Wir haben momentan drei Projekte laufen, in denen die Frage kontrovers diskutiert wird.. Hierzu sehe man sich die beiden Spieltischbilder an, welche die unterschiedliche Behandlung solcher Fragen sofort schlagartig vor Augen führen.

A) alt und schön: Der eine ist ein Walcker-Spieltisch der dreißiger Jahre: eine vollkommen unproblematische Sache. Bei dem man die Kabel auswechseln kann, oder auch belassen kann. Die Kontakte werden hier alle gegen neue Silberkontakte erneuert. Danach spielt das Gerät wie bisher seine 70-80 Jahre. Auch die Registerschalter erhalten neue Kontakte und Federn und sind dann wie neu. Man hat hier nur zwei Freie Kombinationen, eine etwas geräuschhafte Walze und ein paar Feste Kombinationen. Damit kann man in der Regel bei 30-40 Register per Orgel gut leben.

B) alt und hässlich: Der andere überlastete Spieltisch ist ein Problem, weil hier bei Störungen sehr großer Zeitaufwand erforderlich ist, den Fehler zu finden, und durch das Ab-und Zubauen der Anschlussbretter weitere Störungen in die Kabeln einschleichen können. Diese Spieltische sollten unbedingt innen mit neuer Technik aufgerüstet werden.
C) neues Design: Wird Setzerkombination, Midistation und Mobilität verlangt, so sind in der Regel so große Veränderungen an der Technik vorzunehmen, dass es nicht mehr bei einer Beibehaltung des äußeren Erscheinungsbildes bleiben kann. Denkmaltechnisch ist das zumindest kritisch. Vom modernen Spielverständnis verständlich. In solchen Fällen kann man letztendlich einen komplett neuen Spieltisch unter Verwendung des alten Spieltischgehäuses einbauen, der mit Lichtwellenleiterkabel oder Telefonleitung mit der Orgel verbunden wird. In der Orgel werden dann Treiber für die einzelnen Magnete in separatem Schaltgehäuse eingebaut. Die dreiadrige Telefonleitung kann mit dem Telefonnetz verbunden werden, so dass der Spieltisch bei Störung an das entsprechende Ingenieursbüro gleich die Fehlermeldung liefert. Auch weitere Daten können hier übermittelt werden.
Dies also eine “saubere” und einfache Lösung nach heutigem technischen Design, die eigentlich nur zwei grundsätzliche Schwachstellen hat. Nämlich
a) Der Orgelbauer kann in dieser Zone kaum noch einen Fehler beheben und
b) die weitere technische Entwicklung läßt das momentane Technodesign kurzfristig veralten. Und damit entsteht etwas, was wir im Orgelbau garnicht gerne sehen. Nämlich, dass laufend an diesen Techniken von “betriebsfremden” Ingenieuren herumgedoktert wird. Kommt der Orgelbauer zur 3. Hauptstimmung steht in der Regel ein neuer Spieltisch da (USA- Crystal Palace).
Die Auffassung, dass die alten seidenumspannten Kabel zu Störungen führen würden, und die daher oft rigoros ausgewechselt werden, ist vollkommen falsch. Diese Seidenumspannung wurde mit einer chemischen Lösung fabriziert, die zur Folge hatte, dass die Kupferkabel 100%ig oxidierten und mit großem mechanischem Aufwand abgerieben werden müssen, damit man sie überhaupt löten kann. Kontaktschluss mit Nachbarkabel kann es nicht geben. Bei fahrbaren oder steckbaren Spieltischen ist natürlich klar, dass alle die damit verbundenen Kabel Litzekabel sein müssen - das gab es früher nicht, was immer wieder zu Abbruchstellen führt. Seltener aber auch anzutreffen ist, dass mit Säure gelötet wurde und somit hier ein Heer an Störungen auf der Lauer liegen - besonders wenn teilweise Elektronik zugeführt wird.
Aus Fehler in der Vergangenheit zu lernen gipfelt in dem Schlußsatz, egal wie immer man sich bei der Frage “alten Spieltisch restaurieren oder ersetzen” auch entscheiden mag, der alte Spieltisch oder dessen Innereien sollten unbedingt aufbewahrt werden,am besten in einem benachbarten Museum.
Denn wie froh wäre man heute in Hamburg, Stockholm, Oslo oder sonstwo, wenn man den alten Spieltisch wieder hätte.
(gwm)