Opus 2011, Reval Karlskirche

Diese Orgel, im Jahre 1923 während der Wirtschaftskrise in Deutschland von Oscar Walcker gebaut, hat einige Merkwürdigkeiten, die es darzustellen gilt.

Es ist ja heute die Zeit, wo wir ins Ausland fahren müssen, um die Orgeln unserer Vorväter noch zu sehen, weil hierzulande Krieg und Sachverständigenwesen gnadenlos alles kaputtgeschlagen haben, was an Werten vor und zwischen den Kriegen geschaffen wurde. Und dass nun gerade jene deutsche Sachverständigenkaste sich als „Bewahrer Europäischer Orgelgüter“ ins Rampenlicht zu bugsieren anschickt, das ist der große Treppenwitz der Kulturgeschichte.
Wir können also dank „Nichteinfluss deutscher Sachverständiger“ hier von „naturbelassenen“ romantischen Walcker-Orgeln aus europäischen Länder berichten oder auch aus Südamerika etwas erzählen, und wir hoffen, dass dieser Zustand noch sehr, sehr lange anhält. Wehe aber, man läßt unsere mit Epoxidharz und synthetischen Klängen bewaffneten „Orgelexperten“ auf die unschuldig gelassenen Landschaften los! Der deutsche Gelehrte hat mit „Romantik“ nichts zu schaffen: er hasst sie! – und die hier in Deutschland restaurierten Orgeln klingen genau nach diesem Hass – gründlich und penetrant.

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Die erste Merkwürdigkeit ist der Umstand, dass diese Orgel mit ihrem Dreiturmprospekt sehr exakt der Leipziger Gewandhausorgel nachgebildet ist, allerdings nicht in den ausgewogenen Proportionen, sondern nur in den klassischen Formen der Füllungen und Kuppeltürme. Unverständig, wie man diese völlig harmonische Proportionierung von Gropius verlassen konnte, um eine solche weitaus ungünstigere Gesamtharmonie aller Teile dafür in Kauf zu nehmen.
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Die zweite Merkwürdigkeit ist, dass Oscar Walcker diese Taschenladenorgel mechanisch gestaltete, mit nachfolgender Pneumatik, wie es sehr oft in Spanien gemacht wurde. Ich kann mir nur denken, dass der Organist aus Tallinn Leipzig besucht hat und sowohl von Gestaltung als auch von Technik dort überzeugt war. Diese Orgel in Leipzig war mit mechan. Kegelladen mit Barker ausgerüstet. Also dies und nicht die von Oscar favorisierte „elektrische Traktur“ hat sich hier durchgesetzt.

2011reval_schnitt.jpgschnitt der Orgel Op2011 Reval

Tallinn oder Reval liegt bekanntlich in Estland, das bis vor rund zwanzig Jahren zur sowjetischen Einflusssphäre gehörte. Die Orgel in der Nikolaikirche v. Tallinn und alle drei Orgeln in Narva (Johanniskirche, Alexanderkirche, Michaeliskirche) sind mit dem Krieg abgebrannt.

Die größte Orgel Estland, die hier genannte der Karlskirche ist komplett in Ordnung. Es wurden in den 60er Jahren die Taschen erneuert, und dies dürfte in den nächsten Jahren wieder fällig sein. Ebenso gut steht es mit der Orgel der Olaikirche in Tallinn, die von Eberhard Friedrich Walcker gebaut wurde und später mehrfach umgebaut worden ist. Die deutsche Olai-Kirchengemeinde gibt es aber seit 1939 nicht mehr.

Ebenso gut erhalten sind die Orgeln in Torma (1903), in Nüggen (1890), Lohsuu (1898), in Kodavere (Kirchholm) (1899) und Maria-Magdalena (1900).

(hierzu vielleicht noch der Hinweis, dass die Taschen aus der Zeit 1910 bis 1930 eine Lebenserwartung von 70 Jahren gehabt haben, nach den damaligen Co2-Werten. Das heutige Leder und die heutigen Klimabedingungen haben diese Halbwertszeit beachtlich reduziert, auf maximal 30-40 Jahre)

(gwm)

siehe hierzu auch den Auszug aus Oscar Walcker „Erinnerungen – Reval 1923“ ow_reval1923.pdf

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