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Anmerkungen zum Thema Winddruck

Samstag, Juni 14th, 2008

Ich bin immer wieder erstaunt welche groteske Fehldiagnosen und falsche Vorstellungen man über den Winddruck in der Orgel bei Orgelbauern und Laien vorfindet. Bei Laien natürlich verzeihbar; obwohl gerade bei Vorarbeiten zu Restaurierungen immer wieder Laienliteratur vom Orgelbauer als Arbeitsunterlage herangezogen wird, was zu falschen Restaurationsbeschlüssen führen kann. Dies war vor einigen Wochen der Grund einen kleinen Film über dieses Thema zu machen, der ein grundsätzliches Problem verdeutlichen sollte, das viele Orgelbauer, die ich gekannt habe, falsch einschätzten: nämlich,dass der Wind im geschlossenen System messbare Unterschiede aufweisen würde. (Die rein theoretische Sicht, dass ja der Wind immer fliesst, wollen wir bei dieser Betrachtung mal außen vor lassen) Daran schliesst sich das fehlerhafte Wissen über den Wind an, dass die ganze Dynamik des Windes nicht vom Orgelbauer richtig erfasst werden kann. Erst bei „fliessendem, bewegten Wind“ nämlich, machen sich Reibungsverluste an Bohrungen und Windkanälen bemerkbar, die bis zur „letzten Öffnung“, der Kernspalte, gemessen werden können. Aber hinter jedem Widerstand verbirgt sich dann ein anderer Winddruck! Diese ganze komplexe Dynamik des Windes richtig zu erkennen und gewissermaßen „organisch“ durchzudenken, das ist eigentlich die zukünftige Aufgabe gewissenhaften Orgelbaus.
Seit zwei, drei Jahren versuche ich aus verschiedenen Büchern die Winddrücke alter Meister zu rekonstruieren. Mir ist dabei klar geworden, dass besonders in der Zeit um 1872 in Deutschland, als man vom Fuß- auf das Metermaß übergegangen ist, viele Orgelbauer mit fehlerhaften Methoden und falschen Rechenoperationen zu Gange waren, was bis heute der Fall ist. Weil kaum noch einer weiß, wie man vom Grad aufs Metermaß schliessen kann.
Ein Büchlein von Eberhard Walcker, einem Sohn Eberhard Friedrich Walckers, offenbarte mit verschiedene Umrechnungen von Grad auf mm, die völlig daneben lagen.
Wichtig ist, dass die Ermittlung des mmWS-Wertes vom jeweiligen ortsabhängigen Fußmaßes berechnet werden. Hierzu habe ich einen umfassenden Beitrag auf unseren Seiten geschrieben.
Ich möchte nun die Umrechnung von Grad auf mm zeigen. Es ist eine einfache Formel.
mm WS = sei der gesuchte Wert in mm
Fußmaß = das ortsübliche Fußmaß in mm
144= der Faktor der sich aus 12 Zoll zu 12 Linien ergibt (darf aber nicht schematisiert werden, da neben dem duadezimalen System auch das dezimale gehandhabt wurde!!)
Gradzahl= der bekannte alte Winddruckwert in Grad
und hier die einfache Formel:
mm WS= gültiges Fußmaß /144 x Gradzahl
Nach dieser Formel ergeben sich für die Marienkirche in Riga folgende Winddruckwerte auf der Basis von 286,5mm für den Württemb. Fuß:
Gradzahl………mmWS
48……………..95,50 Pneumatik Wind
42……………..83,56 I.+II.+III.
40……………..79,58 IV.
46……………..91,52 Ped

Ein weiterer derzeit online offenbarter Fehler in der Windberechnung betrifft die Jakobi-Orgel in Hamburg. Hier schreibt Hendrik Ahrend in dem hier verlinkten PDF:.. der originale Winddruck der Schnitger-Orgel in St. Jacobi habe 38 Grad betragen, aus dem Hamburger Fußmaß umgerechnet also sei das 91,34 WS. Das ist mir sofort schleierhaft erschienen. Das Hamburger Fußmaß hatte über alle Zeiträume hinweg immer rund 286,57mm. Das ergibt nach unserer Berechnung 75,62mm WS ursprünglichen Druck für die Schnitger-Orgel in HH-Jakobi, stellt also eine eklatante Falschbewertung von Ahrendt dar. Der nämlich im weiteren Text behauptet, sein Vater habe einen weit niedrigen Winddruck von 81mm in die Orgel eingebracht, und weswegen die Unterstellung, die Orgel sei zu laut, nicht richtig sein könnte.
Ähnliche Fehlberechnungen habe ich auch in Sachen Gottfried Silbermann gelesen, die mir allerdings gerade in Bukarest nicht zur Hand sind.
Was ich damit sagen will ist, dass das Phänomen „Wind“ noch lange nicht bei den Orgelbauern in „trockenen Tüchern“ ist, und besonders dann für Probleme sorgen kann, wenn es um ältere Instrumente geht, die restauriert werden sollen,und womöglich gar mit aufwendigen historischen Windanlagen gestaltet werden sollen, wo doch schon an einfachsten Dreisatzaufgaben Patzer der übelsten Art gemacht wurden.
gwm 14.Juni 2008