Principalbass 16′
21 Fugara 4′ III
22 Piccolo 2′ II, Flautino 2′ III
23 Oboe 8′ III
24 Octav 4′ I, Octavbass 8′ P
25 Sesquialtera 2 2/3+1 3/5
26 Rauschquinte I, Choralbass 4′ P
27 Liebl. Gedeckt 16′ III
28 Harm. Aetheria III
29 Clarinett 8′ II
30 Cymbel II
31 Mixtur II
32 Trompete II
33 Quintatön 16′ II
34 Mixtur I
35 Cornett I
36 Bourdon 16′ I
37 Basson 16′, Clarine
38 Trompete 8′ I und Posaune 16′ P

gwm 28.10.08

Walckersche Kegelladen in St.Vincent de Paul Paris?

Montag, Oktober 20th, 2008

Hier der Beweis – /Ergänzung am 22.Okt.2008
Provokative Fragen stellt man immer dann, wenn es etwas ganz Außergewöhnliches zu befragen gibt. So die Kegelladen in St. Vincent de Paul, einer Aristide Cavaillé-Coll Orgel aus 1855, die ganz besondere Aufmerksamkeit schon damals im europäischen Orgelbau entfachte. Warum Walcker aber eine Auszeichnung aus Paris erhielt, wird hier nicht weiter debattiert. Sondern wir zeigen die beiden Pläne, die wenige Jahre nach dem Bau dieser Orgel in einem der wichtigsten deutschen Orgelbüchern erschienen: im Lehrbuch für Orgelbau von Töpfer.
Wer diese beiden Zeichnungen anclickt, sollte sich über den gewaltigen Detailreichtum dieser Pläne nicht wundern, jede einzelne hat über 2,5MB. Damit sollte man auch wirklich jedes Detail studieren können! Rechts unten befindet sich die Kegellade des Grand orgue, für die Walcker von der Academie Francaise eine Medaille bekam – die der Ehrenmann Aristide Cavaillé-Coll abgelehnt hatte und diese weiter an Eberhard Friedrich Walcker geleitet hatte. Alles zu seiner Zeit und zu seiner Ordnung.

dsc_0037-1.jpg

dsc_0040-kopie.jpg

Ergänzung am 22.Okt.2008
zunächst einmal möchte ich eine weitere „schöne“ Zeichnung ergänzen, ebenfalls in sehr hoher Auflösung mit rund 2,5MB:
dsc_0038-1.jpg
und nun noch der Hinweis, dass dieser Umstand, dass Cavaillé in einer seiner berühmtesten Orgeln „Kegelladen“ eingebaut hat, heftig auf dem französisch-sprachigen Forum .cultureforum.net/> diskutiert wird.
Dabei hat sich herausgestellt, dass es sich um eine Windlade des Grand orgue handelt mit folgender Disposition:
Montre 16′
Gambe 16
Montre 8
Gambe 8
Montre 4
Voix Céleste 8 ‚
… mit besten Dank und Grüßen an Pierre.

und last not least der Grundriss der Orgel, der bestimmt jedes Orgelbauerherz höher schlagen lässt:

dsc_0039-1.jpg

(gwm)

Mixturen in Bukarest (1)

Samstag, Oktober 11th, 2008

Die Mixturen in der Walcker-Orgel in Bukarest verdienen eine besondere Aufmerksamkeit, weil
a) diese Mixturen aus einem orgelbewegten Instrument stammen, wo man also die Einflüsse von Mahrenholz und Jahnn in dieser Beziehung gut studieren kann, und
b) weil diese Stimmen eine klangliche Besonderheit haben, die ich einmal als „sehr zurückhaltend“ bezeichnen möchte.
Allerdings muss dazu gesagt werden, dass die Intonation der ersten Mixtur, die wir hier darstellen, der Hauptwerksmixtur, problembehaftet war.
mixtur.jpg
Wir steigen hier einmal etwas tiefer in die Materie ein, weil oft der Zusammenhang zu diesen Mixturen nicht voll erkannt wird.
Wie muss eine Mixtur zusammengesetzt sein und welche Kraft muss sie haben? mixtur-kopie.jpg
Eine Frage, wie sie jeden Orgelbauer und jeden Organisten schon bewegt hat.
Mixturen sind synthetische = künstliche Teiltöne des tiefsten Prinzipalregisters des Werks auf dem sie plaziert sind. Mixturen enden in der Regel mit dem 1 1/3′ oder 2′ auf der letzten Note. Die Zusammensetzung der Chöre ergibt sich aus der geschacklichen Komponente und den physikalischen Bedingungen. Alle Mixturen, die mehr als 5 Chöre haben, müssen, wenn sie bei einem Chor kleiner als 2′ beginnen, Chorverdopplungen haben, die immer problematisch sind – wie es auch im vorliegenden Fall ist.
Bei einem 8′-Prinzipal auf dem die Hauptwerkmixtur aufbaut haben wir folgende Teiltöne:
1. Teilton = 8/1 = 8′ C
2. Teilton = 8/2 = 4′ c (Oktave 4′)
3. Teilton = 8/3 = 2 2/3′ g (dafür haben wir eine relativ zwarte Quinte im HW)
4. Teilton = 8/4 = 2′ c‘ (Superoktav 2′)
5. Teilton = 8/5 = 1 3/5′ , e‘ (dieser Teilton fehlt im HW, ein typischer Fehler der Orgelbewegung)
6. Teilton = 8/6 = 1 2/6 = 1 1/3′ g‘ (damit beginnt der Hauptwerkmixtur erster Chor)
7. Teilton = 8/7 = 1 1/7′ = b‘ ( fehlt in der Romantik und auch in der anf. Orgelbewegung)
8. Teilton = 8/8 = 1′ c“ in unserer Mixtur vorhanden
9. Teilton = 8/9 = d“, None, Quinte der Quinte
und jetzt von weiterem Interesse nur noch der
12.Teilton = 8/12 = g“ Duodezime = 2/3′ in Mixtur vorhanden
16.Teilton = 8/16 = c“‘ = 1/2′ vorhanden
24.Teilton = 8/24 = g“‘ = 1/3′ vorhanden

Wir haben also für den ersten Grundton C die fünf synthetischen Teiltöne des Prinzipal 8′
C = 1 1/3 – 1 – 2/3 – 1/2 – 1/3 in der Mixtur vorhanden, das heisst, diese Teiltöne werden extra verstärkt und geben dem Plenum entsprechende Kraft und Helligkeit. Denn beim Prinzipalregister sind in jeder einzelnen Pfeife diese Teiltöne auch vorhanden, aber sie schwächen sich zu den Teiltönen nach oben zu ab. Der Grundton ist am stärksten. Will man Partialtöne verstärken geht das über die Bauweise (konische Bauweisen verstärken immer die ungeradzahligen Teiltöne, also Quinten und Terzen, während zylindrische Bauweisen die geradzahligen fördern). Mit den Mixturen können wir also unabhängig von der Bauweise der Pfeifen gerad- oder ungeradzahlige Teiltöne verstärken. Das war in der Frühromantik ein anderer Klang als in der Orgelbewegung, aber auch heute ist es wieder verifiziert.
Bei den Mixturen müssen spätestens alle Oktave eine Repetition (Rückschritt in der Tonhöhe) gemacht werden, weil sonst die Pfeifen unhörbar hoch werden würden. Bei zugeschaltetem Principal 8′ sollten diese Repetitionspunkte nicht mehr gehört werden.
In den 60er Jahren hat man diese Mixtur auf 5fach begradigt und die oberen Chöre entfernt. Außerdem hat man die Mixtur in der Lautstärke angehoben, um das fehlende Defizit auszugleichen. Damit wurde die Mixtur lauter und hässlicher. Mit der Rückführung auf die ursprüngliche Zusammensetzung auf 5-7 fach wurde diese Mixtur wieder angenehmer. Beiliegend ein PDF mixturen.pdf
mixturen.pdf, wo dies studiert werden kann. Man hat also damals die Quinten doppelchörig gemacht, ursprünglich waren aber nur die 2′ und 1′ Chöre doppelt. Interessant in diesem Zusammenhang, dass bei doppelten Chören immer die Füße beim enger mensurierten Chor länger gemacht wurden, um den beim Stimmen auftretenden „Anziehungseffekt“ zu minimieren.
Das Versetzen der Repetitionspunkte ist nicht nachvollziehbar. Denn Walcker hat seine Mixturen immer bei den C-Tönen repetieren lassen.
Als Abschluss noch ein Bild mit den wichtigsten Intonationswerkzeugen, wie man sie hier benötigt:
pf_werkzeug01-kopie.jpg
und ein ganz spezielles Werkzeug, dass bei diesen kleinen Pfeifen sehr wertvoll sein kann:
werkzeug.jpg

(gwm) 2008
weitere Hinweise unter:
http://orgelromantik.aeoline.de/2008/11/01/mixturen-und-ihre-zusammenstellungen-ab-1864/