Original versus Digital – restaurierte Technik, wie weit soll man gehen?

Was wir eigentlich bei „Restaurierung“ immer vermuten, nämlich der Zeit angemessene Methoden zu verwenden, kann bei einer Abkapselung im „historischen Raum“ zur verfehlten Ausrichtung am Leben völlig daneben gehen.
Und so kann geschehen, was wir ja genau verhindern wollen, nämlich dem „alten Ding“ seine bisher bewiesene Langlebigkeit (sagen wir besser „Lang-Lebendigkeit!“) auf weitere Dezenien auszudehnen, es gerät bei Hintergehung der Gegenwart zum Monument und damit in einen „ungeliebten“, sprich „statischen“ Zustand.
Eine historische Orgel hat in der Regel weitere Funktionen zu erfüllen als ein reines Museumsstück, nämlich nach seiner Restaurierung soll es an Liturgie und Musikgeschehen der Gemeinde teilzunehmen.
Bei einer Konzertsaalorgel, wie wir es hier in Bukarest zu tun haben, kommt ein weiterer Aspekt dazu, dass diese Orgel ins Orchester der Philharmonie integriert werden soll, und dass bestimmte Anforderungen an Aufnahmetechnik gestellt werden. Eine mechanische Kegelladenorgel hätte hier schlechte Karten, um bestehen zu können.
Der weise Oscar Walcker wusste schon, dass er hier substantiell auch keine elektropneumatischen Kegelwindladen ins Konzertsaalorgelngeschehen einbringen sollte, sondern Taschenladen. Obwohl zu seiner Zeit weniger die Aufnahmetechnik als die verfeinerte Durchhörbarkeit der Konzertsäle Grund dafür waren.
Wenn man heute an solch eine Orgel herantritt, hat man es mit drei verschiedenen Personen zu tun: dem Aufnahmetechniker, dem Organisten und dem Hauswart.
Der Erste macht dem Orgelbauer gleich klar, dass er keinerlei Induktionsfunken abreissender Magnete im Spieltisch und so wenig wie möglich klackende und hustende Relais &Pneumatiken auf seinen Aufnahmen zu hören wünscht. Auch wenn er heutzutage jeden einzelnen Huster des grippalen Publikums herauszuzaubern in der Lage ist, so stören diese kleinen fast unbedeutenden Induktionen der Magnete ein digitales Mischpult viel mehr, weil sie sich überall im Netz wie tausende von giftigen Kobolten ins Innere der CD-Aufnahmen einschleichen wo sie seuchenhaft ihr Unwesen treiben.
Also heißt die Devise, so wenig wie möglich mechanische Klackapparate in den Spieltisch, der an vorderster Stelle der Orgel auf zentralem Podium zu finden ist. Die Taschenladen kommen dem Aufnahmetechniker entgegen, sie sind weitaus leiser als elektrische Schleifladen.
Dann also kommt der Hauswart, der sich zuerst beklagt, dass die 640adrige Kabelleitung mit Steckern von der Orgel zum Spieltisch ein Grundproblem seiner Arbeit darstellte. Zudem mussten die Stecker und Buchsen alle zehn Jahre erneuert werden. Das Ein- und Ausfahren des Spieltisches, dies wiederum beklagt der Organist, der versichert, dass er diese Arbeit manchmal alleine zu tätigen hat, wenn er morgens um 2 Uhr (vom Frühschoppen) zum Üben kommt, muss also soft und leicht vonstatten zu gehen sein.
Nun, beim Organisten sind wir an einer Stelle angekommen, die uns sagt, ein Spieltisch, der nicht der internationalen Vorstellungen entspricht, von Bedienung und Ausmaßen, ist für viele Konzertorganisten, die nur wenig Zeit zum Einüben mitbringen, eine Horrorvorstellung.
Martin Rost hat dagegen sehr richtig argumentiert, dass bei spätromantischen Orgeln die Walze und die zwei freien Kombinationen ihre Berechtigung haben. Aber wir haben hier keine Spätromantik und keinen alten Spieltisch, der einer Stilepoche zugewiesen werden kann. Dazu kommt, dass die alte Walze im ppp so klappernd laut ist, dass man nur schwer die Aeoline respektive Vox coelestis, die von uns wieder dazu gebaut wird, überhaupt wahrnehmen kann.
Grundgedanke macht sich dann auch auf den Weg, nämlich, wenn man beginnt die Technik der Spätromantik zu restaurieren, es handelt sich ja bei einer spätromantischen Walze um ein analoges Registrieren, das einer Idee von Eberhard Friedrich Walcker zugrunde liegt, dann muss man ganz konsequent auf der analogen Behandlung der Technik beharren, weil sonst diese Technik ad absurdum gewiesen wird. Es ist ja auch eine musikalische Idee, die an der Orgel als Organismus anknüpft. Und jeder Organismus ist letztendlich ein auf analogen Empfindungen und Äußerungen basiertes Wesen. Dann kann man also bei einer solchen Orgel nur begrenzt die „digitale Rechentechnik“ einschieben, die ganz entschieden jener Idee von Organismus widerspricht. Alles Digitale ist insgeheim ein Widerspruch zur Romantik!!
Wir haben in Bukarest auf Grund der Vorgaben meiner Meinung keine andere Möglichkeit gesehen als einen neuen digitalen Spieltisch hier einzubauen, der nun mit einem winzigen Computer-Stecker mit der Orgel verbunden ist und der für Aufnahmetechnik, Wartung und internationale Organisten keine Probleme darstellt.
Dennoch sehe ich, wie andere, dass damit ein ideeles Problem aufgetaucht ist, wie ich es im vorangegangen Text beschrieben habe.
Dieses Problem wirkt noch wesentlich tiefer, wenn man erkennt, dass Orgelmusik zu einem großen Teil ja nur über digitale Medien aufgenommen wird, wie MP3-Player, Stereoanlage etc., da in diesen Fällen die Analogie nur simuliert wird. Es gibt ja gar keine Dynamik mehr, sondern das ist alles nur Schein des Scheines.
Diesen schwierigen Zusammenhang möchte ich an einem anderen Beispiel verdeutlichen.
Als ich vor 6 Jahren zum ersten Mal ins Atheneum trat, war ich überwältigt von den ungeheuer schönen und gigantischen Marmorsäulen im Empfangssaal. Der Eindruck hat sich in der jüngsten Zeit mehr und mehr verstärkt, als ich die komplette Inneneinrichtung des Atheneums aus blank poliertem Marmor studieren und fotografieren konnte. Die unterschiedlichen Marmorarten wurden mir mit der Zeit geläufig. So erkannte ich den berühmten Carrara-Marmor aus Italien, griechischen Marmor aus Thassos und natürlich Bucova Marmor aus Rumänien. Nun bekam das Ganze einen Sprung, als ich feststellte an einer abgesplitterten Stelle, dass es sich um Gips handelte, der perfekt bemalt wurde und über der Bemalung eine Hochglanzpolierung erfolgte. Das ganze Ambiente des Atheneums bracht zwar nicht in mir zusammen, da ja immerhin die erstaunliche Leistung der Bemalung anstelle der natürlichen Gestaltung gesetzt wurde, aber ein Sprung war da.
Ich glaube so kommen wir auch unserer Orgelmusik näher, die nun wie Gips in der Hand zerbröseln kann, aber immerhin die erstaunliche technische Leistung zu Tage tritt, die ein geringfügiger Ersatz für die hohe Kunst sein kann.
gwm 13.1.08

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